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Ein ganz besonderes Weihnachtsfest

Ein ganz besonderes Weihnachtsfest

10.12.2016, 21:03 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Bundesrepublik war gerade mal 4 Jahre und ich 5 Jahre jung. Das Wirtschaftswunder lief noch nicht. Die Flüchtlinge freuten sich, wenn sie ein Dach über dem Kopf hatten, auch wenn sie beengt wohnten.

So war es auch mit meiner Familie. Vater. Mutter und 3 Kinder in einer Wohnung, die aus Wohnküche, Schlafzimmer, einem Miniflur und Toilette bestand. In der Küche ein großer Herd auf dem gekocht und die Wohnung geheizt wurde. Gewaschen und Zähne geputzt wurde mit kaltem Wasser, so wie es damals üblich war.

Im Winter 1952/53 überstand ich eine schwere Lungenentzündung, von der ich mich sehr schlecht erholte, so dass der Arzt eine Kinderverschickung verordnete. Meine Eltern waren schon damals ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz und meldeten mich deshalb dort an. Wie groß war die Freude als es hieß, dass ich 3 Monate nach Norwegen, nicht in ein Heim, sondern zu einer Familie fahren durfte.

Mitte Oktober ging es los. Ein – damals üblicher – Persilkarton war Kofferersatz und ich durfte zum erstenmal in meinem Leben mit dem Taxi in die nächste Stadt zum Bahnhof fahren, wo der Zug hielt der mich nach Norwegen brachte. Da wir abends losfuhren, dauerte die Reise insgesamt zwei Nächte und einen Tag. Das obligatorische Kärtchen um den Hals auf dem mein Name und die Adresse stand. Ganz stolz waren wir Kinder, so weit reisen zu dürfen. In Kiel wurde der gesamte Zug in eine Fähre bugsiert, die bis Oslo fuhr. Ich erinnere mich noch ganz genau an den dunklen Bauch der Fähre.

Am schönsten war das Einkaufen


In Oslo kamen wir Kinder in einen Wartesaal und spielten fangen und verstecken bis wir nach und nach abgeholt wurden. Als man meinen Name aufrief, fragte ich mich natürlich zu was für Menschen ich kam. Es war eine ganz liebenswerte Familie. Wir haben uns von Anfang an ins Herz geschlossen. Mutter, Vater, eine 14-jährige Tochter und ein 19-jähriger Sohn. Die Schäferhündin Senta nicht zu vergessen.

Nach vier Wochen gab es keine Sprachschwierigkeiten mehr und ich fühlte mich wirklich zu Hause. Da der Vater (Far) einen Gemischtwarenladen hatte, war auch dieser für mich ein großer Spielplatz. Ich durfte „mithelfen“ beim Waren auffüllen und beim Verkauf. Am schönsten war aber das einkaufen. Da ging ich wie eine richtige Kundin in den Laden und Far bediente mich, sehr zum Vergnügen der anderen Kundschaft. Nach dem „Einkauf" ging ich zu Mutter (Mor) in die Küche und sie behielt alles was sie brauchte. Die anderen Sachen kamen wieder in den Laden zurück. Bald lernte ich auch ein Mädchen in meinem Alter kennen und wir wurden sehr gute Freundinnen. Zusammen mit ihrem Bruder haben wir manche Streiche ausgeheckt. Vor allen Dingen das „Skijöring“ machte uns Spaß.
Schneeballschlachten gefielen uns besonders, da Senta, die immer dabei war, versuchte die Schneebälle zu fangen. Die Vorweihnachtszeit mit ihren norwegischen Traditionen waren für mich zwar neu, doch ich genoss sie. Am 12. Dezember, dem Lucia-Tag durfte ich mit einem Lichterkranz Weihnachtslieder singen. Weihnachten mit der gesamten Familie. Großeltern, Tanten und Onkel waren da. Es war für mich, das Nachkriegskind, das Paradies.

Auch hinterher blieben wir in Verbindung. Jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten kamen die obligatorischen Pakete. Nicht nur von Mor og Far, sondern auch von den Großeltern und der Tante.In den 60er Jahren schlief die Verbindung leider ein. Das Leben setzte andere Prioritäten.

Nach 63 Jahren habe ich meine norwegische Familie wieder


Im vergangenen Jahr überlegte ich, ob ich durch das Internet etwas über die Kinder der Familie erfahren könnte. Es gab einen User des gleichen Namens bei Facebook. So schrieb ich ihn an und fragte, ob er mein norwegischer Bruder sei. Keine Antwort kam. Am 15. Oktober diesen Jahres loggte ich mich auf Facebook ein und staunte nicht schlecht als ich Post hatte.

Ja, es war mein norwegischer Bruder und er freute sich genauso wie ich, dass wir uns wiedergefunden haben. Mit der Schwester schreibe ich jetzt auch wieder ganz altmodische Briefe. Auch sie haben mich all die Jahre nicht vergessen. Sogar die Kinder wussten genau wer ich bin, da sie oft von mir hörten. Nach 63 Jahren habe ich meine norwegische Familie wieder.

Mein Weihnachtswunder vom 15. Oktober 2016

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37 Kommentare

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Welch ein Glück, Dagmar!
Es klingt wie ein Märchen, das wahr geworden ist!
Ich wünsche dir, dass Ihr noch lange in Kontakt sein könnt!
  • 19.12.2016, 01:18 Uhr
  • 1
Das, liebe Hannah, wünsche ich mir auch von Herzen.
  • 19.12.2016, 09:11 Uhr
  • 0
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wow...schön.
Dankeschön, Dagmar. Ich habe das sehr gern gelesen
  • 16.12.2016, 09:16 Uhr
  • 1
Gerne Monika, mir hat es dort so gut gefallen. Ich glaube, das kann man aus der Geschichte auch rauslesen.
  • 16.12.2016, 10:59 Uhr
  • 0
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wunderschön!
  • 15.12.2016, 19:55 Uhr
  • 1
Dankeschön Edelgard
  • 15.12.2016, 22:05 Uhr
  • 0
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Ich kann nur sagen:

Welch ein Geschenk....ich freu mich sehr für dich!!! Geniesse die Zeit mit deinen Lieben und vielen Dank für diese tolle Geschichte!

Dir noch eine tolle Weihnachtszeit!
  • 15.12.2016, 07:00 Uhr
  • 1
Ganz vielen Dank liebe Claudia. Auch Dir ein ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest. Bei mir geht es turbulent zu, da ich am 28. Dezember umziehe.
  • 15.12.2016, 07:37 Uhr
  • 1
  • 15.12.2016, 10:21 Uhr
  • 0
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Ein solch schönes Elebnis vergiss man sicher sein ganzes Leben nicht mehr. Ich denke, dass es noch viel schöner für dich ist, nach so vielen Jahren wieder Kontakt zu heben.
FROHE, GLÜCKLICHE UND FREIDLICHE WEIHNACHTEN!
  • 15.12.2016, 06:38 Uhr
  • 1
Das stimmt Martin. Meine norwegischen Geschwister freuen sich ebenso. Es wird bei den Briefen und Telefonaten viel gelacht und auch geweint.
Dir wünsche ich ebenso friedliche, ruhige und besinnliche Weihnachten.
  • 15.12.2016, 07:39 Uhr
  • 1
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Eine schöne Geschichte die zu Herzen geht.
Danke das du sie mit uns teilst
  • 15.12.2016, 00:18 Uhr
  • 1
Gerne Michaele. Denn diese drei Monate haben mich wirklich mein Leben lang begleitet.
  • 15.12.2016, 07:40 Uhr
  • 0
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ein schöneres geschenk gibt es nicht und das wort "" wunder "" paßt grüße dich .
  • 11.12.2016, 10:39 Uhr
  • 1
Danke wize.life-Nutzer. Jetzt heißt es wieder ein wenig norwegisch lernen. Denn für nächstes Jahr ist ein Wiedersehen geplant. So viel Zeit haben wir ja nicht mehr, denn mein Bruder ist ja unterdessen 82 Jahre und meine Schwester 77 Jahre alt.
  • 11.12.2016, 10:43 Uhr
  • 0
dagmar fromm , zum glück gibt es tetefon ,habe auch eine schwester in kanada und eine in england .
  • 11.12.2016, 17:07 Uhr
  • 0
Das ist zwar richtig, nur mit dem Unterschied, dass Du Dich mit Deinen Schwestern deutsch unterhalten kannst. Wir radebrechen englisch.
  • 11.12.2016, 17:51 Uhr
  • 0
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wirklich toll, dass du das für uns aufgeschrieben hast und ich bewundere dein Gedächtnis
  • 10.12.2016, 21:55 Uhr
  • 1
Danke Ba. Das war auch einmalig. Sogar mein "großer Bruder" hatte Freudentränen als wir uns wiederfanden.
  • 10.12.2016, 21:58 Uhr
  • 0
das glaube ich dir gerne!!!
  • 10.12.2016, 22:03 Uhr
  • 1
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wow ... was für eine schöne geschichte
ich habe auch eine freundin aus amerika
aber leider keinen kontakt mehr
und das über 34 jahre
habe auch versucht sie zu finden
bis jetzt ohne erfolg ....
  • 10.12.2016, 21:47 Uhr
  • 1
Nur nicht den Mut verlieren. Ich hab vor ein paar Jahren auch versucht die Familie zu finden. Doch da waren sie noch nicht auf FB. Immer wieder mal probieren. Ich wünsche ganz viel Glück,
  • 10.12.2016, 21:49 Uhr
  • 0
danke dir und es freut mich sehr
das du sie gefunden hast
  • 10.12.2016, 21:52 Uhr
  • 0
Ja, nächstes Jahr sehen wir uns wieder. 63 Jahre älter, trotzdem wissen wir noch so viel.
  • 10.12.2016, 21:55 Uhr
  • 0
einfach toll
  • 10.12.2016, 21:56 Uhr
  • 1
Danke Tina.
  • 10.12.2016, 21:59 Uhr
  • 2
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Oh wie wunderbar

Danke für's Teilen
  • 10.12.2016, 21:30 Uhr
  • 1
Gerne Claudia, Du weißt doch, geteilte Freude ist doppelte Freude.
  • 10.12.2016, 21:35 Uhr
  • 1
Ja

Sehr berührend ♥
  • 10.12.2016, 21:42 Uhr
  • 1
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