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Waschtag

Waschtag

17.03.2017, 16:36 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Waschtag

Wenn ich vor der Waschmaschine auf dem Badezimmerfußboden hocke und die schmutzigen Kleider meiner Kinder sortiere, gibt es Momente, in denen mir inmitten von kakaobekleckerten T-Shirts, Socken mit feuchtbraunen Sohlen, die ohne Schuhe im Garten getragen wurden und Jeans mit grasgrünen Flecken an den Knien, das Herz aufgeht und meine Augen feucht werden.
Das passiert immer dann, wenn ich vor dem Beladen der Trommel, die Taschen ihrer Jacken und Hosen leere, um die Dinge herauszubefördern, die sie dort aufbewahrt haben und die es ihnen wert waren, überall mithingeschleppt zu werden.
Ich finde das Haarbüschel des Babyalpakas aus dem Tierpark im Nachbarstädtchen, das im Zaun des Geheges hing und so wunderbar weich ist, dass man es kaum glauben kann und deshalb zwischendurch immer mal wieder heimlich und verstohlen mit der Hand darüberstreichen muss.
Die schrumpelige Eichel mit dem Hütchen, die aussieht, wie ein alter Mann, die irgendwann wundersamerweise einfach so auf dem Gehweg lag, obwohl dort nur Kastanienbäume stehen.
Einen Stein, der auf der einen Seite fast schwarz ist und auf der anderen Seite silbrig glitzert.
Einen an den Rändern stumpf gewordenen Glasscherben, in dem alle Regenbogenfarben schillern, wenn man ihn ins Sonnenlicht hält.
Eine weiße Feder aus meinem Lieblingsdaunenmantel, die in Wirklichkeit ein Engel aus seinen Flügeln verloren hat, als er über unseren Schlaf wachte.
Den kleinen niedlichen Eulenanhänger vom Freundschaftskettchen aus dem Kaugummiautomaten, das schon beim ersten Tragen kaputtgerissen ist.
Eine leere Tintenpatrone, in der die winzige Kunststoffkugel, die verhindern soll, dass während des Schreibens mit dem Füller, zuviel Tinte aus der Öffung läuft, beim Schütteln nah ans Ohr gehalten, noch winzigere Geräusche macht.
Einen klitzekleinen Strauß vertrockneter Gänseblümchen, für die es keine ebenso klitzekleine Vase gab.
Die rote Schleife mit dem Glöckchen, die dem Schokoladenhasen aus dem Osterkörbchen um den Hals hing, den man eigentlich nie aufessen wollte, weil er so furchtbar süß aussah.
Und drei durch Körperwärme weich und unförmig gewordene, in Goldfolie gewickelte Sahnebonbons, die aufgehoben wurden, weil sie so lecker sind, dass man sie unmöglich sofort lutschen kann, wenn man sie irgendwo geschenkt bekommt.

All diese Kostbarkeiten stecke ich in eine kleine Schachtel, auf die in krakeliger Schrift "Schatstrue" gekritzelt wurde.
Sie steht im Flurregal und manchmal sehe ich, dass der Deckel nicht richtig aufliegt. Dann muss ich lächeln.
Denn ich weiß, dass ein Kind einen ganz besonderen Schatz wieder herausgeholt hat und ich ihn am nächsten Waschtag wieder aus irgendeiner Jacken- oder Hosentasche ziehen und genau dann ganz besonders stark fühlen werde, wie sehr ich meine Kinder um ihretwillen liebe.

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