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Was wirklich wichtig ist

Was wirklich wichtig ist

11.07.2017, 14:53 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Neulich war ich auf dem Markt und neben mir stand eine Frau Ende 50, die Jungpflanzen für ihren Garten brauchte, sich auf ihren Einkauf aber nicht konzentrieren konnte.
Immer wieder blickte sie nervös die Fußgängerzone hinunter und rief laut den Namen „Tom, Tohom!“.
Automatisch schaute auch ich in diese Richtung, konnte aber niemanden entdecken.
„Ist Ihnen Ihr Mann abgehaun, um sich dem leidigen Shopping zu entziehn?“, witzelte ich.
Nein, es handele sich um ihren Sohn, sagte sie. Was mich ein wenig verwunderte, denn um ein Kleinkind, das man nicht unbeaufsicht über den Marktplatz schlendern lassen konnte, konnte es sich aufgrund ihres Alters kaum handeln.
Er sei geistig behindert und man könne ihn nicht lange alleine lassen, schon gar nicht außerhalb des Hauses, denn er belästige die Leute, sei distanzlos und oft sehr laut, erklärte sie.
Da sah ich einen jungen Mann die Straße heraufkommen. Er hielt seine Augen halb geschlossen, hatte einen hochkonzentrierten, seligen Gesichtsausdruck und fuchtelte mit seinen Armen wild und ausladend in der Gegend herum, wie ein Dirigent, der in seiner inneren Welt das Konzert seines Lebens gibt, völlig ungeachtet der befremdeten Blicke von Passanten, die dieses Schauspiel beobachteten, den Kopf schüttelten oder versuchten, ihn peinlich berührt und möglichst unauffällig, nicht zu beachten, obwohl sie ihn am liebsten angestarrt hätten.
Für mich war er ein herzerwärmender und wunderschöner Anblick.
Und ganz plötzlich war mir etwas absolut und unerschütterlich klar:
Menschen, deren Gehirn anders ist, als das von uns „Normalen“, vernehmen in Momenten höchstmöglicher Zufrieden- und Selbstversunkenheit, eine aus einer unsichtbaren Welt stammende wundervolle Musik, die nur sie hören können, weil sie besonders sind und ihre kindlich gebliebenen Sinne für Dinge geschärft, die wir anderen nicht wahrnehmen, weil wir nicht mehr an Wunder glauben können.
Diese Erkenntnis war für mich in diesem Augenblick so selbstverständlich und deutlich, dass ich voller Freude breit lächeln musste und das Bedürfnis hatte, sie umgehend Toms Mutter mitzuteilen.
Erst runzelte sie die Stirn.
Überlegte kurz.
Und dann musste auch sie lächeln und sagte nun etwas, das mir unkontrolliert die Tränen in die Augen trieb:
„Ja, das kann tatsächlich sein. Es gibt Momente, da ist er ganz friedlich. Und Musik kann solchen Frieden bewirken.
Wissen Sie, es ist wahnsinnig anstrengend, die Mutter eines solchen Kindes zu sein. Es bedeutet Sorge, Ärger, Schlaflosigkeit, manchmal Hadern, manchmal Wut, keine Ruhe zu haben und nie mehr frei zu sein.
Aber eins ist sicher, denn er kann sich nicht verstellen:
Ich werde geliebt. So sehr geliebt! Und mehr brauche ich nicht im Leben.“

Ja, das wird sie.
Und mehr braucht sie nicht.
Mehr brauchen wir alle nicht.

Ich danke Gott von Herzen für solche Begegnungen.

2 Kommentare

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Eine tiefgründige Geschichte.
Hannah Arendt hat ähnliche Erkenntnisse in "Wahrheit und Lüge in der Politik" verarbeitet.
  • 12.07.2017, 10:17 Uhr
  • 2
oh, danke für den hinweis, mein lieber....das buch kenne ich gar nicht...
  • 12.07.2017, 14:41 Uhr
  • 0
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