wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Februar 1962,  Nordhessen

Februar 1962, Nordhessen

07.08.2017, 14:35 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ort und Zeit: Februar 1962 in Hofgeismar. Zwölf Jahre jung ich, mein Bruder Hans ein Jahr jünger. Meine Mama schwanger und in den letzten Monaten im Krankenhaus, weil wegen einer Blutgruppenunverträglichkeit Probleme vor und bei und nach der Geburt meiner Schwester anstehen würden. Ich erinnere mich, dass mein Vater uns, seinen beiden Söhnen, wie selbstverständlich den Haushalt übergeben hatte – und wir diese zusätzliche Aufgabe auch wie selbstverständlich angenommen hatten. Gestern fand ich bei Aufräumarbeiten 2 kleine Briefe, die ich meiner Mutter damals geschrieben hatte. Und weil sie sich so arglos einfach, so bemüht gelesen haben und aus dem sanften Schreiber später ein so ungebärdiger Jungspund geworden ist, dem solche Zeilen nicht mehr zuzutrauen waren, werde ich diesem braven Jungen hier mit den zwei Briefen ein kleines Denkmal setzen. Schade, dass es ihn so nicht mehr gibt.

Liebe Mama,
heute möchte ich dir wieder einmal schreiben. Gerade bin ich mit meinen Schulaufgaben fertig geworden. Es waren ja nicht sehr viel. Nur Deutsch und Englisch. Papa ist noch nicht von der Arbeit und Hans noch nicht von der Schule zurück. Als wir zuletzt aus dem Krankenhaus kamen und wir wieder zuhause waren, verlief alles wieder in seinem alten Gang. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Hans und ich zanken uns nicht. Heute Morgen wollten wir in die Schule und konnten nicht. Die Tür war von außen abgeschlossen und unseren Schlüssel habe ich gestern in seinem Versteck vor der Tür vergessen. Wir haben aber dann Frau Limbach angerufen. Die öffnete uns die Tür und nun konnten wir zur Schule gehen. Hans ist schon ganz verzweifelt gewesen, weil es schon 15 Minuten von 8:00 Uhr war. Doch er ist bestimmt noch rechtzeitig in die Schule gekommen. Als wir aus dem Haus traten, bekamen wir einen gelinden Schrecken: Schnee, Schnee, nichts als Schnee und es schneite immer noch dicke Flocken. Auch heute Nachmittag hat es noch geschneit. Der Schnee ist aber immer noch besser als Regen. Darüber können wir uns nur mit Autofahrern streiten. Bei uns gibt es sonst nichts neues, auch nicht in der Schule. So, nun will ich Schluss machen, wie geht es denn Dir?
Viele Grüße, Dein Mike

Liebe Mama,
da Papa und Hans einen Brief an Dich schreiben, werde auch ich einen schreiben. Was meinst du wohl, wie sie hier alle beide sitzen und fleißig schreiben. Ab und zu eine Frage und dann hört man wieder nur das Kratzen der Federn. Ich glaube, so fleißig ist noch nie an jemanden geschrieben worden. Hans einen ganz hochroten Kopf vor lauter Eifer. Übrigens, erinnerst Du dich noch an die Mathearbeit, die wir geschrieben haben? Und was meinst Du, was ich für eine Note habe? Eine Zwei. Leider nicht besser aber immerhin die drittbeste Arbeit in der Klasse. Sonst ist in der Schule nichts nennenswertes geschehen. Papa hat heute die Arbeit gekündigt. Der junge Herr Köhler hat nichts weiter zu Papa gesagt, als "Na Herr Biedermann, wenn sie sich verbessern wollen, kann man ja nichts mehr ändern!" Ich hatte ja eigentlich gedacht, dass er in Ohnmacht fällt, aber er fiel nicht. Bei uns regnet es schon Tag für Tag. Wenn wir am Abend ins Bett gehen: "Tropf, tropf, tropf." Wenn wir morgens aufstehen: "Tropf, tropf, tropf." Eintönig klopft der Regen Tag und Nacht ans Fenster. Nur kurz hört er einmal auf, dann legt er eine Pause ein um darauf mit doppelter Kraft gegen das Fenster zu klatschen. Unheimlich hört sich das an.
Ist es bei dir in Kassel auch so regnerisch?
Hoffentlich klingelt bald das Telefon, mein Vater nimmt den Hörer ab und: "Guten Tag Herr Biedermann. Ja, Herr Biedermann, sie haben ein Töchterchen bekommen."
So, liebe Mama, jetzt will ich Schluss machen,
es grüßt Dich Dein Mike.

Mehr zum Thema

2 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Eine sehr berührende Geschichte!

Was sagt Robert Betz dazu?

In jedem Mann lebt ein kleiner Junge und in jeder Frau ein kleines Mädchen, denn unsere Vergangenheit – seit unserer Zeugung - ist lebendig in uns gespeichert. Das heißt, wir können uns selbst in jedem Augenblick unserer Kindheit besuchen, das Kind, das wir waren, lebendig wahrnehmen, seinen Körper sowie seine Gefühle fühlen, seine Gedanken hören und seinen Gesamtzustand verwandeln.

Und diese Gefühle spüren einige Leser in Deinen oftmals heftig geführten Artikeln. Auch die Verletzungen, die das Leben danach gebracht hat
  • 07.08.2017, 15:35 Uhr
  • 0
wize.life-Nutzer, außer rein körperlichen Verletzungen musste ich solche glücklicherweise nie verkraften. Aber dein R. Betz-Zitat ist schön gewählt
  • 07.08.2017, 15:50 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.