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Der Schmetterling

Der Schmetterling

08.08.2017, 11:44 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

In den dunklen Stunden des Lebens, in denen man nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, bekommt man manchmal "Zeichen", ich nenne sie Wegweiser, die aufzeigen, was zu tun ist, damit die Seele und mit ihr man selber, wieder zurück findet auf den Weg der Genesung. Ich weiß nicht, wo sie herkommen, aber ich bin überzeugt, dass es sie gibt und dass ihr Ursprung eine gütige Kraft ist, für die man keinen Namen braucht, manche nennen sie wohl Gott. Mir selber ist es schon mehrfach widerfahren und ich beobachte es auch bei Anderen.
Eine besonders beeindruckende derartige Begebenheit, betraf ebenfalls nicht mich, sondern einen Mann, den ich sehr gern habe.

Sebastian hatte eine unglückliche, von Lieblosigkeit geprägte Kindheit, er wurde ein unglücklicher Erwachsener und sehnte sich sein ganzes Leben lang doch nur nach Einem: zu lieben und wiedergeliebt zu werden. Dies blieb ihm versagt. Seine gleichsam lieblose Ehe scheiterte, sein inniger Wunsch nach einer Frau und einem Kind, denen er die ganze Liebe, die er zu geben hatte, schenken konnte, blieb unerfüllt.
Nach seiner Scheidung, lernte er Stefanie kennen, für die er rasch tief empfand. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie ein Mensch war, der Andere nur dafür benutzte, bewundert und angehimmelt zu werden, um das eigene Selbstwertgefühl zu erhöhen. Als er dies nach ein paar Monaten durchschaute - sie hatte sich auf eiskalte Weise von ihm getrennt, weil sie eine bessere Partie getroffen hatte - war er am Boden zerstört. Er begann zu trinken und alles, was ihm einen letzten Rest Halt gegeben hatte, brach im Sog des Kummers unter seinen Füßen weg. Er begann in Phasen exzessiven Saufens, bei kostspieligen Sexhotlines anzurufen, weil er der trügerischen Hoffnung erlag, auf die Art zumindest ein Minimum an menschlicher Nähe und Zuwendung zu bekommen, was natürlich absurd war und ihm seine letzte Selbstachtung nahm.
Er häufte so zudem schnell einen beträchtlichen Schuldenbetrag an, der ihn zusätzlich belastete. Zu seinen qualvollen Seelenschmerzen gesellte sich nun auch Existenzangst.
Seine Freunde wandten sich von ihm ab, seinen Arbeitsplatz konnte er nur unter größter Kraftanstrengung erhalten. Wir sprachen regelmäßig miteinander – ich war die Einzige, die er noch hatte - er war verzweifelt, weinte viel und sah keinerlei Sinn mehr in Allem, was er tat und in Allem, was ihn als Person ausmachte und dessentwegen ich ihn so sehr mochte. Alle meiner Versuche, ihn erkennen zu lassen, was für ein liebenswerter Mensch er war, scheiterten. Er hatte kein Gehör und kein Gespür mehr dafür, dass auch sein scheinbar nutzloses Leben eine Bedeutung hatte. So oft bat ich ihn, nicht aufzugeben und darauf zu vertrauen, dass alles im Leben, insbesondere die schlimmen Dinge, eine für uns gute Wendung nehmen werden, auch wenn wir das oft nicht glauben oder darauf vertrauen können, weil wir verzweifelt nach dem "Warum“ fragen und nicht nach dem "Wozu ist es gut“. Doch ebenso oft wies er mich ab und litt weiter. Dennoch war ich fest davon überzeugt, dass seine Sehnsucht nach Liebe sich erfüllen würde, wenn er nicht verzweifelte und daran glaubte.
Aber er sah nur Dunkel, kein Licht.

Eine Weile nach unserem letzten Gespräch rief er mich an und war auf seltsame Weise ruhig. Hörte ich ihn etwa lächeln? Ja, ich hatte mich nicht geirrt. Er hatte an diesem Nachmittag einen Spaziergang durch die Felder gemacht, sich auf eine Wiese gesetzt und hing dort seinen trüben Gedanken nach, als auf einmal ein Schmetterling zu ihm flatterte und sich auf seinen Arm setzte. Dort spreizte er seine prächtig gemusterten Flügel, die aussahen, als seien sie mit feinstem Puder bestäubt, sodass seine Schönheit rundum zu bewundern war. Seine zarten Glieder verursachten ein sanftes Kitzeln auf der Haut und seine Fühler bewegten sich leicht im Wind. Selbst, als Sebastian sich ihm mit seinem Finger näherte, um seinen samtig pelzigen Körper zu berühren, flog er nicht fort. Er saß dort minutenlang und es schien Sebastian sogar, als betrachtete er ihn. In diesen Minuten passierte etwas mit Sebastian. Er fühlte plötzlich Gelassenheit und hatte den Eindruck, dass sich in ihm etwas veränderte, das er aber nicht benennen konnte.
Ich war mir sofort sicher, dass dies nicht zufällig passiert war und ihm etwas Gutes bevorstand. Sebastian nahm mich zwar nicht wirklich ernst, aber er hatte das erste Mal seit Langem nicht gehadert und nicht geweint.
Es vergingen ein paar Monate, in denen unser Kontakt abbrach und dann klingelte mein Telefon. Er war nicht wiederzuerkennen. War gelöst, lachte und hatte eine frohe Neuigkeit.
Er hatte eine Frau kennengelernt, sie hieß auch Stefanie. Die beiden waren einander begegnet und es hatte sofort gefunkt. Sie nahm ihn so an, wie er war. Mit all seinen Fehlern, deshalb wagte er sogar, ihr anzuvertrauen, dass er Schulden hatte und auf welche ihn beschämende Weise sie zustande gekommen waren. Statt ihn zu verachten, liebte sie ihn nur noch mehr. Und obwohl sie nicht viel verdiente, hatte sie sich bereit erklärt, mit einer kleinen Erbschaft, die sie eigentlich anlegen wollte, den Betrag zu bezahlen, damit er von dieser Last befreit war und beide unbeschwert ihre Zweisamkeit genießen konnten. Er konnte sein Glück kaum fassen.
Und es ging noch wundervoller weiter. Kurze Zeit später war sie schwanger, sie zogen zusammen, heirateten und mit Mitte Vierzig wurde er doch noch Papa eines kleinen Jungen.
Das alles ist so schön und so unglaublich, dass mir jetzt beim Aufschreiben immer noch die Augen feucht werden.

Ich hatte übrigens nie den Gedanken, zu ergründen, was der Schmetterling in der Symbolik bedeutet. Mein Bauchgefühl sagte, etwas Gutes, das reichte mir.
Aber nun, da mir das alles wieder einfällt, habe ich gegoogelt und eine Gänsehaut bekommen:
Der Schmetterling steht für Wandel und Veränderung!

Die Zeichen gibt es also wirklich.
Man muss nur die Augen aufhalten, um sie zu sehen…

21 Kommentare

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Sehr schön geschrieben. Es gibt sehr viel Unerklärliches
  • 08.08.2017, 17:33 Uhr
  • 0
es gibt sogar sehr sehr viel...
  • 09.08.2017, 09:10 Uhr
  • 1
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Danke Rose für diesen Post. Wunderschön, gefühlvoll und sehr emphatisch (Hoffentlich hann isch dat rischdisch geschrieb).....Liebe Grüße Barbara
  • 08.08.2017, 16:56 Uhr
  • 2
und wenns nicht rischdisch geschrieben wäre...wischdisch ist nur der Inhalt der worte, nicht ihre korrekte Schreibweise...

danke...
  • 09.08.2017, 09:11 Uhr
  • 2
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Meine Frau und ich kümmerten uns einige Jahre um einen großen, schwarzen, zottigen und trotzdem gutaussehenden lieben Hund, wenn sein Frauchen zum Skilaufen und in den Sommerurlaub fuhr oder ihren Sohn mit Familie besuchte.
Der Hund gewöhnte sich so an uns, dass er eines Tages, als sein Frauchen wieder von einer Reise zurückkehrte, gar nicht wieder zu ihr zurück wollte.
Ich konnte ihn nur austricksen, in dem ich so tat, als ob ich mit ihm sein Frauchen besuchen wollte. Als ich beim Eintreten schnell die Wohnungstür hinter ihm von Außen schloss und wegging, fühlte ich mich richtig schäbig und elend.
Einige Monate später starb er an einer Magenumdrehung, weil er zu schnell zwei Stockwerke runter wollte, um seinen Magen zu entleeren.
Wie ich herausfand, hatte sein Frauchen ihm sein frisch gekochtes Fressen zu heiß "serviert" Sie hatte sich ohne ihn zum Schwimmen verabredet und er sollte vorher schnell noch Fressen.
Das ist mehr als zehn Jahre her und ich könnte jetzt noch heulen - aus Trauer und Wut, dass wir ihn zurückgeben mussten.

Immer, wenn ein dunkel gefärbter Schmetterling auf unsere Terasse fliegt, bilden wir uns ein, dass Chivas uns besuchen kommt.
  • 08.08.2017, 14:42 Uhr
  • 3
  • 09.08.2017, 12:54 Uhr
  • 0
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Ja die Schmetterlinge...sie geben Kraft.
Danke 🌹 !
  • 08.08.2017, 13:59 Uhr
  • 1
  • 09.08.2017, 09:11 Uhr
  • 0
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Töchterlein war 4 oder 5 jahre alt, als sie eine Raupe in ein Glas legte. Jeden Tag wurde die Raupe mit frischem Grün versorgt.
Wir verbrachten die Ferien auf Norderney ... und das Glas musste mit. Irgendwann, wir kamen vom Strand zurück, sah Katja einen winzigen Blutstropfen am Glasrand und die leere Raupenhülle. Obwohl das Fenster geöffnet war, saß am Fensterrahmen ein wunderschöner Schmetterling.




http://www.viversum.de/online-magazi...hmetterling
  • 08.08.2017, 13:29 Uhr
  • 1
der wollte nicht gehn, ohne nochmal danke zu sagen..
  • 08.08.2017, 13:32 Uhr
  • 2
habs vergessen zu schreiben ... das dachten wir auch ...
  • 08.08.2017, 13:33 Uhr
  • 1
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Wenn ich auf mein Leben in allen Höhen und Tiefen zurückblicke, kann ich sagen: Es ist bisher immer alles gut ausgegangen. Diese Erfahrung gibt mir Zutrauen, ich lebe glücklich und wie bei Sebastian hat die Liebe zu mir gefunden
  • 08.08.2017, 13:24 Uhr
  • 2
das ist schön...ich wünsche mir so sehr, dass viele menschen, die hadern, verzweifeln und drohen zu verbittern...ihr herz nicht ganz dafür schließen, dass es solche "wunder" gibt...
  • 08.08.2017, 13:26 Uhr
  • 1
das wünsche ich uns allen. Rose, du bist ein
  • 08.08.2017, 13:33 Uhr
  • 0
für nen engel bin ich eindeutig zu zotig und frech...
aber ich würde gerne irgendwann ein einigermaßen guter mensch sein, das ist mein ziel...
  • 08.08.2017, 13:34 Uhr
  • 2
ein Engel, der mit der Zeit geht
  • 08.08.2017, 13:35 Uhr
  • 1
  • 08.08.2017, 13:36 Uhr
  • 0
wieder mal zweideutig
  • 08.08.2017, 13:50 Uhr
  • 0
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Ein schöner Beitrag von Dir, liebe Rose. Ich glaube auch, dass in dunklen Stunden irgendwo ein Licht herkommt, auch wenn es nicht sofort erkennbar ist und manchmal länger auf sich warten läßt.
  • 08.08.2017, 12:37 Uhr
  • 2
da muss ich mal wieder auf einen wohlbekannten spruch hinwesen, der in fast jedem Poesiealbum steht: "und immer, wenn du denkst, es geht nicht mehr...kommt von irgendwo ein lichtlein her..."
  • 08.08.2017, 13:00 Uhr
  • 1
So isses
  • 08.08.2017, 13:06 Uhr
  • 0
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