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Als das Küssen noch geholfen hat

06.02.2017, 15:52 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Als das Küssen noch geholfen hat
Was waren das für glückliche Zeiten als das Küssen noch geholfen hat.
Was täte ich küssen, wenn das Küssen noch helfen tät – und was täte Niedecken beten, wenn das Beten noch helfen tät.br


Mit Marianne konnte ich mich über Kafka unterhalten und auch über die Vorteile der Verhaltenstherapie im Vergleich mit der Psychoanalyse und dies auch im Bett. Wenn ihr die Argumente ausgingen, hat sie mich mit Champagner übergossen, den wir gerade tranken. Bettlaken waren ihr ziemlich egal. In ihrem Fachwerkhaus bereitete sie für meinen Einzug ein Zimmer vor. Aber schließlich zog ich es doch vor, in meinem Reihenhaus zu bleiben. Die Gespräche über Kafka und Psychoanalyse fielen von nun an aus.
Aldi bietet Frucht-Cocktails an in handlichen kleinen Portionen. Die Früchte essfertig geschnitten. Eine ältere Dame, weißes Haar, Goldkette, fragt mich nach der Qualität des Produkts. Ich erzähle ihr, dass es nicht nur gesund sei, sondern dass ich es mit Bier mische und als Bierbowle trinke. Sie schaut etwas skeptisch, ich erläutere ihr, dass es auch zu Weißwein und vielleicht sogar zu Rotwein passt. Als Dank darf ich meinen Einkaufswagen vor ihren stellen. Nachdem ich bezahlt habe, schaut sie mir noch eine Weile nach.
Meine Nachbarin ist früh verwitwet. Nach Ablauf des Trauerjahres verwickelt sie mich häufig in Gespräche über ihr Ceran-Kochfeld. Die kleinen Lämpchen zeigen Restwärme an, obwohl der Herd schon seit Stunden aus ist. Ich sage ihr bei mir sei das genauso, ich lasse sie einfach brennen. Als nächstes will sie wissen, wann ich mein Auto auf Winterreifen umrüste. Da ich Ganzjahresreifen fahre, entfällt dies bei mir. Ob dies nicht gefährlich sei, die Bremswege wären länger und die Reifenhändler raten zur Umrüstung. Ich bestätige ihr dies und meine, dass ich mit dem längeren Bremsweg seit Jahrzehnten lebe. Mit meiner Mutter hat sich meine Nachbarin intensiv unterhalten über Kochrezepte, Waschmittel und Küchenmaschinen. Sie ist so eine patente Frau, meint meine Mutter, du könntest dich doch etwas um sie kümmern. Nachdem ich ihr versichert habe, dass mir Restwärmelämpchen, Winterreifen, Kochrezepte und auch die neueste Entwicklung von Küchenmaschinen gleichgültig sind, sagt sie: wann wirst du endlich vernünftig? Früher habe ich darauf keine Antwort gewußt, jetzt weiß ich es: Nie!
Susanne legt Wert auf Etikette, auf Stil. Schließlich ist sie als Inhaberin einer Werbeagentur im Lions-Club. Wenn wir samstags auf dem Wochenmarkt einkaufen, besteht sie darauf, dass ich Anzug und Krawatte trage. Den Anzug lasse ich mir noch gefallen, aber auch Krawatte? Das ist mir zu viel. Wir debattieren, wir tauschen unsere Vorstellungen aus, wir diskutieren lange. Der Wochenmarkt ist inzwischen geräumt und ich verabschiede mich von meinen Freunden im Club.
Auch als älterer Mann kann ich mir hin und wieder Chancen bei jüngeren Frauen ausrechnen. Natürlich rede ich dann weniger von der Studentenrevolte 1968 und kaum davon, dass ich mich noch an die Zeit vor Erfindung des internets erinnern kann. Sie befragen dann ihr smartphone nach dieser Zeit und schauen mich mit großen Augen an, als ob sie einem Dinosaurier begegnet seien. Sie zeigen mir ihre facebook Aktivitäten, wo sie täglich ihre Abenteuer posten: Geil, der Postbote hat mir ein Buch zugestellt. Und sie zeigen mir ihre postings mit Einträgen, die sie einfach ohne Kommentar weiter leiten und wo sie Fotos ins Netz stellen, die sie vor Jahren geschossen haben, wofür sie von ihrer community das erhoffte überschwängliche Lob ernten. Da wird mir klar, ich habe ein Alter erreicht, wo mir nicht mehr zu helfen ist.

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