wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Einblick in Hermann Hesses Ehehölle

Einblick in Hermann Hesses Ehehölle

06.03.2017, 17:29 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Zum Roman "Immer nach Hause" von Thomas Lang
Keiner hat die Gemeinde der Literaturfreunde so gespalten wie Hermann Hesse (1877-1962). War er doch in seinem Todesjahr kaum noch im Bewusstsein der Öffentlichkeit, obwohl ihm 1946 der Nobelpreis für Literatur verliehen worden war. Von den Hippies in den USA wurde er wiederentdeckt, er fand in der Folgezeit in einer großen Hesse- Renaissance Leser auf der ganzen Welt und wurde zum meistverkauftesten und auflagenstärksten deutschsprachigen Schriftsteller. Den die Germanistik jahrzehntelang gemieden hat, der als Idylliker galt und als Spätromantiker und unpolitischer Dichter, als der „Gartenzwerg in Montagnola“ wie der SPIEGEL einst titelte…

Thomas Lang, preisgekrönter Schriftsteller, Kinderbuchautor und Essayist, hat nun mit „Immer nach Hause“ einen biographischen Roman über Hermann Hesse vorgelegt, der den Hesse- Kennern durchaus zur Lektüre empfohlen sei. Es handelt sich um kein Biopic, also die Bebilderung oder Illustration des Lebenslaufs einer bekannten Persönlichkeit. Denn Lang hat einen Eheroman geschrieben und der Inhalt beschränkt sich auf die Jahre 1904 bis1918, die Zeit zwischen dem Umzug des Ehepaars zwischen Gaienhofen am Bodensee bis zum Zerbrechen der Ehe und der Umsiedlung Hermann Hesses nach Montagnola. Die Beziehung zwischen Maria Bernoulli, einer Schweizer Photographin aus gutbürgerlichem Haus und dem jungen Schriftsteller, der mit „Peter Camenzind“ einen Besteller geschrieben hatte, ist von Anfang an nicht einfach. Mia ist zehn Jahre älter als ihr Mann und selbständig in Wollen und Fühlen. Der leidet unter seiner pietistischen Erziehung, hat Schuldkomplexe den Eltern gegenüber und sucht die Freiheit. In München als Mitarbeiter des Verlegers Albert Langen am Simplicissimus und als Herausgeber der neuen Zeitschrift MÄRZ. Das Ehepaar ist dabei, sich ein eigenes Haus in Gaienhofen zu bauen und da der Autor, um seine Magenschmerzen zu kurieren, in den Tessin aufbricht und dort auf dem Monte Verita den Lebenssinn sucht, liegt die Last des Alltags auf der Frau und Mutter seines Sohns, die bereits wieder schwanger ist. Mia ist es, die Verständnis für ihren Mann aufbringt und den alltäglichen Betrieb aufrecht erhält. Und es wird nicht der letzte Ausbruchsversuch bleiben, die große Flucht nach Indien wird im Buch von Thomas Lang ausgespart.

Denn im zweiten Teil zeigt sich dann die um zwei Söhne angewachsene Familie Hesse in Bern ab 1914 in einer neuen Konstellation. Hesse arbeitet bei der Kriegsgefangenen-Fürsorge, es ist seine einzige Lebensphase mit einer geregelten Arbeit. Der Schriftsteller fährt mit der Tram vom Stadtrand ins Büro Das Haus in Bern ist groß und überschattet vom Tod des befreundeten Malers Albert Welti, der es vorher bewohnte. Der Schriftsteller Hesse, seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs eher unproduktiv, arbeitet in Haus und Garten kaum mit, er ist in Psychotherapie bei Bernhard Lang und bei Johannes Nohl, hatte überdies Therapiesitzungen bei C.G. Jung. Die Tiefenpsychologie ist ihm Religionsersatz, Hermann versucht sogar Mia zu therapieren. Deren Liebe ist erkaltet, sie sieht ihren Mann nur noch als Egoisten, gelegentliche Ausbrüche sexuellen Begehrens können die eheliche Gemeinschaft nicht zusammenhalten.

Schwierig auch die Söhne, Bruno, der älteste ist außer Haus und den jüngsten, Martin, will der Schriftsteller nach einer Gehirnhautentzündung des Kindes nicht um sich haben. Dass Mia ihn zu ihrem 50. Geburtstag nach Hause holt, führt dann endgültig zum Zerbrechen der Familie. Und erste Verwirrtheitszustände zeigen sich bei der Frau, Hesse müht sich kläglich, aber er gibt Ehe und Familie zusehends verloren.

Es ist ein Höllenbild, die Chronik eines Scheiterns trotz aller Mühe, schwierige Menschen zusammengespannt, das Absterben einer Liebe. Und der Autor des biographischen Romans trägt kurioserweise denselben Namen wie seinerzeit Hesses Therapeut. Das Buch besteht aus Episoden, er ist wohltuend kurz und knapp, an manchen Stellen großartig geschrieben. Aber immer, wenn Thomas Lang experimentiert und etwa Hesse mit D.H. Lawrence im Zug über die freie Liebe philosophieren lässt oder Hesse im Tagtraum Goethe sieht und über Elektrizität sich austauscht, ist es des Guten viel zu viel. Es ist sicherlich nicht der beste Ehe-oder Gesellschaftsroman, wie ihn etwa souverän Bodo Kirchhoff in „Die Liebe in groben Zügen“ vorgelegt hat als Sittenbild unserer Gesellschaft, aber es ist ein durchaus interessantes Buch. Man kann „Immer nach Hause“ lesen, man kann sich aber auch an die voluminösen Briefbände halten, um Hermann Hesse als Mensch näher zu kommen oder wieder einmal „Siddharta“ oder „Narziß und Goldmund“ zur Hand nehmen. Der Wege zu diesem Dichter sind also viele…
Valentin Niedermeier

12 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Danke für Deine Empfehlung lieber Valentin.
Sehr interessant zu lesen. Macht Lust auf mehr.
  • 15.03.2017, 20:26 Uhr
  • 0
Gerne, Rosi und wenn Du magst und ihn noch nicht kennst den "Siddharta" von Hesse, eins der schönsten Bücher, das ich kenne...Und Alles GuteDir!
  • 15.03.2017, 20:52 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Mit seiner 3. Frau, einer Künstlerin, gelang Hesse aber auch eine gute Beziehung.
So schwer die erste Lebenshälfte war, so großartig war aber auch die zweite, die er unglaublich produktiv in Montagnola verbrachte.
  • 14.03.2017, 21:14 Uhr
  • 2
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
liest sich interessant, danke für die Empfehlung
  • 14.03.2017, 17:11 Uhr
  • 1
Ich danke Dir, Erika!
  • 14.03.2017, 20:11 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Herzlichen Dank für diese interessante Buchvorstellung.
  • 10.03.2017, 13:35 Uhr
  • 1
Lieber Martin, ich dank Dir fürs Lob und wünsch Dir Alles Alles Gute! Liebe Grüße Valentin
  • 11.03.2017, 06:22 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Toll das du es jetzt diesen Beitrag gemacht hast Valentin und danke dir noch mal herzlich fürs senden.
  • 07.03.2017, 18:10 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Danke für die Leseempfehlung - macht Lust auf das Buch!
  • 07.03.2017, 12:44 Uhr
  • 1
Gerne, sehr gerne Thomas!
  • 07.03.2017, 16:53 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Eine durchaus interessante Leseempfehlung - danke.
  • 07.03.2017, 11:13 Uhr
  • 1
Aber mit Vergnügen!
  • 07.03.2017, 16:53 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.