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Das Shopping-Queen-Date

Das Shopping-Queen-Date

02.06.2017, 20:51 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Extrem - Dating in der Zeit des Postfaktischen

Das Daten einer Dame für ein gemeinsames Shoppen ist die ultimative Herausforderung für jeden Dater, die selbst die wahren noch lebenden Meister des Datings nur durch jahrelanges Training, einen Master in Psychologie und innere Reife und Gelassenheit eines Zen-Meisters zu bewältigen wissen. Wer sich als Amateur ohne jede Kenntnis und Vorbereitung auf dieses Gebiet wagt, wird unweigerlich nach vier Stunden das eigene Scheitern eingestehen müssen und sich von sozialen Hilfskräften, sei es Polizei, Feuerwehr oder Notarzt nach Hause bringen lassen müssen, wo Tage voller Krisen und Selbstanklagen und Batterien von harten Getränken auf ihn warten.

Dieses Modell des Datens ist nichts für Jungs, sondern nur für Männer, die das Leben kennen, mehrere Tage im Kreißsaal verbracht haben und schon mal in der Situation waren, einer Lehrerin widersprochen zu haben, wohlgemerkt als ausgewachsener Mann, nicht als Schüler. Als Schüler darf man auf Nachsicht hoffen, als Mann begibt man sich meist unwissentlich in Lebensgefahr. Und nur die Härtesten der Harten überleben die Begegnung mit dem Ungeheuerlichen.

So ist es auch mit der Begleitung einer Shopping-Queen. Widerspruchlosigkeit, ein reines Herz, die Ausdauer eines Olympioniken, der zuvor etliche Tage in den luftdünnen Höhen des Perus verbracht haben sollte, sind nur eine Voraussetzung für die Fitness von Leib, Seele und Geist, einschließlich des juristisch wasserdichten Abschlusses einer Lebensversicherung. Ein Must-have!

Meist beginnt es mit einer harmlosen Anfrage: „Wir können uns doch zu einer Shoppingtour in München treffen!!!“ Jetzt müssen bei einem erfahrenen Dater sämtliche Alarmglocken läuten. Tut es dies nicht, Vorsicht! Kündigen Sie den Account, evakuieren Sie alles, was Ihnen lieb und teuer ist, wechseln Sie den Telefonanbieter, oder am besten: geben Sie Ihren Pass zurück und wandern Sie anonym nach Neuseeland aus. Bringen Sie so viel Distanz wie möglich zwischen sich und der Anfragenden. Aber Achtung: die Erde ist eine Kugel! Wenn Sie - weil Sie denken, Sie seien ein toller Hecht und ohnehin der nächste Kandidat zum Flug auf die ISS, meinen Rat ignorieren, dann sind Sie der Typ Mann, der nur aus Schaden klug wird. Und genau auf solche unbedarfte männliche Zeitgenossen hat es die Shopping-Queen abgesehen.

Okay, Sie sind anders. Sie nehmen die Herausforderung an. Sie wollen es so, weil die Shopping-Queen an die Maße Ihrer Traumfrau heranreicht. Sie sind lebensmüde oder Vertreter des philosophischen Nihilismus. Dann gnade Ihnen Gott!
Jetzt gilt es sich zu präparieren. Ein voll funktionstüchtiges Handy mit 100% Akkuladung und GPS-tauglich gehört zur Grundausstattung des Shopping - Himmelfahrtskommando. Allzeit bereit müssen Sie sein, wenn Sie vor Jahrzehnten „in so einem Geschäft war, wo es neben Modeschmuck auch Schuhe gab.“ Sie kommt gerade nicht auf den Namen, aber der schwule Verkäufer war so zartfühlend und hilfsbereit. Dabei schaut Sie arglos aus himmelblauen Augen, dass Sie für einen Moment das innere und äußere Gleichgewicht verlieren. Das Geschäft gibt es noch, erfahren Sie von einer anderen Queen, die mit zwei Zwergpudel unterwegs, Sie ansieht, als seien Sie ob dieser Frage gerade der Klapse entflohen und einer der Fußhupen knurrt feindselig.

Sie eilen Ihrer Queen hinterher, die ein gar unkönigliches Tempo vorlegt, als sei sie auf der Flucht in eine bessere Welt. Die erreicht sie auch, ungeachtet dessen, ob sie in Ihrem Parfum-Schweif schwer atmend und schon ziemlich durchgeschwitzt überhaupt in der Edelboutique als Mann Einlass erhalten. Die meisten müssen nämlich draußen bleiben, mitleidig beäugt durch Passanten. Der ein oder andere will Ihnen daher einen Euro zustecken.
Aber Sie haben Glück und dürfen als Begleiter der Queen das Geschäft betreten. Der Blick Ihrer Dame gleitet gekonnt über die Regale, erst kritisch, dann hellt sich ihr Gesicht auf. Da ist Beute - und wenn da Beute auf der Lichtung des Konsumwaldes ist, dann gilt eines für Sie als Mann: schweigende Zurückhaltung und das Einfrieren jeglicher Bewegung. Sie hören in dieser gespannten Stille Ihr Herz? Ganz schlecht, die Amazone des Fashions könnte sich gestört fühlen, während sie ins Regal greift. Sollte die Göttin aber von kleiner Statur sein, so schlägt jetzt des Begleiters große Stunde, weswegen die meisten Frauen in ihrem Profil angeben, dass sie ausschließlich auf Männer über 1,80 m stehen. Seien Sie versichert, es steht dort nicht ohne Grund. Nun gesellt sich auch der schwule Verkäufer dazu, den sie sofort wiedererkennt und umgehend ins Vertrauen zieht als seien die beiden seit mindest 30 Jahren verpartnert. Sie müssen jetzt ganz stark sein, denn sie erkennen, dass sie mit ihr nie werden eine solche Intimität herstellen können wie dieser Mann, der in Sekunden die geheimsten Wünsche ihrer Queen entschlüsselt. Sie wollen auch solch ein Niveau an Empathie erreichen? Sie einen Doktorgrad in Psychologie und einen Titel in den schamanistischen Künsten von Baku? Es wird Ihnen nichts nützen. Vergessen Sie’s!
Jetzt verschwindet Sie mit 10 weiteren Klamotten in der Umkleide. Sie dürfen wieder atmen. Sie haben eine Ausbildung als Zen-Meister. Gut so! Nehmen Sie irgendwo Platz und versenken Sie sich in Ihr Inneres. Es wird nämlich dauern, währenddessen Ihre Favoritin sich häuslich einrichtet. Womöglich erreichen Sie heute die Erleuchtung, während Ihre Queen eines nach dem anderen anprobiert? Seien Sie stolz auf sich, diese Prozedur wird sich heute noch wiederholen. Sammeln Sie innere Kräfte. Die werden Sie brauchen für drei weitere Geschäften, darunter eine Parfümerie.

Gepackt wie ein Esel und ebenso dreinschauend machen Sie sich auf den Weg zum Hausfrauen-Panzer ins Parkhaus. Gerne hätte Ihre Dame noch den süßen Kanarienvogel aus der Zoohandlung unterwegs erworben mit allen Utensilien und einem Käfig in der Größe eines Kleinwagens. Aber Sie erinnern Ihre Dame daran, dass sie drei Katzen in ihrem Schloss unterhält, was sie mal beiläufig in einer Clubmail erwähnte. Dass Sie sich daran erinnern, beeindruckt sie tief und bringt Ihnen ein zauberhaftes Lächeln ein. Sichtlich erschöpft - ihre Tierfreundin aber glücklich, erreichen Sie schließlich das Ziel, höchstwahrscheinlich ein Hotel. Dort sorgt das Personal - der Dienstleistung sei Dank - für den Weitertransport der zahlreichen Güter.
Nun kann es sein - nach der Mühe und Plage, dass Ihnen noch ein kleiner Espresso winkt mit ihr. Sie sieht zufrieden aus, entspannt im Hier und Jetzt. Sie selbst ahnen, dass die letzten Meter bevorstehen, und suchen mühsam die Reste Ihres Charmes zusammen. Jetzt zeigt sich der Meister, die geballte Kompetenz und Souveränität des kompetenten Daters. Sackt er jetzt in sich zusammen, lässt er sich jetzt unkonzentriert und erschöpft in einen Kaffeehaussessel fallen, offenbart er nun seine Schwäche der Queen, ist es vorbei - endgültig. Er ist durchgefallen. „Du bist ja ganz sympathisch“, sagt Sie dann, „aber leider bist Du nicht so mein Typ, Du verstehst das doch - oder?“ Das sind dann die Momente, in denen die Welt im Leben eines Mannes sich nicht mehr dreht, sondern eiert wie ein dezentrierter Kreisel an der Peripherie eines schwarzen Lochs, am Rande der sich ausbreitenden Verzweiflung. Nur die Harten kommen in ihren Garten! Das muss man wissen - mit oder trotz aller Lebenserfahrung.

©ThomasBernhard2017
Alle Rechte beim Autor
Demnächst gibt es mehr Dating-Kolumnen als Buch des Autors.

15 Kommentare

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Sehr, sehr treffend beschrieben!
Derartiges kann man sich nicht ausdenken. Man muss es selber erlebt haben!
Glückwunsch an den Autor, er scheint mehrere solche Situationen durchgestanden zu haben und noch immer bei klarem Verstand zu sein. Es hätte auch böse ausgehen können!
  • 05.06.2017, 21:37 Uhr
  • 1
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Mit online-shopping wäre das nicht passiert
  • 05.06.2017, 12:00 Uhr
  • 1
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Was kennst du für Frauen? Aber ne Tour durch München würde ich dir anbieten, ich kenn da eine super süße Boutique an der Grenze zu Neuhausen, hab sie schon zweimal wiedergefunden, mit kleinen Großgrößen. Die nächsten zwei Wochen hätte ich kein Problem, Treffpunkt Litfasssäule an der Münchner Freiheit.
  • 03.06.2017, 17:19 Uhr
  • 1
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So isses und wenn Mann das nicht ab kann, muss er Zuhause den Hund oder die Katzen hüten. Eigentlich sind Männer beim Extrem-Shopping nur im Weg ....
  • 03.06.2017, 16:44 Uhr
  • 1
Vielleicht gibt es ja zukünftig Männer, die darauf spezialisiert sind ... so wie die SEK-Einheiten bei der Polizei ...
  • 03.06.2017, 16:58 Uhr
  • 1
Das kann Frau nur hoffen....
Männer ohne Nerven, mit eiserner Gesundheit, durchtrainiertem Körper und Eselsgeduld..... hach
  • 03.06.2017, 17:03 Uhr
  • 1
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Thomas,
es ist und bleibt eine andere Welt für mich.... DAS kann ich nicht nachvollziehen.. dafür habe ich eine absolute Bodenständigkeit...
aber gut beschrieben... ich würde nicht glauben, dass es so etwas gäbe, aber wahrscheinlich doch.. spitze also weiter deine Feder..
  • 03.06.2017, 14:26 Uhr
  • 2
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Wenn ich einmal Zeit habe dann bedauere ich diesen Mann
  • 03.06.2017, 14:07 Uhr
  • 1
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hiermit drücke ich mein Mitgefühl für diesen so arg gebeutelten Mann aus !
  • 03.06.2017, 12:47 Uhr
  • 2
Danke, aber ein Kaffee mit Dir wäre ihm jetzt lieber
  • 03.06.2017, 12:55 Uhr
  • 1
dann hat er noch nicht dazugelernt
  • 03.06.2017, 17:44 Uhr
  • 1
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thomas, ich freue mich auf dein buch ...
  • 02.06.2017, 21:16 Uhr
  • 1
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Also wirklich, was Männer so alles auf sich nehmen, nur in der vagen Hoffnung, zum Zuge - oder besser Stoß - zu kommen.
Abgesehen davon hat mich die Geschichte etwas an Stadtbesuche meinerseits - und ich bin eine Frau, suche also weder Zug noch Stoß - bei meiner Freundin erinnert, wenn diese mich auffordert, mit ihr in eine Galerie oder ein Museum zu gehen. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Boutiquen...
  • 02.06.2017, 21:11 Uhr
  • 3
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ich merke gerade,ich hab ein Herz für diese Männer und auch großes Mitgefühl. Eine große Herausforderung ist ja schon Ik*ea....

Prima Lektüre, die du hier servierst
  • 02.06.2017, 21:02 Uhr
  • 2
Oh ja, Ikea wäre noch ein eigenes Kapitel
  • 06.06.2017, 14:20 Uhr
  • 0
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