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First Love

First Love

07.07.2017, 09:09 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

First Love

Luca und ich liegen auf der Sonnenbank im Schwimmbad. Er wirkt gelangweilt, ich bin hoffnungsvoll und aufgeregt. Bis mein Körper braun wird, dauert es eine Ewigkeit. Luca hat es leichter, wegen des Erbes seines italienischen Vaters. Er wird schnell braun, ist sechzehn, schwarzhaarig und groß gewachsen. Ich bin das Gegenteil: Dreizehn, blond und blass. Nur schwer kann ich mich damit abfinden, dass ich nie so aussehen werde wie er.
Ich denke mir, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis er wieder mit seinen Weibergeschichten anfängt. Er gibt mit pikanten Einzelheiten an. Vieles kommt mir absurd vor – und trotzdem glaube ich ihm. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, sagt er:
„Es ist Zeit, dass du dir eine Freundin zulegst!“
„Was?“
„Eine Freundin. Ein Mädel. Herrgott! Rührt sich bei dir nichts in der Hose?“
„Du spinnst ja“, schreie ich ihn an.
„Bist du etwa … nein, das glaub´ ich jetzt nicht. Bist du nicht, oder?“
„Natürlich nicht, du Affe!“
„Reg´ dich nicht auf, Franz, ich bin dein Freund, das weißt du. Ich meine, es macht einfach mehr Spaß, wenn wir die Mädels mit ins Spiel nehmen.“
„Welches Spiel?“
„Egal, von mir aus im Wasser, Hauptsache man kommt sich näher. Körperkontakt – verstehst du?“
„Natürlich, eh klar“, sage ich und verstehe nichts.
Luca steht auf und schaut in Richtung Spielwiese. Der hat leicht reden, denke ich, so wie er ausschaut.
„Komm Franz, wir schauen uns einmal um, was los ist in Sachen Weiber.“
Wir schlendern durch Reihen von Sonnenhungrigen, der Geruch von Sonnenöl und Chlorwasser liegt in der Luft. Aus den Augenwinkeln beobachte ich Mädchen die kichern und offenes Interesse für Luca zeigen. Ich stelle fest, dass er mehr Mädchen kennt, als ich Freunde habe. Er hat mehr Möglichkeiten, denke ich. Weil er, als einziger von uns, ins Real-Gymnasium geht. Dort wird nämlich, zum Unterschied zu meiner Schule in gemischten Klassen unterrichtet. Es ist also nur logisch, dass er mehr Mädchen kennt als ich.
Wir drehen eine Runde entlang der hölzernen Umkleidekabinen. Und da sehe ich sie wieder: Andrea.
Ich kenne sie vom Sehen und weiß ihren Namen nur deshalb, weil ich einmal in der Warteschlange vor dem Schwimmbad ihre Saisonkarte gesehen habe. Sie muss eine Wasserratte sein, genau wie ich. Warum sollte sie sonst eine Saisonkarte besitzen, fragte ich mich. Andrea Paulus stand da in Blockschrift. Sie ist ein Jahr älter als ich und wohnt in der Schlossberggasse 10. Das ist ein Gründerzeithaus in der Stadtmitte. Ziemlich vornehm, wie ich von meiner Mutter weiß, sie hat dort einmal bei einem Zahnarzt geputzt.

Angeregt durch Luca gehe ich auf Andrea zu, ohne zu wissen, wie ich mit ihr ins Gespräch kommen könnte. Sie spielt mit zwei anderen Mädchen Federball. Während ich überlege, schießen sie ihren Ball auf das Kabinendach.
Ich spreche sie als Gruppe an, meine aber in Wahrheit nur Andrea:
„Grüß´ euch, kann ich helfen?“
Der erste Schritt ist getan, super.
„Oh, das wäre lieb von dir! Es ist schon der dritte Ball, der auf dem Dach liegt“, sagt Andrea.
„Kein Problem“, sage ich und wende mich an Luca:
„Mach mal eine Räuberleiter!“
„Eine was …?“
„Eine Räuberleiter! Menschenskind! Und du willst einer von uns sein?“
„Ich brauche deine Arme als Leiter.“
„So?“, fragt er und verschränkt seine Hände in Bauchhöhe.
„Ja, genau so! Und jetzt mach die Beine breit für einen besseren Stand. Pass auf, ich steig’ jetzt auf deine Schulter.“
Ich kann es nicht sehen, aber ich weiß, dass er vor Schmerz die Zähne zusammenbeißt, als ich mich von ihm mit einem Ruck abstoße, um die Dachkante zu erreichen. Eh klar, denke ich, tausend Weiber im Kopf, aber als Praktiker eine Null. Kein Muskelschmalz in den Armen.
Luca ist stolz auf unseren Einsatz und fordert bei den Mädels ein Küsschen als Belohnung ein, bekommt aber nur ein Bussi von Andreas achtjähriger Schwester Ulli. Natürlich kennt er Andrea und ihre Freundinnen Traude und Christa. Sie gehen in dasselbe Gymnasium, sind aber zwei Jahrgänge unter ihm. Meine Befürchtung, dass mir Luca bei den Mädchen das Wasser abgraben könnte, ist unbegründet. Er interessiert sich nur für Christa, vermutlich, weil sie den größten Busen von allen hat. Für mich zählen andere Werte. Ich schaue nicht nur auf Busen und Figur. Ich sehe Andrea anders. Für mich zählt ihre Mimik und wie sie sich bewegt. Ihre Stimme ist für mich wie eine Melodie, egal was sie sagt. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Ihre Lippen haben es mir angetan. Ihre Augen mit den langen Wimpern. So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.
Mit unserem Vorschlag von gemeinsamen Spielen im Wasser haben wir kein Glück. Andrea muss auf Ulli aufpassen und beide müssen anschließend zum Klavierunterricht. Luca ist bei Christa abgeblitzt, es macht ihm nichts aus. Er nimmt es sportlich, sagt er. Traude ist die Lustigste von allen, ein richtiger Kumpel-Typ. Luca plagt sich mit dem Hula-Hoop-Reifen von Ulli. Alle lachen.
Ich spiele Federball mit Andrea und sie fragt mich wie nebenbei: „Wie heißt du eigentlich?“
„Oh, Verzeihung, das habe ich ganz vergessen: Ich bin der Franz.“
Wir albern herum, dann ist es für Andrea und ihre Schwester Zeit aufzubrechen. Ich möchte die beiden gerne ein Stück begleiten, will aber nicht aufdringlich sein. Andrea kommt mir zu Hilfe, als sie mit Ulli herummeckert, weil sie immer soviel Zeug zum Baden mitschleppt und sie es dann tragen muss. Ich biete an, die Sache zu übernehmen, ich hätte den gleichen Weg wie sie. Da schaut mir Andrea in die Augen und sagt:
„Woher willst du wissen, dass wir den gleichen Weg haben?“
„Ohje, erwischt“, jammere ich übertrieben.
Andrea beweist Humor und spielt die Komödie mit, sie zeigt mit dem Finger auf mich und sagt:
„Raus mit der Wahrheit. Sprich!“
„Bitte um Gnade! Ich gestehe alles“, sage ich und lache.
Ich erzähle die Geschichte mit der Saisonkarte und spüre, wie mich Andrea anschaut. Es kribbelt, mir schießt das Blut in den Kopf. Ich sage etwas, das ich so noch nie gesagt habe:
„Ich weiß also schon lange wie du heißt und wo du wohnst. Seit heute aber weiß ich auch wie du sprichst und wie es ist, wenn du lachst. Das mag ich so.“
„Das ist ganz lieb, Franz, du kannst so schöne Sachen sagen.“
„Treffen wir uns wieder?“
„Ja, vielleicht nach der Schule. In welche Schule gehst du?“
„Hauptschule Kirchplatz - und du?“
„Tu nicht so als ob du das nicht wüsstest! Ich habe um eins aus.“
„Okay, ich eine Stunde früher. Soll ich auf dich warten?“
„Du willst eine Stunde auf mich warten? Echt?“
„Ja, echt!“
„Ich freue mich Franz. Darf ich Franzi sagen?“
„Du darfst alles, Andrea. Bis morgen.“
„Servus Franzi. Bis morgen.“

In zwei Wochen ist Schulschluss. Dieses Jahr bleibe ich gelassen, mein Zeugnis wird gut ausfallen, ich kann, wenn ich will, noch Vorzugschüler werden. Die Noten stehen fest, nur in Deutsch müsste ich noch einen Einser schreiben. Heute wäre die letzte Gelegenheit, sagt Fachlehrer Stöger und teilt der Klasse das Thema mit:
„Wir schreiben einen Aufsatz über Wetterphänomene. Benotet wird nach Ausdruck, Inhalt, Rechtschreibung, Grammatik und Form der Arbeit. Noch Fragen?“
Ich zeige auf.
„Ja, Fink?“
„Was ist mit einem Phänomen gemeint?“
„Gute Frage, Franz! Der deutsche Ausdruck lautet: Erscheinung. Im Prinzip also jedes Wetter. Ich meinte eine Ausnahmeerscheinung. Es würde deinem Aufsatz guttun, wenn du – zum Beispiel – über Blitz und Donner schreiben würdest.“
„Danke, Herr Fachlehrer.“
Meine Gedanken sind bei Andrea. Sie ist meine Ausnahmeerscheinung, das Phänomen schlechthin. Für einen Moment überlege ich: Das wäre die Geschichte. Ich könnte ohne Ende schreiben und es wäre mit Sicherheit der beste Aufsatz den ich bisher geschrieben habe.
Mir kommen Zweifel und ich verwerfe die Idee. Das geht nur mich und Andrea an, denke ich und schreibe lustlos vom letzten Hochwasser. Die Deutschnote ist mir egal. Ich habe viel Schöneres in Aussicht. Ich werde Andrea treffen.

(Die Geschichte geht noch weiter. Fortsetzung folgt, wenn gewünscht …)

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1 Kommentar

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Na auf jeden Fall........
  • 07.07.2017, 14:39 Uhr
  • 0
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