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Was ist Zeit?  - eine Buchbesprechung

Was ist Zeit? - eine Buchbesprechung

12.04.2017, 17:07 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Was ist Zeit?

Ein äußerliches Maß von Ursache und Wirkung im Universum, das gleichmäßig fließt und als konstante Linie alle Dinge prägt?

So der Engländer Isaak Newton, einer der größten Physiker der Neuzeit, der als Sohn eines Schafzüchters 1642 - nach dem auf der Insel gültigen Julianischen Kalender, oder 1643 - nach dem Gregorianischen Festland-Kalender in der Grafschaft Lincolnshire geboren wurde.
Die Zeitverhältnisse waren nicht nur kalendarisch ungeordnet, sondern auch politisch: die englische Revolution hielt das aufstrebende Empire in Atmen, die Pest, die wirren Thronverhältnisse.

Oder:
Zeit ist ein subjektives Empfinden, eine Konstruktion des menschlichen Geistes. Und ohne Bewusstsein von der Zeit, gibt es sie gar nicht. Zeit - nichts weiter als eine menschliche Fantasie und die Vermessung der Zeit als eine Hilfskonstrukt des Hirns.

So der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz, der letzte Universalgelehrte, der als Sohn eines Professors 1646 geboren im Halbschatten von Hörsälen und Bibliotheken aufwuchs, als Kind mehr von Büchern umgeben als von Bäumen und Sträuchern und Spielkameraden. Der 30jährige Krieg geht gerade zuende, der Westfälische Friede wird geschlossen über einem ausgebluteten Land, das durch Verheerung und Pest ein Drittel der Bevölkerung einbüßte und noch lange unter diesem Verlust leiden sollte, mehr als das Nachkriegsdeutschland nach dem 2. Weltkrieg.

Die Beiden - Newton und Leibniz - werden sich fetzen - um den Begriff und das Phänomen "der Zeit". Natürlich nur schriftlich auf dem Postwege. Nicht auszudenken, wenn es damals schon das Internet gegeben hätte. Leibniz ist ein fleißiger Briefeschreiber, ca. 15000 im Laufe seines Lebens, und nicht eben nur an Newton.
Es ist eine Zeit, in der die mechanischen Uhren erfunden und verbessert werden. Die Zeit wird sozusagen privatisiert und die Pünktlichkeit daraufhin zur Tugend. Der Bürger bildet sich was darauf ein, Herr über sein Geld und seine Zeit zu werden. Und Zeit wird fortschrittlich zu Geld umgemünzt. Der moderne Zeitbegriff wird, ohne dass die Menschen genau wissen, was das ist - die Zeit, geboren und gestaltet unsere Welt bis heute.

Die Vermessung der Welt, deren Zeit - Debatte sich die beiden Herren leisten werden. Denn nicht zuletzt kommt ihr auch theoretisch eine besondere Bedeutung zu in der Seefahrt und der Kartierung der neuen zu entdeckenden Welt. Ohne die Entdeckung der Zeit kein britisches Empire und Kolonialisierung. An der Uhr hängt ein ganzes Weltreich, während der spanische Karl V. noch davon schwärmen mag, dass in seinem Reich die Sonne nie untergeht, war sie bereits für Spanien und Portugal schon im Untergehen begriffen. Tja, wer zu spät bekommt ... das galt schon im 18. Jahrhundert. Und gilt heute noch bei dem Wettlauf um Innovationen.

Spannend und amüsant liest sich das Sachbuch von THOMAS DE PADOVA, jedenfalls von den, der sich für Wissenschaftsgeschichte, Physik und Philosophie interessiert. Alles Nachdenken über die Zeit - von Kant bis Einstein - bauen auf diese kontroverse Debatte bis heute auf. Kurzweilig - die Zeit vergeht über dieser Lektüre wie im Fluge - ist dieser Rekurs auch.

Und was "Zeit" eigentlich ihrem Wesen nach ist, ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Thomas de Padava: Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit, Piper-Verlag, 3. Auflage 2016, 347 Seiten, 12 €.

9 Kommentare

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Gustave le Bon: "Eine der wirksamsten Faktoren in den gesellschaftlichen wie in den sozialen Fragen ist die Zeit. Sie ist der wahre Schöpfer und der große Zerstörer. Sie hat die Berge aus Sandkörnern aufgebaut und die winzige Zelle der geologischen Urzeit zur menschlichen Würde erhoben. Die Einwirkung der Jahrhunderte genügt, um jede beliebige Erscheinung umzuformen. Mit Recht sagt man, dass eine Ameise, die Zeit genug hätte, den Montblanc abtragen könnte. Ein Wesen, das die magische Gewalt besäße, die Zeit nach belieben zu verändern, hätte die Macht, die von den Gläubigen ihren Göttern zugeschrieben wird".
Diese Zeilen wurden 1895 veröffentlicht. Unter dem Titel "Psychologie der Massen" schuf der Gelehrte le Bon ein ein epochales Werk der psychologischen Fachliteratur, das heute noch seine Gültigkeit besitzt.
  • 13.04.2017, 15:34 Uhr
  • 0
Zumindest Leibniz würde le Bon hier widersprechen und eine eigene ontologische Dignität der Zeit bestreiten ... es sei denn, le Bon würde hier metaphorisch sprechen.
  • 13.04.2017, 15:40 Uhr
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Thomas, was gefällt die an den Zeilen von le Bon nicht? Für mich ist das Poesie vom feinsten!
  • 13.04.2017, 16:27 Uhr
  • 0
Schon die ersten beiden Sätze erscheinen mir "überdimensioniert", @Digger. Aber poetisch sind sie allemal!
  • 13.04.2017, 16:34 Uhr
  • 1
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Ergänzend dazu solltest Du noch das Buch vom selben Autor lesen: "Das Weltgeheimnis: Kepler, Galilei und Die Vermessung des Himmels"

Wenn Du E-Books lesen kannst, melde Dich per PN
  • 13.04.2017, 11:48 Uhr
  • 0
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In seinem Büchlein “Die Zeit” schreibt Étienne Klein über das Wesen der Zeit:

Wie kann man das Sein der Zeit begreifen, obwohl ja die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist und die Gegenwart schon nicht mehr ist, wenn sie gerade anfängt zu sein? Wie kann es eine Existenz der Zeit geben, wenn sie nur aus solchen Nicht-Existenzen besteht?

Und Leonardo da Vinci formuliert es in seinen Fragmenten so:
Wenn der Augenblick keine Zeit besitzt, wie könnte dann die Zeit aus Augenblicken bestehen?

Ein seltsames Phänomen, diese Zeit. Die Anzahl der großen Denker und Dichter, die sich darüber Gedanken gemacht haben, ist Legion und letztlich ist ihr doch keiner so richtig auf die Schliche gekommen.
Während Augustinus sich mit der Frage plagte, wie gleichzeitig in der Gegenwart existieren und sich dennoch ausreichend von ihr zurückziehen könne, um das Verstreichen der Zeit wahrzunehmen, formulierte er diese Definition über das Wesen der Zeit:
Er vertrat die Auffassung, dass die Zeit nur in der Psyche abläuft, indem dort das Objekt der Erwartung (die Zukunft) zunächst das Objekt der Aufmerksamkeit (die Gegenwart) und dann das Objekt der Erinnerung (die Vergangenheit) wird.

Alles sehr kluge Gedanken und Aussagen über etwas, von dem ich nur weiß, dass es in manchen Situationen immer zu wenig und andererseits mitunter zuviel davon gibt.
Wie auch immer, jetzt freue ich mich auf die Osterzeit. Die dürfte zwar auch gern etwas länger sein, aber dafür gibt es sie jedes Jahr wieder
  • 13.04.2017, 09:12 Uhr
  • 2
Leibniz scheint hier in der Tat Augustinus in seine Confessionen zu folgen, während Newton Zeit für eine objektives Geschehen der Natur hält. Ich sehe nicht, dass diese Frage entschieden wäre. In der Tat ein sehr spannendes Thema. Das Zeit-Buch von Rüdiger Safransky ist auch spannend zu lesen - und beinhaltet noch mehr Aspekte.
  • 13.04.2017, 15:45 Uhr
  • 1
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Ich denke gerade in Michael Endes "Momo".
  • 12.04.2017, 22:19 Uhr
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Mir fällt noch etwas ein:
"Ein Traum - ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
und schwinden wir.
Und messen unsre trägen Tritte
nach Raum und Zeit.
Und sind - und wissen's nicht
in Mitte der Ewigkeit."
Johann Gottfried Herder
  • 13.04.2017, 10:11 Uhr
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