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Die Kunst der Rede

20.04.2017, 16:17 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Kunst der Rede

Wenn wir zu den Wurzeln unserer abendländischen Kultur zurückgehen, kommen wir an den griechischen Philosophen, Rednern und Dichtern nicht vorbei. Interessieren wir uns für Rhetorik oder die Kunst der Rede, fällt uns sofort Demosthenes ein. Im 4. vorchristlichen Jahrhundert mit einem Sprachfehler geboren – er verwechselte Buchstaben und geriet beim Atmen ins Stocken – übte er so lange, bis er einer der brillantesten Redner seiner Zeit wurde.

Die Kunst der Rede wurde von den Römern ebenso hoch geschätzt. Da war es vor allem Cicero im 1. Jahrhundert vor Chr. , der in zahlreichen Schriften auf Inhalt und Struktur der Rede einging.
Seit Platons Dialogen übernahm man die Dreiteilung von These – Antithese – Synthese.
Es ist nicht nur die klare Struktur, die das Verstehen eines Textes erleichtert, gerade die Gegenüberstellung unterschiedlicher Positionen führt zu einer kognitiven Erweiterung und schließlich zu einer Versöhnung der Kontrahenten.

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Jemand macht eine simple Feststellung, die auf einer sinnlichen Wahrnehmung beruht:
„Der Apfel ist rot.“ (These)

Ein Zweiter ist anderer Meinung und stellt fest:
„Der Apfel ist grün.“ (Antithese)

Nach einem erbitterten Austausch divergierender Bemerkungen wechseln die Dialogpartner vielleicht in der Hitze des Gefechts ihre Standorte und sehen nun das Objekt, den Apfel, aus einer jeweils anderen Perspektive …:

„Der Apfel ist rot-grün!“ (Synthese)

Man entschuldigt sich, man verzeiht und verspeist erleichtert jeweils eine Hälfte des Apfels mit keineswegs geschmacklichem Unterschied.

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Wenn wir nun versuchen, diese einfache Gesprächskultur im Alltag bei wize.life umzusetzen – z.B. wenn wir über Gott, die Liebe und die politische Situation in unserer kafkaesken Welt reden -, so stellen wir schnell fest, dass wir im Allgemeinen ohne SYNTHESE auskommen!

Es herrscht Gedankenfreiheit, zur Zeit auch noch eine gewisse Meinungsfreiheit, und jeder hat das Recht, seine Auffassung vorzutragen.

Die eigene Auffassung ist immer die Quintessenz individueller Lebenserfahrungen; sie muss sich von der anderer Menschen unterscheiden, da jeder ein Unikat ist.
Man sollte sich daher nicht wundern, wenn sehr schnell Meinungen aufeinander prallen, Gelächter, Bestürzung oder gar Hass auftreten.

Wer auf der Stelle tritt, auf seinem Standpunkt beharrt, erkennt nicht, dass der Andersdenkende ein wichtiger Impulsgeber ist.
Er sorgt für einen Perspektivwechsel, der zu einer Erweiterung des Denkens führen kann, zu einer SYNTHESE.

Eine Synthese bricht erstarrte Denkweisen auf und führt zu einer Erweiterung des geistigen Horizonts.
Außerdem nimmt sie den Diskutanten die Waffen ab und bietet Versöhnung an.

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Lagerdenken hat sich seit einiger Zeit gerade in sozialen Netzwerken verbreitet. Es bilden sich zwei Gruppen, die die 'Wahrheit' für sich beanspruchen und den jeweils Andersdenkenden an die Wand stellen.
Vielleicht sollte man in seinem 'Feind' eher seinen 'Freund und Helfer' sehen, der einem nur die Augen ein wenig weiter öffnen will.

Syn-These zu üben, heißt, Trennung zu überwinden, Gräben zu überspringen, dem anderen dafür zu danken, dass an die Stelle eines Ausschnitts ein Panoramablick getreten ist.

© est

21 Kommentare

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Sehr interessant, aber der Verstand ist manchmal ausgeschaltet und
mitunter wird viel gespottet!
  • 21.04.2017, 09:27 Uhr
  • 2
Wenn wir es hier mit Pubertierenden zu tun hätten, LIna, könnte man ja noch über vieles hinwegsehen, aber warum ist es nicht möglich im Alter, zu erkennen, dass jeder anders gestrickt ist und das Recht hat, so zu sein, wie er ist.
  • 21.04.2017, 10:01 Uhr
  • 2
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Ach ja ...
Das wünsche ich mir schon so lange
  • 20.04.2017, 22:18 Uhr
  • 1
Eben erfahre ich von einem User, dass man mich "hinter vorgehaltener Hand belächelt" -
Spott ist immer ein Zeichen von Arroganz, und arrogant ist der, der seine tatsächliche Unterlegenheit aufhübschen muss.
  • 20.04.2017, 23:13 Uhr
  • 0
Was soll man dazu sagen....
macht es einen Unterschied offen belächelt zu werden, oder hinter vorgehaltener Hand, aber es erzählt zu bekommen? Da ist auf jeden Fall das Bedürfnis groß, dass du es erfahren sollst.
Sich selbst erhöhen, indem man andere erniedrigt (es wenigstens versucht) zeugt immer von Arroganz und ist der unmittelbare Beweis, dass derjenige nichts, aber auch gar nichts hat um sich durch Taten hervorzutun. Arme Menschen, aber sie tun mir nicht leid.

Wer persönlich angreift, anstatt in der Sache ist eigentlich dumm und unterlegen.
Wem die Worte und Argumente fehlen, der schlägt gerne zu. Eigentlich ein kindisches Verhalten.

Deswegen schrieb ich ja, dass ich es mir schon lange wünsche.
Es fehlt an Diskussions- und Streitkultur. Es fehlt an Argumenten.
Aber an Beleidigungen fehlt es nicht
  • 20.04.2017, 23:33 Uhr
  • 3
jetzt haben wir sie wieder die Toleranz muß gelernt sein und benutzt werden
  • 21.04.2017, 07:14 Uhr
  • 2
Ich wusste vor 3 Jahren, als ich hier anfing, nicht, dass es so etwas wie Blockieren überhaupt gibt.
Dann erfuhr ich, wie viele Frauen hier davon Gebrauch machen MÜSSEN, weil sie es gar nicht mehr aushalten.
Inzwischen wende ich das auch an.
Aber es zeigt, wie verroht unser Umgang miteinander geworden ist.
  • 21.04.2017, 09:57 Uhr
  • 1
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Sehr beachtenswert liebe Edith!
Doch ach, die Rufer in der Wüste
  • 20.04.2017, 21:03 Uhr
  • 1
Ich hatte gar nicht die Absicht, etwas zu schreiben, als mir plötzlich auffiel, dass man heute gar keine Synthese mehr kennt.
Ich beziehe mich natürlich auch darin ein.
  • 20.04.2017, 21:55 Uhr
  • 0
Darum habe ich so oft geschrieben, dass ich "Diskussionen" verabscheue. Gedankenaustausch macht es eher möglich!
  • 21.04.2017, 00:59 Uhr
  • 0
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Danke Edith!

Ich wünsche mir ofmals hier bei wl eine Gesprächsführung nach Sokrates...dann wäre alles viel entspannter....

  • 20.04.2017, 20:14 Uhr
  • 2
Ja, so viel Weisheit ist offenbar in den Jahrhunderten verloren gegangen.
  • 20.04.2017, 20:18 Uhr
  • 0
Leider....
  • 20.04.2017, 20:20 Uhr
  • 0
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Sehr schön rübergebracht Edith
  • 20.04.2017, 19:52 Uhr
  • 0
Ida, es sollte ein Wink mit 'nem Zaunpfahl sein ... , aber die werden es weder lesen noch verstehen .
  • 20.04.2017, 19:55 Uhr
  • 2
Ja, der Zaunphahl ist ganz schön dick und trotzdem sehr fein
  • 20.04.2017, 20:04 Uhr
  • 1
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...köstlich gelacht...
  • 20.04.2017, 20:16 Uhr
  • 1
Peter, wahnsinnig witzig diese Perspektivwechsel!
  • 20.04.2017, 20:20 Uhr
  • 0
na ja, eigentlich sollten sie (denk)anregend sein ... aber so ist das wohl manchmal mit den Perspektiven, hehehe
  • 20.04.2017, 20:25 Uhr
  • 2
Lachen regt auch zum (nach)denken an....Danke für die Links!
  • 20.04.2017, 20:42 Uhr
  • 0
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