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Der Besuch der Weisheit (Khalil GIbran)

16.05.2017, 16:39 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Besuch der Weisheit (Khalil Gibran)

In der Stille der Nacht kam Weisheit und stand neben meinem Bett und sah mich voller Zärtlichkeit an. Sie wischte meine Tränen ab und sagte: „Ich hörte den Schrei deiner Seele und kam, um dich zu trösten. Öffne mir dein Herz, damit ich es mit Licht füllen kann. Frage mich, und ich werde dir den Pfad der Wahrheit zeigen.“

Ich sagte: „Wer bin ich denn, Weisheit, und wie bin ich an diesen abscheulichen Ort gekommen? Wozu all diese heißen Sehnsüchte, die unzähligen Bücher, der schnöde Erwerb all dieser Güter?
Was sind das für Gedanken, die wie eine Schar Tauben vorbeifliegen? Was soll dieses Gespräch, sehnsüchtig herbei gewünscht und gern daran teilgenommen ? Was sollen die Folgen bedeuten, die einen traurig und gleichzeitig glücklich machen, die meinen Geist umfangen und mein Herz erobern?
Was sind das für Augen, die mein Innerstes sehen und meinen Schmerz ignorieren? Was sind das für Stimmen, die meine Tage beklagen und meine Kindheit besingen? Was soll diese Jugend, die mit meinen Begierden spielt, meine Gefühle verspottet, die Taten von gestern vergisst, sich an der Trivialität der Gegenwart ergötzt und das Warten auf den nächsten Morgen verabscheut? Was ist das für eine Welt, die mich in unbekannte Gegenden drängt und mich voller Verachtung anschaut? Was ist das für eine Erde, deren offener Mund Menschenkörper verschlingt, die den Ehrgeizigen an ihrer Brust ausruhen lässt? Was ist das für ein Mensch, der sein Glück ruhig genießt, aber die Hölle akzeptiert, wenn er kein Glück hat; der den Kuss des Lebens begehrt und die Schläge des Todes erhält; der einen lustigen Augenblick mit einem Jahr voller Bedauern erkauft, der sich dem Schlaf und den Träumen hingibt;
der lange an den Ufern des Unwissens spazierengeht, bis er in den Abgrund der Dunkelheit stürzt?
Was bedeutet das alles, Weisheit?

Weisheit antwortete: „O Sterblicher, du willst die Welt durch die Augen Gottes sehen und willst das Mysterium der Welt mit deinem menschlichen Intellekt verstehen, und das ist die größte Torheit!
Geh in die offene Natur hinaus, und du wirst sehen, wie die Bienen über den Blumen schwärmen und wie der Adler seine Beute zerstückelt.
Geh in das Haus deines Nachbarn und du wirst sehen, wie ein Kind von den Strahlen des Herdfeuers bezaubert ist, während die Mutter die Hausarbeit verrichtet.
Ahme die Biene nach und verbringe den Frühlingstag nicht damit, dem Tun des Adlers zuzuschauen.
Sei wie das Kind und freue dich am Glanz des Feuers und achte nicht auf die Mutter und ihr Tun.
Alles, was du siehst, geschah und geschieht um deinetwillen. In den unzähligen Büchern voller unheimlicher und schöner Gedanken verbergen sich die Geister der Seelen, die dir vorausgingen. Die Sprache, die sie benutzen, ist eine Verbindung zwischen dir und deinen Nachkommen. Die Erfahrungen, die Leid und Entzücken hervorrufen, sind die Samen, die die Vergangenheit in deinen Seelenplan eingefügt hat um einer besseren Zukunft willen.
Wenn dich in der Jugend Begierden überfallen, so öffnen sie gleichzeitig die Tür deines Herzens, damit Licht hineinfließen kann.
Diese Erde mit ihrem offenen Rachen befreit dich von der Bindung an den Körper.
Diese Welt, die dich antreibt, ist dein Herz, und dein Herz ist das, was du dir als Welt vorstellst.
Der Mensch, den du für dumm und unbedeutend hältst, kam von Gott, damit er durch sein Leid Seligkeit lernt und Wissen aus Dunkelheit.

Weisheit legte ihre Hand auf meine fiebrigheiße Stirn und sagte: „Geh weiter und bleibe niemals stehen, denn Fortschritt ist Vollkommenheit. Geh weiter und fürchte dich nicht vor den Dornen, denn aus den Wunden fließt nur unreines Blut.“

[aus: Khalil Gibran, The Vision, 1994, S. 41-43. Aus dem Engl. ins Dt. übersetzt von est.]

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