wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Das Wesen der Kunst

16.05.2017, 18:55 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Wesen der Kunst

Es ist sicher kein Zufall, dass die Waldorf-Schulen neben die Schulung des Intellekts die musische Erziehung stellen.
Rudolf Steiner ging es darum, eine breite Basis für einen Menschen zu schaffen, der sich auf dem 'Pfad zur Vollkommenheit' befindet.
Wollte man eine Definition dieses Begriffs versuchen, so ließe sich vielleicht sagen, alle Anlagen eines Menschen sollten so weit wie möglich entwickelt werden.
Dass Emmanel Macron ein hervorragender Pianist ist und sogar Preise in diesem Bereich erhalten hat, trägt sicher dazu bei, dass er eine Persönlichkeit mit einer ungewöhnlich starken Ausstrahlung ist.

Was wäre dann Genialität? Auch Einstein liebte seine Geige. Wäre Genialität mit Vollkommenheit identisch? Befindet sie sich vielleicht ganz in der Nähe von Vollkommenheit? Würde ein Genie vielleicht nur noch einen kleinen Schritt brauchen, um ein 'vollkommener Mensch' zu werden?

xxx

Kunst gehört also als Wegbereiter in unser Leben. Es muss nicht unbedingt Musik sein, es kann natürlich auch Malerei oder Architektur oder Literatur sein, die dem Einzelnen neue Horizonte erschließt.

Als ich zum ersten Mal im Foyer der Tate Gallery in London Rodins „Eva“ sah, so gar nicht dem modernen Bild der Frau entsprechend, sondern in sich versunken, die Hände schützend auf den Leib gelegt, musste ich einige Zeit still davor stehen – Weiblichkeit in Stein gehauen, Formen, die zu sprechen schienen, die den Betrachter in Bann zogen.
Erst sehr viel später erfuhr ich, dass das Modell schwanger war, aber dies dem Bildhauer verschwiegen hatte.

Es ist eine andere Art des Erlebens, zweifellos, wenn wir ein solches Sehen etwa mit dem Lösen einer mathematischen Aufgabe vergleichen.
Es erfasst einen tiefer, es öffnet sozusagen die tieferen Schichten unseres Wesens, die Seele.

Solche Augenblicke bleiben in unserer Erinnerung bis ans Ende unseres Lebens.
Ich habe die Mathematik auch geliebt, aber ich erinnere mich nicht daran, dass ich beim Lösen einer Aufgabe eine vergleichbare Ekstase erlebt habe. .

xxx

Was Kunst außerdem vermag, habe ich kürzlich einem Satz von Khalil Gibran entnommen:

„Art is a step from what is obvious and well-known toward what is arcane and concealed.“ (1)

„Die Kunst ist ein Schritt von der sichtbaren und gut bekannten Welt in eine geheime und verborgene.“

Dies würde die Schroffheit erklären, mit der hart gesottene Wissenschaftler alles ablehnen, was sich nicht mit ihrem beschränkten Sinnesapparat erfassen lässt.
Ein Künstler ist nicht darauf angewiesen, er erfindet etwas, z.B. eine Sinfonie, oder er interpretiert sie. Kreativität und kongeniale Interpretation eines Kunstwerkes fügt der Sinnenwelt etwas ganz Neues, Noch-Nie-Dagewesenes hinzu. Es erweitert, es vertieft, es intensiviert unser Erleben.
Es kann erstarrte psychische Zustände auflösen und Heilung bewirken.

Wir er-leben Kunst mit unserem Herzen, nicht mit dem Verstand. Beim Interpreten tritt beides auf den Plan.

xxx

Deshalb sollte musische Erziehung nie aus den Schulen verschwinden, denn sie ist damit auch eine offenbar sehr wichtige Brücke zu allem tieferen seelischen Erleben und damit zu einer spirituellen Erweiterung unseres Lebens.

Gleichwohl sollte man diejenigen, die Gedichte ablehnen, Hausmusik für altmodisch halten und sich ein Bild aus monetären Überlegungen heraus kaufen, als Individuen sehen, die sich eben noch im Vorfeld menschlichen Wachstums befinden , was durchaus jedermann durchlaufen muss.

Irgendwann während unseres langen Entwicklungswegs wird es eine Sekunde geben, in der wir atemlos vor einer Statue verharren, ein Moment der Hingabe – und damit der Öffnung in eine neue Welt voller Innen-Erfahrungen.

xxx

Kunst ist Kreativität, die aktiv und interpretativ erlebt und erfahren werden kann. Die Geburt von etwas NEUEM tritt zutage und ermöglicht eine Erweiterung, eine Expansion der Seele.
Darin möchte ich – Khalil Gibran folgend – eine ganz wichtige Brückenfunktion erkennen.

(1) „The Vision, S. 58.

© est

5 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Die sogenannten "Anlagen" sind bei jedem Menschen da, müssen aber
in der Kindheit noch besser gefördert werden. Die Waldorfschulen
nach der Idee von Steiner versuchen es, aber auch bei den staatlichen
Schulen muss noch viel mehr gefördert werden. Die musische Erziehung kommt meistens zu kurz, was ich sehr bedauere.
  • 17.05.2017, 15:06 Uhr
  • 2
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Danke Dir für diesen Baustein, der mir in meinem Mosaik noch gefehlt hat.
  • 17.05.2017, 10:17 Uhr
  • 0
Manfred, es hat mich selber überrascht, dass ich bei einer zweiten Lektüre von Khalil Gibrans Werken plötzlich auf diesen Satz gestoßen bin, der für mich ein echter Schlüssel ist.
Hier bei wl komme ich mit Menschen zusammen, die ich etwa in die Gruppen: Atheisten - Agnostiker - Gläubige (Spirituelle) einordnen kann.
Wahrscheinlich ist die Begegnung mit Kunst und ihre Aufnahme in das eigene Leben ein wichtiger Baustein bei der eigenen Weiterentwicklung.

Wichtig ist auch, dass man ein Buch ein zweites Mal liest Beim ersten Mal lese ich zu schnell, bin zu neugierig, übersehe vielleicht viel.
Beim zweiten Lesen nach einer längeren Pause geht man ganz anders heran. Man lässt sich Zeit, versucht tiefer einzudringen und findet dann solche kostbaren Sätze wie das Gibran-Zitat.
  • 17.05.2017, 14:05 Uhr
  • 1
Wie immer ein interessanter Beitrag, der zum Denken anregt und mich an meine Schulzeit erinnert hat. Leider war ich gerade in den "unwichtigen" Fächern vornedran....
Diese musischen Gebiete treten immer mehr in den Hintergrund, was die Allgemeinheit betrifft, und das ist wohl nicht mehr aufzuhalten.
Dass ich in einer sehr musischen und kreativen Familie aufgewachsen bin, empfinde ich als großes Glück, das mein gesamtes Leben geprägt hat. Diese Erinnerungen und Empfindungen würde ich allen Menschen wünschen, doch ich weiß aus Erfahrung, dass sie nur eine Minderheit erlebt.
  • gerade eben
  • 2
Renate, als ich mit 17 nach Heidelberg kam, sprachen die Klassenkameradinnen von Sinfoniekonzerten - und ich hatte keine Ahnung davon!
Dann musste ich mir vieles im Schnelldurchlauf aneignen, ich erinnere mich, während des Studiums von 23-24 Uhr immer Malerei des 20. Jahrhunderts ...
Meine ersten Schallplatten waren die berühmten Geigenkonzerte von Beethoven bis Sibelius.

Kunst bedeutet mir sehr viel, nach wie vor.
  • gerade eben
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.