wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Ein Versuch über die Nicht-Vernunft Teil 4

04.07.2017, 22:23 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Anfänge des Kultes

Diese Protoreligion ist noch völlig unpersonal. Es handelt sich chthonische (mit der Erde verbunden und ihr entspringend) Vorstellungen, da die Erde sowohl, was die Pflanzen als auch – insbesondere in der Eiszeit – die jagbaren Tiere betrifft, das hervorbringende Fundament des Lebens ist. Die Höhle als Vulva der Erde wird dementsprechend in ihrem tiefsten Inneren unter großem technischen Aufwand (Dunkelheit, Podeste für die Deckenmalereien) ausgeschmückt. Diese Teile der Höhlen waren nicht zum Aufenthalt bestimmt, sondern wurden nach Abschluss der Arbeiten häufig nicht mehr betreten. Man hat Knochen gefunden, die sichelartige Ritzungen aufweisen, die einen Bezug zu den Mondphasen zulassen. Ja, man hat sogar ein Exemplar mit zwölf Mondmonaten gefunden. Die Zeiteinteilung repräsentierte einerseits die weibliche Fruchtbarkeit, andererseits ermöglichte sie eine gewisse Regelmäßigkeit kultischer Handlungen oder Feste. Deutlich sieht man die überindividuelle Darstellung der weiblichen Fruchtbarkeit an der Venus von Hohle, das bislang älteste figürliche Kunstwerk der Menschheit aus dem Aurignacien (vor ca 40000 Jahren). Sie besteht nur aus dem Körper mit angelegten Armen. Der Kopf ist nur eine Öse und die Beine fehlen ebenfalls. Das lässt keine Interpretation in Richtung auf persönliche Gottheiten zu. Vielmehr handelt es sich um eine Macht, die in die gegenständlche Welt eingewoben ist. Die sicht- und greifbare Welt war offenbar nur ein Teil des Ganzen.

Für diese Zeit ist der Tod bereits nicht mehr nur das schlichte Ende, sondern ein religiöses Problem, dessen Bewältigung mit großer ritueller Sorgfalt versucht wird. Der Mensch erhebt sich ökonomisch, gesellschaftlich, kulturell und religiös aus den bloß naturalen Bedingungen und wird sich des Umstands bewusst, trotz seiner Einbundung in und seiner Abhängigkeit von seiner Umwelt und trotz seiner wohl auch intensiv erlebten Verwandtschaft mit den Tieren ein Lebewesen eigener Art zu sein.

In der neolithischen Revolution begann der Mensch, sich der Umwelt aktiv zu bemächtigen, indem er Ackerbau betrieb und die ersten Tiere domestizierte. Die mystische Erdverbundenheit blieb erhalten, ja sie tritt sogar deutlicher hervor. Es mehren sich Opferfunde in Mooren. Tierknochen, Jagdtrophäen, Werkzeuge werden versenkt, der alles erhaltenden Erde gegeben. Die Abfolge von Aussaat und Ernte macht eine Zeiteinteilung des Jahres erforderlich. Es beginnt wohl bald die Himmelsbeobachtung, die zu einem Spezialistentum auf diesem Gebiet führt. Die Verbindung von Gestirnen für die rechte Zeit zur Aussaat mit der alles erzeugenden Erde hat diese Spezialisten sehr wahrscheinlich auch zu Kultspezialisten gemacht, die Vorstufe zum Priestertum. Auch die späteren Megalithbauten repräsentieren im Kern die Ordnung des Kosmos. Die Ordnung des Kosmos wird zum reflektierten Problem. Die Opfer dienen nicht dazu, irgendwelche Gottheiten gnädig zu stimmen, sondern die für Aussaat und Ernte notwendige Ordnung des Kosmos zu erhalten und zu stabilisieren.

Mehr zum Thema

3 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Christian,
Dieser Beitrag enthält Erkenntnisse aus der Archäologie über die ich nicht urteilen kann.
Sie erscheinen mir aber doch recht spekulativ, teilweise widersprüchlich.
Wieso sollte man Höhlen aufwändig mit Malereien versehen und sie später nicht mehr betreten? Woher wollen die Archäologen überhaupt wissen, dass die Höhlen nicht mehr betreten wurden? Vielleicht waren es Kultstätten, wo Zeremonien abgehalten wurden die für Jagderfolg sorgen sollten und ein "Medizinmann" hat diese Kultstätten saubergehalten?

Wie kommst du darauf, dass "die sicht- und greifbare Welt offenbar nur ein Teil des Ganzen" und "der Tod bereits nicht mehr nur das schlichte Ende" war? Das sollte man mindestens für archäologische Laien näher begründen oder als Spekulation kennzeichnen.
  • 09.07.2017, 08:09 Uhr
  • 0
" Woher wollen die Archäologen überhaupt wissen, dass die Höhlen nicht mehr betreten wurden?" Es gibt keine Spuren einer Benutzung nach Abschluss der Arbeiten.

"Wieso sollte man Höhlen aufwändig mit Malereien versehen und sie später nicht mehr betreten?" Das ist ja nicht alles: Das Merkwürdige ist ja, dass die Malereien an schwer zugänglichen Stellen ohne Licht angebracht wurden. Die damaligen Menschen hatten wohl eine heilige Scheu - vielleicht so etwas wie der Uterus der Erde. Der Bilderschmuck als Form der Verehrung. Wir können die Künstler nicht mehr befragen, aber wie können durchaus plausible Überlegungen anstellen, bis man bessere Erklärungen findet.

"Wie kommst du darauf, dass "die sicht- und greifbare Welt offenbar nur ein Teil des Ganzen" und "der Tod bereits nicht mehr nur das schlichte Ende" war? Das sollte man mindestens für archäologische Laien näher begründen" Anders lassen sich Grabbeigaben mit Waffen und Speisen nicht interpretieren.
  • 09.07.2017, 09:40 Uhr
  • 0
Nun ja, das ist in der Tat merkwürdig.
Aber daraus so etwas zu schliessen wie eine "heilige Scheu" vor der Erde, das scheint mir doch sehr weit hergeholt.

Ich wusste auch nicht, dass die Malereien an schwer zugänglichen Stellen angebracht worden sind. Oder bezieht sich dieses "schwer zugänglich" nur auf die Lage des Höhleneinganges? Es kann doch nicht sein, dass jemand in einen stockfinseren Winkel einer Höhle hineinkriecht und dort Malereien anbringt. Oder haben sich die Höhlen im Laufe der Jahrtausende verändert? Ich weiss von Bergwerksstollen, die der Druck des Gesteines in nur hundert Jahren so verkleinert hat, dass man kaum noch durchkommen kann.

Ich hab mir diese bemalten Höhlen immer vorgestellt als begehbare Kuppeln im Gestein, mit bemalten Wänden und Russspuren an der Decke, jedenfalls irgendwie beleuchtbar und als Kultstätte geeignet, etwa um einen Ritus für Jagderfolg zu begehen.

Weiter dürfte den Steinzeitmenschen nicht entgangen sein, dass sich pflanzliches Leben nicht tief im Inneren der Erde entwickelt sondern eher im oberflächlichen Matsch. Und tierisch/menschliches Leben entwickelt sich sowieso nicht unter dem Boden. Wieso also Leichen der Erde "zurückgeben"?

Stammt diese Vorstellung von der "Mutter Erde" denn vor dir, oder von spekulierenden Archäologen? Mir scheint er bisher jedenfalls nicht besonders plausibel.
  • 11.07.2017, 13:39 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.