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Transparenz ist beim Geschichtenerzählen wichtig – wir suchen uns dafür die  ...

Transparenz ist beim Geschichtenerzählen wichtig – wir suchen uns dafür die geeigneten Protagonisten

Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern
11.05.2016, 21:21 Uhr

Zum sechsten Mal tagten am 30. April 2016 die Evangelische Arbeitsgemeinschaft Medien und die Akademie für Politische Bildung Tutzing unter der Leitung von Sabine Jörk und Dr. Michael Schröder in Bayreuth, diesmal zu dem Thema „Mitleid wecken oder Angst schüren? Flucht als Thema in den Medien“. Die 36 Teilnehmer der Tagung waren hoch interessiert und diskutierten bis zum Schluss lebhaft mit den Referenten.

Soziale Netzwerke als neue Öffentlichkeit

Frau Professor Dr. Caja Thimm von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn forscht schon seit vielen Jahren zur Kommunikation im Internet, insbesondere in den Sozialen Netzwerken Facebook und Twitter. Aktuell befasst sie sich mit den sog. Hate Speeches (Hetzdiskurse) in diesen Netzwerken.

Zu Beginn ihres Vortrages zeigte sie auf, wie sich unsere Kommunikation verändert hat, von der klassischen face-to-face Kommunikation, über die lineare Kommunikation der klassischen Medien bis hin zu der multiplen Kommunikation – jeder kommuniziert mit jedem – in den Sozialen Netzwerken. Sie betonte, dass die Mediatisierung der Gesellschaft ein globales Phänomen ist, das nicht mehr aufgehalten werden kann. Mit Verweis auf den Medienwissenschaftler Kroetz zeigte sie aber auch die Chancen der Mediatisierung auf, dass eine Vielzahl neuer Medien eine Bereicherung für eine Gesellschaft sein kann, weil sie neue Kontexte, Sinnzusammenhänge und Funktionen schafft. Gleichzeitig wies sie aber auch kritisch auf die Macht von Facebook und Twitter als Orte der Onlinekommunikation hin.

Digitales Leben bedeutet nach Thimm, Leben unter neuen Bedingungen: Dislokalität, Plurimedialität, Zeitlosigkeit, innere Distanzlosigkeit bei gleichzeitiger Distanz, hohe Kommunikationsdichte, hoher Kommunikationsdruck und hohe emotionale Nähe (digitale Intimität).

Soziale Netzwerke haben eine neue Öffentlichkeit hervorgebracht und Anbietern wie Facebook und Twitter eine neue Verantwortung beschert, insbesondere bei den Hetzdiskursen bestimmter Gruppierungen. Thimm zeigte anschaulich an Beispielen die Strategien, die in diesen Hetzdiskursen verwendet werden. Allerdings wies sie auch klar und deutlich darauf hin, dass es digitalen Hass schon weit vor Facebook und Co gegeben hat und nannte als Beispiel die „Hass-Seite“.

Eine besondere Bedeutung haben in diesem Kontext die „Mash ups“: Man verwendet z.B. ein Originalbild aus einem Onlinemagazin und fügt ein Zitat oder eine andere Überschrift ein, so dass das Originalbild in einen neuen Kontext gestellt werden kann. Auffällig ist, dass fremdenfeindliche Gruppierungen sehr gut mit diesem Werkzeug umgehen können.

Eine weitere wichtige Strategie ist der Hashtag # mit dem man ein Thema setzen kann, wird vor allem für Twitter verwendet. Hetzdiskurse findet man z.B. unter „#Merkel“, „#Flüchtlingsstrom“, „#Asylschmarotzer“, „#RefugeesNOTWelcome“.

In den Diskursen selbst gibt es nach Thimm ein klares Muster: die aufgebauschte Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und Deutschen mit niedrigem Einkommen. Anhand von anschaulichen Beispielen aus Facebook und Twitter zeigte sie diese Diskurse.

Die gefühlte Anonymität – bei Twitter ist der Klarname keine Bedingung für die Teilnahme – aber auch die hohe Zustimmung, die Anerkennung und das Lob der Gleichgesinnten, lässt die Angst vor Sanktionen vergessen und immer mehr äußern sich auch unter ihrem Klarnamen. Die sog. „Online Filter Bubbles“ begünstigen diese Entwicklung, Facebook und Twitter filtern die Informationen ihrer Nutzer gemäß ihren Vorlieben. Dies bedeutet, dass man hauptsächlich die Informationen von Gleichgesinnten erhält, nur noch mit diesen kommuniziert und die anderen nicht mehr wahrnimmt.

Die „Lügenpresse“ als Feind verschafft Stärke und Zusammenhalt im Netz, z.B. Nutzer beklagen sich bei Twitter über die Traditionsmedien und Pegida bestärkt sie in ihrer Meinung, auch mit dem Hinweis nicht aufzugeben.

Als eine gute Gegenstrategie benannte Thimm die Aktion der Berliner Bürgerinitiative „Flüchtlinge willkommen“ auf YouTube, die erst am 28. April 2016 gestartet ist. „Search racism find truth“ (Suche nach Rassismus und finde die Wahrheit) ist eine Aktion gegen Hass und Vorurteile. Für ihre Kampagne nutzen sie YouTube und hier die Schaltung von nicht blockbarer Werbung vor jedem Start eines fremdenfeindlichen Videos. Wenn man z.B. nach „Lutz Bachmann“, „Pegida“, Flüchtlinge raus“ sucht, muss man zuerst ein Aufklärungsvideo ansehen mit „Flüchtlingen“ als Protagonisten.

. Thimm wies auch auf die Amadeu-Antonio-Stiftung hin, die zur Gegenrede (Counter Speech) ermutigt.

In wie weit die Hasskommentare die Gewaltbereitschaft rechtsextremer Gruppen erhöht, ist wissenschaftlich nicht belegbar, allerdings kann man davon ausgehen, dass die Hemmschwelle für Gewalt gegen Flüchtlinge sinken könnte. „Es sind nie die Medien, die Schuld sind, sondern die Menschen“, betonte Thimm. Sie machte noch einmal deutlich wie wichtig Medienkompetenz heute ist und plädierte für ein Engagement für demokratisches und tolerantes mit einander im Netz. Die Gegenrede muss von den Nutzern kommen, Facebook und Twitter können und dürfen das nicht für uns „richten“, so Thimm.

Es wird viel über Flüchtlinge im Netz gesprochen, es gibt aber auch Hilfsaktionen

Lena Odell eine junge Frau aus München gründete im Oktober 2014 die Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge in München“ auf Facebook. Die Übersetzerin und Dolmetscherin befand sich zu diesem Zeitpunkt im Erziehungsurlaub und wollte einfach helfen. Bereits am Ende des Gründungsjahres hatte die Gruppe 500 Mitglieder, 2015 waren es schon 2500. Als Ungarn die Grenzen öffnete traten an einem einzigen Tag 1000 Facebook Nutzer der Gruppe bei, im September hatte sie bereits 15.000 Mitglieder und heute sind es 16.700 Mitglieder. Damit ist die Gruppe eine der drei größten im deutschsprachigen Raum.

Als die Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof eintrafen, gab es keine Strukturen, sondern nur Überforderung. Die Administratoren der Facebook Gruppe „Hilfe für Flüchtlinge in München“ mussten diese Strukturen erst einmal schaffen. So entwickelten sie in der Gruppe für jedes Thema ein Fotoalbum (40 Themen), schufen Regeln, benannten Initiativen vor Ort. Sie schrieben in die Gruppe „wir brauchen xy“ nannten den Ort, an dem man die Sachen bringen konnte und organsierten so schnell die wichtigsten Sachen für die Flüchtlinge. Selbst die Polizei machte auf die Gruppe als kompetente Informationsquelle aufmerksam.
Hauptaktivitäten der Gruppe waren das Sammeln und Verteilen von Sachspenden, Mobilisierung von Helfern, Deutschkurse, Dolmetscher, Kinderbetreuung. Heute konzentriert sich die Gruppe nicht mehr nur auf München, sondern auch Griechenland, Balkan usw. Die Helfer tauschen sich untereinander aus, man organisiert Behördengänge, tauscht Materialien aus, sucht nach Geldspenden für konkrete Projekte. Mittlerweile sind auch immer mehr geflüchtete Menschen Mitglied in der Gruppe und helfen anderen Geflüchteten bei der Wohnungssuche und dem Deutsch lernen.
Die Gruppe existiert nur auf Facebook, nicht aber als Organisation in der offline Welt! Es ist eine öffentliche Gruppe, in der jeder Mitglied werden kann. Das bringt allerdings auch Probleme mit sich wie hetzerische Statements, Spam, Sekten oder „schwarze Schafe“ bei Spendenaktionen. Frau Odell bekam auch schon Nachrichten wie „Du gehörst vergewaltigt“, dennoch macht sie weiter und lässt sich nicht einschüchtern.

Stolz zeigte sie auf was die Gruppe auszeichnet: Schnelligkeit, Niedrigschwelligkeit, Omnipräsenz, international vernetzt, breites Spektrum an Mitgliedern, „wir vermitteln ein positives Bild für die Nutzung von Social Media“, so Odell.

Ihr Fazit: „Wir sind mehr, morgen schreien Eure Kinder so wie wir“, eine Parole, die Mitglieder der Gruppe den Pegida-Demonstranten in München entgegenrufen.

Die Berichterstattung der Medien aus Sicht der Tagungsteilnehmer

Nach der Mittagspause sammelten die Teilnehmer in Kleingruppen stichpunkartig ihre persönlichen Eindrücke von der Berichterstattung in den Medien von Herbst 2015 bis heute. Dabei zeigte sich, dass die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer die klassischen Medien wie Print, Hörfunk und Fernsehen nutzte, nur ein paar Jüngere Onlinemedien und Social Media.
Einig war man sich darin, dass die Berichterstattung in den Medien zwischen „wir schaffen das“ und „wie verkraften wir das?“ schwankte. Anfangs dominierten positive Willkommensgeschichten, ab November 2015 wurden immer mehr kritische Stimmen in den Medien wahrgenommen. Dabei hatte man das Gefühl, dass die Medien dem Mainstream folgten und nicht sachlich und neutral berichteten, emotionale Bilder bestimmten die Informationen.

Deutsche Medien zensieren sich selbst aus Angst vor rechts

Julius Heinrichs, freier Journalist, beschäftigte sich in seinem Vortrag mit den Print- und Onlinemedien und warf ihnen eine moralisch motivierte Verzerrung in der Berichterstattung über Flüchtlinge vor. Informationen wurden eher zurückgehalten aus Angst rechtem Gedankengut Nährboden zu bieten. Den Vorwurf der gelenkten „Lügenpresse“ entkräftigte er, indem er zeigte, dass die Art der Berichterstattung nicht von oben entschieden wurde, sondern auf Redaktionsebenen. Allerdings kritisierte er sehr stark die Vermischung von Meinung und Information in der medialen Berichterstattung.

Von Medien wird erwartet, dass sie die Wahrheit berichten, problematisch ist es nach Heinrichs jedoch dann, wenn sie sich als Wahrheitsverkünder verstehen. Er zeigte dies am Beispiel eines Beitrags im Magazin Focus Online „Drei (un)schöne Wahrheiten über Flüchtlinge“ vom September 2015. Die hier vorgestellten Wahrheiten waren sehr tendenziös und hoben sich gegenseitig auf. Auch ein Video der Süddeutschen Zeitung, in dem darauf hingewiesen wurde, dass in der deutschen Nationalmannschaft auch Spieler anderer Nationalitäten spielen, hielt Heinrichs nicht für zielführend in der Flüchtlingsdebatte, ebenso wenig den Beitrag in der ZEIT „Ich habe überhaupt keine Lust auf Frauen“, ein Interview mit drei Syrern nach den Übergriffen von Köln.
Ab Januar verschärfte sich nach Heinrichs der Ton in der Berichterstattung, er wurde unsachlich und sogar beleidigend gegenüber denjenigen, die sich nicht mehr sicher waren, ob Deutschland das alles wirklich bewältigen kann. Als Beispiel zeigte er einen Kommentar der Süddeutschen Zeitung auf Twitter, in welchem Nutzer direkt unnötig beleidigt werden, als „ob ein Nazi“ damit zum Meinungswechsel bekehrt werden könnte. „Aha, also jetzt, da ich mich aus der Beleidigten-Perspektive wahrnehme, da ändere ich gleich mal meine Meinung. Mann, was muss ich doof sein?“, so Heinrichs.

Der Ton in der Berichterstattung wurde meinungsgeladener, dramatischer, übertriebener und seltsamer – für all diese Thesen hatte Heinrichs auch ein passendes Beispiel dabei.
Anhand von Grafiken zeigte Heinrichs die politische Verortung von Politikredakteuren und ihr Selbstverständnis. Er wies aber auch daraufhin, dass Medien andere Medien beeinflussen, denn die Hauptinformationsquelle für Medien sind andere Medien!
Allerdings hat sich nach Heinrichs in den letzten Wochen die Berichterstattung wieder normalisiert.

Wir sind Menschen und keine Berichterstattungsmaschinen

Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion mit Julius Heinrichs, Hubert Denk (Lokaljournalist und Blogger) und Frau Dr. Susanne Glass (Leiterin des ARD Studios Tel Aviv, zum Zeitpunkt der Flüchtlingswelle Leiterin des Studio Wien).

Frau Dr. Glass erzählte, dass sie alle damals in Wien völlig unvorbereitet waren auf das, was nach der Grenzöffnung passierte. Eine besondere Schwierigkeit war für sie, „ich wollte nicht Teil einer Geschichte werden“, aber „letztendlich musste man eingreifen und konnte sich nicht raushalten“. Sie stand unter dem Zwang zu berichten, konnte aber nur Puzzleteile präsentieren. Eine Falschmeldung auf Twitter über den Einsatz angeblicher Sonderzüge, die angeblich aus ihrem Studio stammte, sorgte dann positiv dafür, dass tatsächlich Sonderzüge eingesetzt wurden, vermutete, Glass. Sie räumte ein, dass die Berichterstattung in dieser Zeit monothematisch gewesen sei. Sie plädierte aber dafür, dass Journalisten auch Ratlosigkeit zugestanden werden müsste, dass sie eben nicht alle Antworten auf alle Fragen haben! Das Problem sei, dass der Zuschauer erwartet, dass der Journalist weiß, „was Sache ist“, so Glass.

Denk wohnt vier Kilometer vor dem „berühmten“ Grenzübergang. Seiner Meinung nach suchen sich Journalisten Protagonisten für ihre Geschichten aus. Sie schreiben über das, was die Menschen bewegt und im konkreten Fall, wo sie hinwollen. Seine Erlebnisse deckten sich nicht mit der Berichterstattung in den großen Medien mit ihren Polarisierungen. Denk versteht sich nicht als Sprachrohr der Gesellschaft, sondern als Reporter für die Menschen, der für sie an Orte geht, die sie nicht aufsuchen können, „ich höre, fühle, rieche für sie“. Seiner Meinung nach ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk das Rückgrat einer freien Presse, während die Privaten sich dem Kommerz ausliefern. Des Weiteren vertrat er die Ansicht, dass die Nachricht über ein Thema nicht mehr genüge, sondern der Journalist müsse sie einordnen, damit der Leser sich überhaupt eine Meinung bilden kann.

Heinrichs wünschte sich, dass Journalisten wieder objektiv berichten, sich nicht selbst zensieren, Zweifler nicht sofort „als Nazis“ abstempeln, den Leser „nicht für dumm verkaufen“, Nachricht und Kommentar trennen. Wir alle sollten Meinungsvielfalt leben und nicht nur fordern, so Heinrichs.
Einig waren sich alle drei darin, dass Transparenz beim Geschichtenerzählen von zentraler Bedeutung ist.

Sabine Jörk
EAM-Vorsitzende

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