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Anschläge und Reaktionen

Anschläge und Reaktionen

29.07.2016, 08:56 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Über die speziellen Reaktionen hier bei SB, nach Terroranschlägen, Amoklauf oder anderen Gewaltausbrüchen, braucht nicht viel geredet zu werden. Festgefahrene Weltbilder und innerlich durchgängig präsente Generalschuldige, bzw. Lieblingsfeinde bestimmten Reaktionen und Diskussionen. Ursachen fallen dabei eher weniger ins Gewicht und was sollte man schon einem Totschlagsatz entgegnen, der geschickt den Zwang zur Zustimmung mit der Abwehr hinterfragender Argumente verbindet?
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"Mir ist es egal, ob der Täter Moslem, Christ, Atheist oder Rechtsradikaler ist, solch ein Verbrechen ist abscheulich und kann nur mit aller Konsequenz verurteilt und bestraft werden." Wer könnte da widersprechen?

Auf diese Weise wird allerdings auch jede Diskussion darüber verhindert, wie es zu extremer Gewalt kommt und das scheint einigen hier sehr recht zu sein. Für sie stehen Ursachen und Schuldige ohnehin schon vor der Tat fest und der Gipfel der Unsachlichkeit wird regelmäßig dadurch erreicht, dass alle Andersdenkenden pauschal zu Mitschuldigen erklärt werden. Meist gehen solche Rundumschläge dann auch noch einher mit dem unsäglichen "Danke Merkel!", so als ob unsere Kanzlerin jedem Durchgeknallten höchst persönlich eine Einladung mit Handlungsanweisung für Terrorakte in die Hand gedrückt hätte. Dass unter Millionen Menschen, gleich welcher Nation, zwangsläufig auch Straftäter, psychisch Kranke und Extremisten sein müssen, dass belegen schon die statistische Wahrscheinlichkeit und die deutsche Wirklichkeit, wie sie auch vor der großen Migrantenbewegung des letzten Jahres sichtbar war.

All das hilft nicht Bluttaten zu verhindern, macht Tote nicht mehr lebendig und tröstet keinen Angehörigen über den Schmerz hinweg.
Wer sich weigert, gründlich und mit aller gebotenen Sachlichkeit die Ursachen solcher Geschehnisse zu analysieren, der beraubt sich und die Gesellschaft der Möglichkeit, im Vorfeld gegenzusteuern und weitere schlimme Terrorakte zu verhindern.
In diesem Zusammenhang möchte ich hier einen lesenswerten Artikel empfehlen, in dem Nicolai Hinsch auf seinem Blog "Kritisches Denken" ein paar wichtige Gedanken dazu äußert, wo Motive und Ursachen für Amokläufe, wie den in München, zu sehen sind. Das ist natürlich keine umfassende Analyse, in der alle Möglichkeiten bedacht werden, aber ein wichtiger Ansatz, nämlich die Frage, wann und warum Hass bei solchen Menschen entsteht, sollte uns nachdenklich machen.

Anschläge und Reaktionen


"Was bei jedem Anschlag schon zur Routine wird, das gebetsmühlenartige Wiederholen von Phrasen und Appellen, ist auch dieses mal wieder hervorgetreten. In einem Spiegel-Artikel wird die psychische Krankheit des Täters verantwortlich gemacht für das Geschehen und auch nur allzu gerne die mangelnde soziale Einbindung. [1] Das ist natürlich nicht falsch. Einsamkeit und Isolation machen Menschen krank. Doch wieder einmal, wie es bei nahezu jedem Amoklauf der Fall ist, wird vollkommen vergessen, dass man nicht beginnt, andere zu hassen, wenn es keinen Grund dazu gibt. In dem verlinkten Artikel wird das Thema Mobbing sehr kurz abgehandelt, vermutlich, weil es so unangenehm ist und in den Appellen an die Gesellschaft enthalten.

Ein Amoklauf oder Anschlag wird meist betrauert. Aber betrauert man wirklich die Tatsache, dass Individuen, die vermutlich ihr Leben noch genießen wollten, ohne eigene Schuld grundlos in den Tod gerissen wurden? Eher weniger. Man spricht von einem Angriff auf die Gesellschaft, die Wertegemeinschaft oder einem Tag der Schande. Als würde für das Verhalten eines Einzelnen jeder die Schande tragen müssen. Diese Mentalität des Zusammenhaltens gegen diese Ausgeschlossenen motiviert weitere Wunsch-Täter zum Handeln. Sie identifizieren sich mit dem Amokläufer, weil dieser es der Gesellschaft „heimgezahlt“ hat, dass sie ihn ausschloss und die Reaktion ist, dass ihre Identifikation in einen noch größeren Gegensatz zwischen sich und „den Anderen“ führt.

Es handelt sich bei Amokläufern um Produkte des ewigen Kollektivdenkens. Ein Kollektiv kann nicht ohne etwas Ausgeschlossenes existieren, sonst gäbe es keine Definition und kein Merkmal, dass es zu einem solchen macht. Beschwört man diese Grenzen noch weiter, wird man dadurch wohl kaum zukünftige Täter von ihrer Tat abbringen, sondern sie nur darin bestärken, dass der Mord die einzige Möglichkeit ist."

[1] http://www.spiegel.de/panorama/justi...104485.html

Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de

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7 Kommentare

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sehr gut
  • 29.07.2016, 12:31 Uhr
  • 2
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  • 29.07.2016, 12:26 Uhr
  • 1
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Ich freue mich über jeden Text, der den Blick sachlich geradeaus in die Vernunft lenkt. Danke.
  • 29.07.2016, 11:27 Uhr
  • 5
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Gert
wer im "Wir" sein Ich findet, schränkt seinen Horizont ein und lässt es zu, dass sein Denken reglementiert und uniform wird!
Selbst ein Liebespaar muss zulassen, dass es Momente gibt, in denen, obwohl es den gleichen Horizont hat, der Andere in eine andere Richtung schaut!
Der Beitrag "Kritisches denken" ist ein kluger Appell sich darauf zu besinnen, wie wichtig es ist, dem Kollektiv, egal welcher Couleur, mit Verantwortung zu begegnen!
  • 29.07.2016, 09:53 Uhr
  • 9
Hervorragende Zusammenfassung
  • 29.07.2016, 09:54 Uhr
  • 1
Ich hatte eine klasse Vorlage dazu!
  • 29.07.2016, 10:21 Uhr
  • 3
  • 29.07.2016, 15:08 Uhr
  • 0
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