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Alle Jahre wieder (nicht von mir - aber gut)

16.12.2016, 17:44 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Hochstaplerin

von Günter Stein

meine Holde ist ein Aufräum-Genie. Bei ihr herrscht eine Ordnung, die geradezu pikobello ist. Nie liegt irgendetwas herum. Nie sind vereinzelte Zettel, Notizen, geöffnete oder ungeöffnete Briefe lose auf Schränken, Kommoden oder anderen Ablageflächen zu finden. Wie auch? Sie sammelt alles auf einem gigantischen Haufen neben sich am Schreibtisch. Ein recht wilder Haufen. Der schiefe Turm von Pisa ist dagegen nahezu makellos gebaut.

Doch am vergangenen Montag ist es passiert. Der größtmöglich anzunehmende Haufen-Super-Gau ist eingetreten. Bei dem Versuch, die aktuelle Post des Tages plus eine Gesprächsnotiz auf dem schon recht bedenklich wackelnden Gebilde zu deponieren, ist der Haufen zusammengebrochen. Ein markerschütternder Schrei erschütterte das Haus, die Nachbarschaft, das umliegende Dorf und brachte dem Vernehmen nach noch die Seismographen in der benachbarten Großstadt Köln zum Ausschlag.

In atemberaubenden Tempo, eine Gesichtshälfte mit Rasierschaum versehen, die andere blutend, da der plötzliche Urschrei mir die Hand beim Rasieren ein wenig unsicher gemacht hatte, stürzte ich in Richtung Büro. Zitternd wie Espenlaub stand meine Holde vor Tonnen herumliegenden Papiers, Zeitungen, Briefen, Notizen, Mahnungen und Prospekten.. „Dadadada“, stammelte sie aufgeregt und zeigte mit dem Finger auf das Chaos.

„Was?“, fragte ich.

„Dadada“, stammelte es wieder aus dem Mund meiner Holden.

Gemeinsam besahen wir uns die Bescherung.

„Das sieht ganz schön unordentlich aus“, sagte ich. „Aber jetzt kannst du die Sachen wenigstens mal sortieren!“

Schnappatmend sah mich meine Holde an.

„Ich mein ja nur“, stammelte ich. „Das ist doch eine gute Gelegenheit, um mal aufzuräumen!“

Die Schnappatmung wurde nicht besser. Allerdings ging die Hautfarbe im Gesicht meiner Holden langsam in Richtung rötlich. Derweil versuchte ich mit einem Finger, die blutende Wunde in meinem Gesicht zu stoppen.

„Das war aufgeräumt“, zischte es in meine Richtung. Meine Holde hatte die Sprache wieder gefunden. Ich war mir allerdings nicht ganz sicher, ob ich darüber glücklich sein wollte, oder nicht.

„Das war ein Haufen und keine Ordnung!“, entgegnete ich.

Die Augen meiner Holden blitzten. „Was verstehst du von meiner Ordnung? Das war alles wohl sortiert!“

„Nach welchem Sortierschema denn“, fragte ich grinsend.

„Nach Datum“, zischte die Holde.

„Das habe ich mir gedacht. Das Neueste obenauf und darunter der Rest zum Vergessen!“.

Ich bückte mich und pflückte einen Zettel aus dem Wust. „11.12.2012: Zahnarzt (Kontrolle) stand drauf.

„Wie lange bastelst du an so einem Stapel?“, fragte ich.

Meine Holde entriss mir den Zettel. „Geht dich gar nichts an. Und dieser Zettel vom letzten Jahr lag im Stapel, damit ich in diesem Jahr daran denke, wieder einen Kontrolltermin zu machen!“

„Und, hast du?“.

Meine Holde überlegte kurz. „Geht dich nichts an!“, presste sie schließlich kurz angebunden hervor.

Ich griff einen geöffneten Briefumschlag aus dem Stapel. „25.5.2012“ stand auf dem Poststempel, daneben ein handschriftlicher Vermerk: „Bis 10.6.erledigen!“

Ich grinste. „Ohne zu wissen, was es ist: Hast du?“

„Was habe ich?“

„Hast du die Sache, um was immer es geht, bis zum 10.6.2012 erledigt oder nicht?“

„Woher soll ich das wissen. Das ist doch ewig lange her!“

„Siehste“, sagte ich. „Da ist eben doch keine Ordnung in Deiner Ablage. Drum freu dich doch. Jetzt kannst du alles wegwerfen, was du nicht mehr brauchst – und hast einen funkelnagelneuen kleineren Stapel. Besser geht es doch gar nicht …“

Skeptisch blickte ich meine Holde an. „Ich kann es ja mal probieren …“. Dann wurde ich aus dem Büro geschickt …

Gestern habe ich mir den neuen Stapel angeschaut. Halt. Die zwei neuen Stapel. Wie eineiige Zwillinge hat sie jetzt zwei gleichaussehende Türmchen neben ihrem Schreibtisch aufgebaut. Irritiert schaute ich meine Holde an. „Äh, wolltest du nicht ausmisten?“.

„Konnte ich nicht. Da war zu viel Wichtiges dabei! Außerdem ist das hier meine Ordnung. Ich muss damit klarkommen. Misch dich nicht ein!“

„Dann nur eine Frage. Welcher Haufen ist für was gut?“.

Meine Holde seufzte. „Also gut, wenn es dich interessiert. Der linke Haufen sind die dringenden Sachen, und der rechte Haufen ist der Rest!“

„Ah ha“, sagte ich. „Aber wären nicht drei Haufen dann noch besser?“

„Wieso das?“!

„Na, einer mit dringend, einer mit „Vielleicht dringend“ und der dritte mit „Keine Ahnung wie dringend!“

Skeptisch sah mich meine Holde an. „Und woher soll ich wissen, wo was hinkommt?“

„Ist doch einfach“, sagte ich. „Wenn neue Post hereinkommt oder neue Notizen anfallen, kommt erst einmal alles auf den Stapel „Keine Ahnung wie dringend“. Wenn es dann dringend werden sollte, kommt es auf den Stapel „Vielleicht dringend“. Und wenn sich danach sich jemand melden sollte, oder sich irgendetwas tut, dass du merkst: ‚Ui, das ist jetzt wirklich dringend` – dann wandert es auf den ersten Stapel. Und der Rest wandert einfach zurück.“

„Genial“, strahlte meine Holde. Dann stutzte sie. „Bist du auch sicher, dass das funktioniert?“.

„Klar“, sagte ich.

„Und woher?“

„Och“, meinte ich. „Unsere Kanzlerin macht es genau so. Und die wurde damit glatt dreimal gewählt!“.

1 Kommentar

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  • 17.12.2016, 11:37 Uhr
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