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So nah wie fern. Zyperns Wiedervereinigung

So nah wie fern. Zyperns Wiedervereinigung

Hans-Herbert Holzamer
15.01.2017, 08:55 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

“Come together”, der Beatle-Song liegt wie eine Wolke aus Musik zwischen den beiden Kontrollposten in Nicosia, unweit des Ledra-Palastes. Die Trennung von Türken und Griechen auf Zypern seit 42 Jahren erscheint heute Abend so irreal, dass man nur hoffen kann, die hier feiernden Menschen bekämen endlich das, was sie aus ihren Hälsen herausschreien, das „Together“, der beiden Bevölkerungsgruppen. Türken und Griechen trinken gemeinsam, liegen einander in den Armen, schwören sich Treue, dass sie doch beide Zyprioten wären, keine Anatolier und keine Athener. Und gerade diejenigen, die von der Regierung in Ankara auf die Mittelmeerinsel gebracht wurden, um den türkischen Anteil der Bevölkerung in die Nähe des eroberten Prozentsatzes von knapp 40 Prozent des Landes zu bringen, die von Bauern zu Winzern, Plantagenbesitzern und Bauunternehmer wurden, rufen am Lautesten. Der Grund für den friedlichen Rummel: In der Schweiz, am Sitz der UNO in Genf, wurden die Gespräche der beiden zyprischen Führer wieder aufgenommen, nachdem sie vor Weihnachten ergebnislos abgebrochen worden waren. Parteien, Gewerkschaften und private Initiativen hatten zu diesem gemeinsamen Marsch von Griechen und Türken aufgerufen, der weitgehend ungestört bis in den Sicherheitsbereich der Vereinten Nationen zwischen den Beton- und Stacheldraht- bewehrten Grenzposten in der Nähe des Ledra-Palastes der zyprischen Hauptstadt führte und dort zu einem friedlichen Fest wurde.

Es gibt keinen Grund für den Stacheldraht


Eigentlich muss man nicht die „Bittere Limonen“ von Lawrence Durrell gelesen haben, um zu verstehen, dass es keinen Grund für die Stacheldrahtrollen, die Betonmauern, die UN-Soldaten zwischen den Zyprioten gibt. Man muss nur mit den Leuten hier reden. Sie äußern sich wie die Protagonisten des Buches in den 50er Jahren: Wir kommen miteinander aus, wenn man uns nur lässt. Und wenn deren Führer ihren Job ernst nehmen, müssen sie mit einem Ergebnis zurückkommen, der das Trennende auf den Müllhaufen der Geschichte schiebt.
Aber eigentlich kann keine Lösung gefunden werden.
“Eine Lösung ist nahe”, wird vor dem Ledra-Palast von Teilnehmern der Demonstration der Regierungssprecher Nicos Christodoulides zitiert. Aber er sagte auch: „Wir sind so nah, wie wir fern sind.“
Mustafa Akinci, der Führer der zyprischen Türken, und Präsident Nicos Anastasiades hätten die Diskussionen als “konstruktiv” beschrieben, wissen andere, wenn man auch noch kein Agreement erreicht habe, das man unterschreiben könne.
Wie soll denn eine Lösung gefunden werden, ohne dass die Türken besiedeltes Land wieder an die Griechen zurückgeben müssten? Wer hat in der künftigen Regierung der föderalen Republik die Entscheidung, wenn eine Seite die numerische Überlegenheit hat? Was geschieht mit den Vertriebenen? Werden die Massaker aufgearbeitet? Was ist mit den britischen Basen? Was mit den Öl- und Gasfeldern im Mittelmeer? Wie verläuft die geplante Pipeline? Durch unsicheres Erdogan-Land oder – deutlich teurer – im sicheren Meer?
Während der Regen auf Wellblech prasselt und der Wind an losem Stacheldraht zerrt, wird eine Äußerung von Nikos Christodoulides vorgelesen, man müsse verstehe, es handle sich um schwierige und sensible Themen. Beide Seiten müssten sich bewegen. Die Leute applaudieren, einige lachen.

Es gibt keine Lösung. Oder doch?


Würdest Du Dein Haus dem früheren Eigentümer zurückgeben, frage ich den Türken, mit dem ich zusammen vor dem Regen Schutz gesucht habe. Er schaut mich an: “Meine Eltern hatten ein schönes, ein großes Haus in Pafos. Sie gingen aus Sicherheitsgründen 1963 nach Girne, das frühere Kerkyra im Norden.“ Dann habe er von den türkischen Behörden den Besitz eines Griechen zugewiesen bekommen, der in den Süden geflohen war. „Wenn ich das Haus in Pafos bekomme, dann verzichte ich auf meinen Besitz im Norden. Sonst nicht.“
Das kann nicht funktionieren.
Anastasiades und Akinci reden in Genf von einer „historic opportunity”, den Jahrzehnte alten Konflikt zu beenden. Es sind Hunderte, die hier ausharren. Sie haben Fahnen und Poster in den Händen, die sie im Regen den wenigen Kameras entgegen recken. “Nico-Mustafa, come back with a solution", steht auf einem, beide möchten doch bitte mit einer Lösung zurückkommen. Doch die beiden sitzen seit mehr als 18 Monaten zusammen, davor waren es andere. Ergebnislos.
Geht Morphou an die Griechen? Was wird mit Famagusta? Wer schützt die Türken, wenn die Griechen wieder Oberwasser bekommen? Sollen Ankaras Truppen auf der Insel bleiben? Über ein Frühwarnsystem bei „Schwierigkeiten“ wird debattiert. Wer kontrolliert, wer aus der Türkei auf die Insel kommt? Wer bestimmt, wer einen zyprischen Pass bekommt? Wer schützt vor Erdoğans osmanischen Phantasien?
Die Türken kamen ja, so sagten sie, um ihre Landsleute vor dem Militärputsch der Griechen und dem drohenden Anschluss an Griechenland zu schützen. Und blieben, auch nachdem sich der Grund ihrer Mission erledigt hatte. Infolge der Teilung flohen 162 000 griechische Zyprer in den Süden. Aus dem Süden suchten 48 000 türkischen Zyprer Schutz bei den türkischen Truppen im Norden. Es gab viele Tote und viele Gefangene, über deren Verbleib man nichts erfuhr. Diese „missing people“ erhitzen die Griechen bis heute.
Jahrhunderte lang war die ursprünglich griechische Insel osmanisch, bis sich die Briten einen unsinkbaren Flugzeugträger im östlichen Mittelmeer zulegten.
“Alle guten Dinge sind drei”, sagt der Türke, mit dem ich den Regenschutz teile. Es ist in Genf der dritte Versuch. Ich bewundere seinen Optimismus. „Am Mittwoch wird man sich auf die Landgrenzen des föderalen Staates einigen. Ich bin mir sicher.“

Erdoğan und seine osmanischen Phantasien


Warum er sich sicher wäre, will ich wissen. “Wegen Erdoğan und seiner osmanischen Phantasien. Wir zyprischen Türken sind anders. Wir haben das Mittelmeer in unserem Blut, nicht den Staub Anatoliens. Wir müssen uns beeilen, sonst macht Erdoğan eine türkische Provinz aus Nordzypern.” Der Türke nutzt eine Regenpause und hastet davon. “Es ist aber genau andersrum”, sagt eine andere Stimme zu mir. “Entschuldigen Sie, dass ich zugehört habe.” Es ist ein Grieche, der eben noch mit den anderen gefeiert hatte, “Andersherum? Wieso?” “Ankici ist eine Marionette Erdoğan s. Er will gerade nicht Distanz zur Türkei schaffen, sondern für die Türkei ist das Abkommen ein Teil der osmanischen Pläne. Er könnte es auch gar nicht, selbst wenn er wollte.” Und dann nennt der Grieche einige demografische Fakten: „Es sind 40 000 Soldaten auf der Insel, dazu 50 000 Studenten, mindestens 200 000 Zuwanderer, die sogenannten Settler.” Vermutlich seien es sogar mehr als 350 000. Die Zahl der türkischen Zyprer sei geschrumpft von 100 000 auf 80 000. „Sie sind eine Minderheit im eigenen Land. Sie werden bald absorbiert sein.” In Genf würde ein Teil der Zuwanderer zu Zyprioten erklärt, die anderen bekämen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse. Kein Türke würde von der Insel vertrieben. Ich kann ihm nicht widersprechen, es gibt keine Statistiken, denen man Glauben schenken kann. Und der osmanische Plan? Der Grieche hat seine Meinung: “Es gibt eine komplizierte Entscheidungsfindung im dann föderalen Staat, vielleicht eine wechselnde Präsidentschaft. Jedenfalls kann die türkische Seite alles boykottieren. Die Vergabe von Erdölrechten zum Beispiel, oder den Verlauf der Pipeline. Jetzt haben wir Vereinbarungen mit Israel, Ägypten, Jordanien. Das wird dann vorbei sein. Wir verlieren unsere Freiheit, werden kastriert, neutralisiert. Und es geht auch Dich an, mein Freund. Da viele EU-Entscheidungen Einstimmigkeit verlangen, bekommt Ankara so zusätzlich ein Vetorecht in elementaren Dingen der Gemeinschaft, vor allem der Außen- und Sicherheitspolitik. Sie brauchen die Insel nicht einmal zu annektieren.” “Das werden die Europäer doch zu verhindern wissen”, werfe ich ein. Der Grieche lacht mich aus: “Die EU braucht nach dem Syrien-Debakel einen Erfolg. Außerdem will sie das Zypern-Problem vom Tisch haben. Sie zahlt sogar, dass die Griechen für ihren verlorenen Besitz im Norden entschädigt werden können. Die Türken bekommen das griechische Land geschenkt. Die Flüchtlinge werden zum dritten Mal Opfer.” „Drei Mal?“ „Ja, mein Freund. Vertreibung, Verzicht auf die Rückkehr, ungenügende Entschädigung. Warum meinst Du, haben bei dem letzten Referendum die Flüchtlinge fast einstimmig gegen den Vorschlag zur Wiedervereinigung gestimmt?“ „Sag es mir, mein Freund.“ „Weil die Einigung uns einen Almosen gegeben, aber die Würde genommen hätte.“
Mit der Zustimmung im Referendum dieses Mannes braucht man nicht zu rechnen. Aber warum ist er zwischen die Grenzposten zum Feiern gekommen? Manche wollen einfach immer dabei sein. Der Grieche, der schon gehen wollte, dreht sich um: “Mit den Türken kann man nicht so einfach verhandeln, sie haben die Verschlagenheit der Turkvölker mit der Diplomatie Byzanz gepaart. Jedenfalls nicht aus der Position der Schwäche.“ „Aber die Griechen haben die Mehrheit, die wirtschaftliche Stärke. Warum sollten sie aus einer Position der Schwäche verhandeln?“ „Weil sie mit Rücksicht auf die Europäer ein Ergebnis wollen. Das ist der schwache Punkt. Du wirst Dich an meine Worte erinnern, Deutscher. Bist Du in letzter Zeit mal im Libanon gewesen?“ „Nein.“ „Dort gibt es auch eine Verfassung zwischen Christen und Muslimen, die als Kompromiss gedacht war. Das Ergebnis: ein Bürgerkrieg nach dem anderen. Und Beirut ist heute keine Stadt mehr, sondern deren zwei, eine christlich, die andere muslimisch.“
Ab Donnerstag, 12. Januar 2017, soll aus den Zweier-Verhandlungen eine internationale Konferenz werden, wenn die beiden zyprischen Seiten ihre Vorschläge über die Grenzen des bizonalen Staates vorgelegt haben. Die UNO und die „Mutterländer“ Griechenland und Türkei sowie die Garantiemacht Großbritannien werden Sicherheitsfragen beraten. Den Vorsitz hat der neue General-Sekretär der UN, Antonio Guterres.
Wenn Alexis Tsipras und Recep Tayyip Erdoğan hier auftreten, kann mit einem Erfolg gerechnet werden. Aus London hat sich Brexit-Mann und Außenminister Boris Johnson angesagt. Jean-Claude Juncker plant, als Beobachter zu kommen.
Die Menschen verlassen langsam die unfreundliche Stätte rostenden Stahls und bröckelnden Betons. Ich bin bei denen, die zur griechischen Seite gehen. Plötzlich tritt der Grieche wieder zu mir. „Filo mou, mein Freund“, sagt er, „Du hast Dir bestimmt gedacht, was will der hier auf der Demonstration, wo er doch gegen jede Lösung ist.“ Ich nicke. „Siehst Du, so ist das, als nach dem Zweiten Weltkrieg der Kampf um die Enosis, den Anschluss an Griechenland begann, friedlich mich einer Volksabstimmung, hatten die Türken 5 Prozent der Bevölkerung. Die Briten haben das Votum missachtet. Jetzt, in Genf, wird um eine Aufteilung des Landes an den Marken 28-29 für den türkischen Teilstaat gestritten. So viele sind es geworden. Ich habe keine Lust, wiederzukommen, um mich über 50 Prozent zu streiten. Daher bin ich für eine Einigung, und deswegen war ich hier. Griechisches Drama, mein Freund.“

Wenn ein Staat verpasst wird


Als sie das letzte Mal einen Staat verpasst bekamen, das war nach dem Bürgerkrieg der Griechen mit den Briten, die sich die Hilfe der Türken als Hilfspolizisten sicherten, war es ein Staat, den keiner wollte und der den Kern neuen Streits und Leids in sich trug, bis zur Katastrophe des türkischen Einmarsches 1974 und der Teilung. Den neuen Staat werden beide Seiten wollen müssen, in einem Referendum. Doch schon gibt es Stimmen, die sagen, eine Entscheidung des Sicherheitsrates könnte das Referendum ersetzen.
Jetzt, einige Tage nach dem 10. Januar, treffen sich immer noch einige am Ledra-Palast. Das Klima ist besser, die Stimmung und die Tonlage der Demonstranten nicht. Im fernen Genf hat UN-General-Sekretär Guterres die Erfolglosigkeit der Konferenz bestätigt und gesagt, auf „technischem Niveau“ würde man sich am 18. Januar wieder treffen. Gerüchte gehen um von einem „Genf 2“ im April. Dann ist Erdoğan Alleinherrscher in der Türkei. Aber er braucht dazu die Unterstützung der Nationalisten. Kann er da auf Zypern Kompromisse machen? Die technischen Fragen sind seit über 40 Jahren bekannt. Es geht um Entscheidungen, die man trifft – oder nicht.
Es wird nicht funktionieren.
So sehr es zu wünschen ist. Statt „come together“ wird man singen „we shall overcome – one day”. Irgendwann.

1 Kommentar

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wenn es mir auch schwerfällt, daran zu glauben, dennoch würde ich für diese menschen eine wiedervereinigung wünschen. wie so oft, die glaubensangelegenheiten werden es scheitern lassen.
  • 15.01.2017, 10:35 Uhr
  • 2
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