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Das umbrische Meer

Das umbrische Meer

Hans-Herbert Holzamer
14.09.2016, 15:52 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Es war die wichtigste Botschaft der Messe. Und Signore Fabio Paparelli, Assessore und Vice Presidente della Giunta Regionale, der Regionalregierung Umbriens, wählte dafür einen Ort, der die Unversehrtheit Umbriens optimal wiedergab, die Villa San Donnino, ein prächtiges Landgut außerhalb von Città di Castello, weit im Norden an der Grenze zur Toskana: „Von dem Erdbeben am 24. August ist von unserer Region nur ein kleiner Fleck betroffen.“ Und: „Falsche Informationen haben einen großen Schaden für den Tourismus angerichtet.“ Wir, die Journalisten-Gruppe, die über diese Messe und die Initiativen, die mit der Messe irgendwie in Verbindung stehen, berichten soll, wir sollten auf keinen Fall die Reise absagen, so wurde uns vorher bedeutet, denn in Umbrien habe es „keine Toten gegeben.“

Tote? Hier nicht


Hier nicht, aber nebenan in den Marken und in Latium. Von Umbrien waren 25 Quadratkilometer betroffen, einer anderen offiziellen Erklärung zufolge, gerade mal 5 Prozent. In Norcia entstanden Schäden an der Chiesa di Frascaro, der Campanile San Pellegrino aus dem 13. Jahrhundert stürzte ein
Man kann lange darüber philosophieren, ob nicht Erdbeben jederzeit und überall in Italien passieren können und ob ein Terromoto irgendetwas über Grenzen, die auf der Oberfläche gezeichnet werden, weiß. Und was das mit den 300 Toten zu tun hat.
Aber angesichts einer Klientel, die bereits vom Terrorismus erschreckt ist, stellt die Gefahr, wie abstrakt auch immer, von einem zusammenstürzenden Hotel erschlagen zu werden, für die Tourismus-Verantwortlichen kein philosophisches Problem dar. Dabei ist die Geisel, die Italien, und damit auch Umbrien am Heftigsten und dauernd plagt, weder der Terror noch die Erdbeben, sondern die dramatisch korrupte und schlechte Verwaltung und eine Politik, die das zulässt.
Jedenfalls die Hälfte – vermutlich alle – Todesopfer wären vermeidbar gewesen, sagen Architekten und der Consiglio Nazione degli Ingegneri, wenn man – wie seit 2000 gefordert –qualitative Anforderungen an Baumaßnahmen in erdbebengefährdeten Gebieten ins Gesetz geschrieben hätte, die sogenannten Fascicolo del fabbricato.
Das tat man aber nicht.

Neue Impulse


Darum versucht man heute, trotz allem, mit neuen Initiativen wieder Impulse für den umbrischen Tourismus zu setzen. Man will die „Mitte Italiens“ als Produkt vermarkten, da ist der Marktführer Toskana dabei, man will den „bäuerlichen Tourismus“ pushen, man will unbekannte, noch intakte Flecken entdecken, anderes soll „requalifiziert werden“, das Radfahren promotet, die regionalen Produkte aufgetischt, nicht nur der heilige Franziskus soll der Ankermann sein, eine 300 Kilometer lange „Francigena“, ein Fuß-Pilgerweg als „spirital way“ und Konkurrenz zum Jakobsweg wurde abgesteckt, man will und will und will. In IT.inere und Operazione salva-turismo
heißen weitere Projekt, Eco-rural Tours will man organisieren.
All diese hochtrabenden Pläne geben Gelegenheit, Mittel abzuschöpfen, auch solche der Europäischen Union, die Geld in ländliche Gebiete pumpt. Es gibt die Chance, sich an Orten wie dem Borgo Brufa zu treffen, dort zu reden, zu tafeln. Das ist ein Wellnesshotel bei Torgiano, von dem aus man tief ins Land schauen kann, nach Assisi und Perugia. Und wir ausländischen Journalisten geben das internationale Dekorum, das kritische Stimmen zum Verstummen bringen soll. Aber es gibt ein wunderschönes italienisches Sprichwort, das sagt: „Zwischen Reden und Tun liegt ein Meer“. Das gilt auch für Umbrien und auch für den Tourismus.
All diese hehren Ziele wurden auf und anlässlich einer Messe vorgeführt, die eigentlich dem Pferd gewidmet ist, der „Fiera nazionale del cavallo“, deren 50. Jubiläum in Città di Castelli in einer ehemaligen Tabakfabrik stattfand. Angereichert wurde sie mit einem Salone del Turismo
Rurale und Eco Natura, was man nicht übersetzen muss.

Kurzer Gruß


Bereits am Abend unserer Ankunft, die in dem Wellness- Paradies Borgo Brufa stattfand, waren wichtige Funktionäre anwesend, um uns zu begrüßen. Kurz, weil nur mit wenigen Journalisten eine Kommunikation auf Italienisch möglich war: Marco Citerbo, Direktor des Konsortiums Umbria Benessere, Andrea Sfascia , Präsident der Sezione Turismo di Confindustria Umbri und Besitzer des Borgo Brufa SPA Resort, Mauro Morosetti, verantwortlich für servizio turismo e promozione integrata sezione costruzione del prodotto turistico e sostegno alle imprese. Er ist verantwortlich neben anderem dafür, das "touristische Produkt zu konstruieren" und den Firmen dabei zu helfen. Schließlich war noch Rolando Fioriti einer unserer Gastgeber , neben seinen anderen Funktionen ist er Präsident von Consorzio Umbria & Bike, dessen Vize der bereits genannte Andrea Sfascia ist.
Was Umbrien einzigartig macht - und das ist nicht als "Produkt" zu verstehen, das ist neben den freundlichen Menschen ihre Küche, die sie unverfälscht auf den Tisch bringen, den schwarzen Trüffel, den Sommertrüffel, den Tabak, den Mais Dinkel, Gerste und Roggen. Wir probierten vieles, dasrunter die tarta a formaggio, den Osterkuchen, den Torciglione, den Mandelkuchen.
Aus dem Lago Trasimeno, wo einst Hannibal den Römern eine schreckliche Niederlage bereitete, wurden für uns Fische gezogen, die wunderbar schmeckten, darunter kleine Fische namens Argoni. Wir sollten auch eine Strecke an seinem Ufer radeln. Denn dem Tourismus mit dem Pedal gilt ja große Aufmerksamkeit. Eine komplette Enttäuschung. Von dem angepriesenen Rundkurs von gut 50 Kilometer sind 40 staubige Wege und 10 normale Straßen. Überall begegnen oder überholen Autos. Und kein Kilometer führt direkt am See entlang. Es gibt auch keine Beschilderung. Das ist kein marktfähiges "Produkt".

In der Mitte das Inferno


Perugia auf seinen beiden Hügel, mit seiner etruskischen Geschichte, den Zünften und den Universitäten lohnt immer einen Besuch. Aber neben der strada panoramica stolpert man über Müllhalden unter freiem Himmel. Ist das die versprochene "Requalificazione"? In Umbertide, auf halber Strecke zwischen Perugia und Città di Castello gelegen, gibt es ein Vorzeigeprojekt, La Fornace genannt, groß angekündigt wie die uns auf der Pferdemesse vorgestellten. 10 Millionen Euro wurden dafür ausgegeben, heute nennt man es das "Inferno", Illegale aus Nordafrika haben es übernommen. In Spoleto, Stadt des Festivals beider Welten und ein Touristenmagnet, sind jetzt Eltern an die Öffentlichkeit gegangen, weil die öffentlich Gärten zu dreckig sind, um Kinder dort spielen zu lassen. Und als man die Erdbebenopfer 2016 aus den Zelten holen wollten, boten sich die Baracken für die Erdbebenopfer 1997 an, aber die waren längst besetzt.
Im umbrischen Meer schwimmt viel Unrat. Doch soll man die nicht übersehen, die ohne große Projekte Hand anlegen und damit mehr tun für das "Produkt" als viele, deren Job es wäre.
Das Wellness-Hotel Borgo Prufa ist ein Beispiel, ein anderes die Cantina Scacciadiavoli, gegründet 1884, die unweit von Montefalco hervorragenden Wein und Sekt auf der Basis der Sagrantino-Traube herstellt. Die Familie Pambufetti kümmert sich heute darum. 200 000 Flaschen werden jährlich abgefüllt.

Es gibt viele Beispiele für engagierte Menschen


Es gibt viele Beispiele für engagierte Menschen, die Umbrien zu einem lohnens- und liebenswerten Reiseziel werden lassen. Die Osteria a Priori in Perugia mit ihrem Gericht, den Bocconcini di Chianina, das sind Filets einer lokalen Rinderrasse, ist zu nennen. Der Slow-Food - Bewegung fühlen sich die Pächter Alessandro Casciola und Adonella Schippa verpflichtet, die wir leider nicht zu Gesicht bekamen. Oder das Spa-Hotel Nun mit dem Restaurant Eat out, das nicht nur eine geniale Küche, sondern von seiner Terrasse einen dramatisch schönen Blick auf Assisi bietet. Es gibt sehr viele mit sehr viel Engagement. Selbst das Park-Hotel in Città di Castello, das zwischen hochgeständerten und lärmenden Autobahnen liegt und sich seinen Park selbst mitgebracht haben muss, ist mit seinem aufmerksamen Management ein Hinweis dafür, wo man ansetzen, wo man Geld investieren müsste, um ein erdbebensicheres touristisches Produkt zu erzeugen. Vom Pferd muss dann keiner etwas erzählen.

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