wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Unterwegs nach Petra

Unterwegs nach Petra

06.10.2016, 17:05 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Mittwoch, den 20.10.2010

Wir lassen das große Gepäck im Hotel in Amman und packen nur für eine Nacht. Gleich kommt der Fahrer und fährt nach Petra auf dem Weg über weitere Sehenswürdigkeiten. Der Fahrer spricht deutsch. Er hat sieben Jahre in Frankfurt gelebt und möchte sein Deutsch frisch halten, damit er eines Tages dorthin zurückkann.

Bereits nach kurzer Zeit erreichen wir Madaba. Hier sah Moses das Heilige Land. Wir besichtigen das Mosaik in der Georgskirche und fahren weiter ins Wadi Munjib und zum Al Munjib-Staudamm, dem einzigen Stausee Jordaniens. Esel meditieren am Straßenrand. Eine Ziegenherde überquert die Bundesstraße und legt den Verkehr lahm. Völlig normal, sagt unser Fahrer.
Um 12:00 Uhr überqueren wir die Staumauer und fahren an der anderen Seite des Wadi wieder herauf. Der Fahrer hält und lässt uns fotografieren. Mein Blick fällt auf eine staubige Bude namens „Sunshine Rest“. Dort gibt es Softdrinks, aber ich verzichte. Stattdessen stecke ich drei schöne Steine ein. Den meditierenden Eseln unter den Olivenbäumen ist das egal.

Wir fahren weiter und gelangen nach Al Yarut, einer Universitätsstadt. Kamele ruhen neben halbfertigen Neubauvierteln. Wir wundern uns, wovon sie leben. Thomas meint, sie würden karamelisieren. Er und seine Sprach-Gags!

Eine knappe halbe Stunde später erreichen die Burg Al Karak. Unser Fahrer begleitet uns hinein. Er muss keinen Eintritt zahlen, offensichtlich versteht er sich gut mit den Museumsbeamten. Uns soll es recht sein.
Im Inneren loben drei uniformierte Beamtinnen mit weißem Kopftuch unseren Fahrer als schönen Mann. Ihm ist das sichtlich unangenehm. Er gibt vor ein türkischstämmiger Deutscher zu sein. Trotzdem baggert eine der drei noch weiter. Unser Fahrer flüchtet.

Es ist jetzt 14:00 Uhr und wir haben Hunger. Oben bei der Burg ist es uns zu teuer - Touristernnepp, wie stets an solchen Orten. Im Dorf finden wir einen Imbiss, der einfaches arabisches Essen anbietet: Hühnchen auf Reis. Wir dürfen uns aussuchen, ob wir den Reis mit Curry oder Paprika gefärbt und welche Teile vom Brathuhn wir haben wollen. Schenkel natürlich, dazu wählen wir beide Reissorten, etwas Salat, Laban und Getränke. Der Fahrer möchte Cola, wir ziehen Wasser vor, das hier in Bechern wie bei uns Joghurt gereicht wird. Bevor der Wirt das Essen serviert, reißt er von einer gelben Rolle ein Stück ab, das wir zuerst für einen Müllsack halten. Es ist Folie, die auf der Tischdecke ausgebreitet wird. Darauf werden die Teller und ein Löffel gedeckt und die Speisen serviert. Alle Abfälle wie abgenagte Hühnerknochen, Aludeckel oder zerdrückte Plastikbecker werden einfach auf die Folie geworfen. Als wir fertig mit dem Essen sind, kippt der Wirt unsere Reste von den Tellern einfach dazu, stellt das leere Geschirr auf sein Tablett und rafft die Folie mit den Essensresten zusammen und der Tisch ist wieder frisch für den nächsten Gast. Beeindruckt von so viel Pragmatismus bezahlen wir, steigen ins Auto und fahren weiter.

Unser Fahrer wählt jetzt die Wüstenautobahn, denn es wird ihm sonst zu spät für seine Rückfahrt nach Amman. Rechts und links des Desert Highway sehen wir den riesigen Abraum der Phosphatminen. Nach Verlassen der Autobahn müssen wir noch rund 60 Kilometer über Land. Der Weg führt durch das Wadi Musa. Nach Petra (Al Batra) führt eine steile Straße hinab, die gesäumt ist von Hotels, überteuerten Restaurants und Andenkenläden, eine Touristenhochburg also. Unser Hotel, das Sun Set, ist nur wenige hundert Meter von den Felsschluchten entfernt, zwischen denen das alte Petra liegt. Anders als aus den kargen Infos im Internet zu entnehmen war, bietet unser Hotel weit mehr als drei Zimmer. Allerdings ist für uns keins reserviert. Thomas raschelt mit der Anmeldebestätigung und sämtlichen Papieren vom Goethe Institut Amman, das alles organisiert hat. Die Dame an der Rezeption ist Engländerin. Ihr gehört das Hotel seit zwanzig Jahren und sie ist durch solche Kleinigkeiten nicht aus der Ruhe zu bringen. Natürlich bekommen wir ein Zimmer. Ein junger Mann im ACDC-T-Shirt führt uns Stockwerk um Stockwerk höher. Bei drei streikt Thomas. „We are old people, protestiert er. „Ok, ok, I give you another room.“ Und plötzlich ist auch im zweiten Stock, das eigentlich nur eine halbe Treppe über dem im Hochparterre gelegenen Empfang liegt. Das Zimmer ist klein und sauber, einen Schreibtisch und ein Bad mit Dusche und einem richtigen Klo hat es auch. Was will man mehr?

Ich weiß nicht, warum man so erledigt sein kann, wenn man durch die Wüste kutschiert wird, aber ich bin es nun mal und strecke mich auf dem Bett aus. Wenn ich jetzt noch einen Kanister Fruchtsaft bekommen, bewege ich mich nie wieder hier weg. Ein kleiner Ventilator schwenkt lautstark von einer Seite zur anderen. Ich filme ihn, um für schlechte Zeiten Kühlung zu haben. Thomas hält mich natürlich für bekloppt. Er war duschen und will abgetrocknet werden. Also muss ich doch aufstehen. Was bringt man nicht alles für Opfer für seinen Liebsten. Trocken und in frischer Wäsche will er sich nun auch aufs Bett legen. Es kracht und das Fußteil geht zu Boden. Davon lässt sich Thomas noch lange nicht einschüchtern und setzt seine Bemühungen, das Bett zu besteigen, fort. Nun streikt auch das Kopfteil, und das Bett ist für uns beide nicht mehr zu gebrauchen. Kaum reklamiert kommt das ACDC-Shirt und ortet das Problem. Es scheint ihm nicht unbekannt zu sein. Zusammen mit einem jungen Araber montiert der Shirtträger unter wüstem Geschimpfe das Bett in Rekordzeit wieder zusammen und hüpft zur Demonstration der wiedererlangten Tragfähigkeit darauf herum. Den Rest des Abends verbringen wir mit einigen Litern Fruchtsaft und WLAN auf der Terrasse. Wir schlafen unruhig. Neben dem Sunset-Hotel steht ein Baum mit Tausenden von Spatzen.

5 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Eine wunderbare Reiseerzählung!
Gefällt mir ausgesprochen gut. Gibt's eine Fortsetzung?
  • 07.10.2016, 22:05 Uhr
  • 2
Demnächst in diesem Theater
  • 08.10.2016, 00:01 Uhr
  • 1
Da freu ich mich drauf!
  • 08.10.2016, 00:02 Uhr
  • 2
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Schön, dass ich Nesthocker auf diese Weise mitreisen durfte
  • 07.10.2016, 15:00 Uhr
  • 1
Danke
  • 07.10.2016, 15:23 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Weitere Beiträge von diesem Nutzer