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Märchenhaft

Märchenhaft

02.07.2017, 13:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Hier muss es gewesen sein. Hier muss Rotkäppchen sich auf den Weg gemacht haben. Mit einer Flasche Wein und Kuchen im Korb. Freilich, mein Proviant ist bescheidener: Ein Apfel, eine Flasche Wasser und ein Brötchen. Trocken, ohne was drauf. Gut, ich bin auch nicht auf dem Weg zu meiner Großmutter.
Ich starte mit Blick zu den ziehenden Wolken und hoffe, dass es trocken bleibt. Eine Strandmatte, meinen Rucksack und meine Regenjacke. Mehr nicht. Mehr brauche ich auch nicht, wenn ich mich von Wieck aus mit meinem Fahrrad in Richtung Westen aufmache.
Dann bin ich da, da wo mich der Wald an Rotkäppchen erinnert: Der Darßer Urwald. Naturbelassen, holprig über flach auslaufende Wurzeln, schlängelt sich der Radweg zwischen hohen Kiefern, uralten Buchen und wenigen Eichen. Die Sonne findet durch die dichten Baumkronen und treibt auf dem mit Laub oder Nadeln bedeckten Boden ihr Spiel mit Licht und Schatten. Auf meiner nackten Haut wechseln Wärme und Kühle ab. Ganz still ist es, nur das Schnurren meines Rades. Würziger Duft kriecht mir in die Nase, einer, den es nur hier gibt und von dem man gerne ein Säckchen mit nach Hause nehmen würde.
Jetzt im Herbst, dann, wenn ich am liebsten hier bin, säumen Fliegenpilze und Heidekraut den Weg. Der Farn im Rückzug begriffen, bereitet sich auf den Winter vor. Die Einheimischen schwärmen von ihm, denn nirgendwo wüchse er höher als hier. Übermannshoch. Ich habe ihn nicht gemessen. Übermannshoch auf jeden Fall sind die mächtigen Wurzeln herausgebrochener Kiefern. Sie liegen da und haben sich längst in ein Biotop für allerlei Käfer und Moose verwandelt.
Rotkäppchen hatte sich vom Blumenmeer verlocken lassen. Mir haben es Maronen und Steinpilze angetan. Vom Weg abkommen. Irgendein Utensil muss herhalten, um mein Fund zu verstauen. Unter den uralten Buchen ist es nicht schwer fündig zu werden.
Vom Weg abgekommen. Rotkäppchen und ich. Gut, Wölfe gibt es hier nicht und solche Typen wie im Märchen gleich gar nicht. Wer hier unterwegs ist, ist friedlich. Aber wo verdammt, habe ich mein Fahrrad abgestellt? Wenn einer käme, könnte ich fragen: Haben Sie vielleicht ein einsames Damenrad herumstehen sehen? Mit Rucksack drauf und Strandmatte? Aber es kommt keiner. Nicht einmal ein Wolf.
Weiter. Suchen. Finden. Aufgesessen. Die Stille nimmt allmählich ein Ende. Sie mündet in ein Konzert aus Wind und Wasser. Ein untrügliches Zeichen, kurz vor dem Ziel zu sein. Angekommen dann, wenn die Räder im Sand keinen Halt mehr finden, der raue Wind den Atem nimmt und der weiße Strand mit den Schaumkronen der Wellen und das Blau des Himmels rufen: Endlich.

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