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Matera: Kulturhauptstadt 2019 und die Heilige Bruna

Matera: Kulturhauptstadt 2019 und die Heilige Bruna

Hans-Herbert Holzamer
13.07.2017, 11:35 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Es wurde ein langer Tag, als das Fest der Heiligen Bruna in Matera begangen wurde. Um 4:30 Uhr trafen sich am 2. Juli die Verbände der Stadt, die Cavalieri, die Trombettieri, die Schäfer kamen mit Eseln und Schafen. Und alle kamen um zu beten. Erst weit nach Mitternacht war es vorbei. Denn da gab es einiges, wo ein gutes Wort der Heiligen nützlich sein könnte.

Geschmückte Straßen


Um sie gnädig zu stimmen, hatte man die Straßen geschmückt, auf denen das lebensgroße Abbild der Madonna dann ab 12:30 vom Dom zur Chiesa di Maria Santissima dell` Annunziata a Piccianello getragen wurde, angeführt vom Erzbischof Pino Caiazzo und begleitet von 72 Reitern. Auf unnachahmlich süditalienische Art, weißglänzende Konstruktionen überspannten die Fahrbahnen, die in der Dunkelheit erleuchtet wurde, als wäre Weihnachten. Zum 628. Mal wiederholte sich das Schauspiel in der lukanischen Stadt, das um 22 Uhr auf der Piazza Duomo noch nicht zuende ging. Denn der Wagen, auf dem sie transportiert wurde, durfte dann vom Volk auf der Piazza Vittorio Veneto zerlegt werden, bevor nach Mitternacht ein Feuerwerk die Stadt erleuchtete und das Ende des Festtages bildete. Die religiöse Inbrunst wurde wohl über die Jahre nicht weniger. Genauso wenig, wie die Probleme.
Als „exemplarische Geste“ wurden Pistolenschüsse am Vortag, bei denen zum Glück niemand verletzt wurde, im Il Quotidiano del Sud bezeichnet. Wer sich da bemerkbar machte, wurde verschwiegen, weil es wohl nicht nur die Heilige Bruna, sondern jeder in Italien weiß.

2019 wird Matera Kulturhauptstadt Europa sein


2019 wird Matera Kulturhauptstadt Europa sein, gemeinsam mit dem bulgarischen Plovdiv, und da wird viel Geld in Fördertöpfe fließen, zum ersten Mal in eine Stadt des italienischen Südens. Gegen Lecce in Apulien und andere Städte hat man sich durchgesetzt. Und da weist die „ehrenwerte Gesellschaft“, wie die Familien der Mafia gerne bezeichnet werden, schon einmal darauf hin, wer die längeren Löffel hat.
„Wir vertrauen unsere Erwartungen und Hoffnungen, die Freuden und die Schmerzen, die Erschöpfung und die Müdigkeit unserer Leute, unseres Landes“ und so weiter und so weiter „der Heiligen Bruna an.“ So predigte der Erzbischof. Viel zu wenige sind es, die all dies ihrer eigenen Kraft und Verantwortung anvertrauen. Das war leider im Prinzip schon immer so. Man muss sich nur den Film „Christus kam nur bis Jesolo“ von Francesco Rosi anschauen, der überwiegend in Matera gedreht wurde, um zu sehen, dass Matera, obwohl als Siedlung aus der Jungsteinzeit eine der ältesten Städte dieser Welt, ein gottloser Ort war, in dem die Menschen in Höhlen wohnten, noch bis in die 60er Jahre, bevor sie in neue Stadtteile umgesiedelt wurden. Mittelalterliche Chronisten nannten die aus dem Tuffstein gemeißelten Behausungen „Spiegel des gestirnten Himmels“, Carlo Levi, der die Buchvorlage für den Film „Christus kam nur bis Jesolo“ schrieb, verglich sie dagegen mit der Hölle Dantes. Levi, ein Turiner Schriftsteller wurde 1935 von Mussolini für einige Jahre in die Basilikata verbannt. Er berichtete der Weltöffentlichkeit nach dem Ende des Krieges von der Armut in den Sassi. Seine Schwester, die ihn im Exil besuchte, schilderte das Leben: "In diesen schwarzen Löchern mit Wänden aus Erde sah ich Betten, elenden Hausrat und hingeworfene Lumpen. Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt."

Die meisten Probleme blieben


Diese Unterkünfte und unterirdischen Kirchen sind heute Attraktionen für Gastronomen, Hotelbesitzer, Besucher oder Filmemacher, wie Pier Paolo Pasolini in seinem „Matthäusevangelium“ oder Mel Gibson in „Die Passion Christi“. Doch die meisten Probleme blieben, von der Arbeitslosigkeit über die Emigration bis zur De-Industrialisierung. Gerade einmal 2 200 Bewohner haben die beiden Sassi-Stadtviertel heute. Der Tourismus und neuerdings auch der Weinanbau bleiben die Hoffnungsträger.
Matera, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, liegt in der süditalienischen Region Basilikata, die früher Lukanien hieß, mit etwa 60 000 Einwohnern. Nach Neapel sind es 244 Kilometer nach Westen, nach Bari 67 nach Nordosten und nach Tarent knapp 70 Kilometer gen Südosten.
Das Land teilt weitgehend die Geschichte des Südens mit griechischer, römischer, langobardischer, byzantinischer, normannischer Herrschaft bis zu den Staufern, den Anjou und Bourbonen im Königreich beide Sizilien und dem Königreich von Neapel. Bis hin zu Garibaldi, dem Risorgimento und dem Königreich Italien, dann der Republik Italien.
Wer kommt, um nicht zu bleiben, für den ist Matera so schön, dass sich das Bild ins Gehirn brennt wie die Akropolis von Athen oder der Rocca di Calascio in den Abruzzen. In der Altstadt hat kein Neubau das Ensemble der Häuser und Kirchen, der Gassen und der ungezählten Steintreppen zerstört, sie wird aktuell sorgfältig saniert. Nur ein Drittel der Altstadt verweigert noch mit Gestrüpp und Absperrungen den Zutritt. Das angrenzende, tiefe Tal der Gravina di Matera erlaubt dramatische Bilder von beiden Rändern. Und dahinter beginnt das spröde, von der Sonne gezeichnete Land des Südens, die karstige Hochebene der Murgia und der Parco Regionale delle Chiese rupestri del Materano.
Man ahnt, dass irgendwann dann im Süden das Ionische Meer kommt. Dieses Ahnen schafft einen tiefen, ergreifenden Zauber. Wenn einer sagte, Du hast nicht mehr lange zu leben, dann könnte man auf die Idee kommen, in Matera die Wanderung zu starten, die einen – vielleicht – bis zum Meer führt.
Und was bringt 2019? Schon heute sind in Matera kulturelle Institutionen ansässig, es gibt Festivals, wie das Matera Intermedia Festival, Ausstellungen, es gibt dem Ort verbundenes Leben. Nach dem Beschluss, die Bürger aus den Sassi umzusiedeln, um diese vergogna d´ Italia, diese Schande, zu beseitigen, fanden sich Mutige, um die Altstadt zu retten und zugleich zu vermeiden, dass sie ein zweites Pompeji wird oder in die Hände von Immobilienspekulanten gerät. Die 1959 von Studenten gegründete Vereinigung „La Scaletta“ organisierte Kulturveranstaltungen in den Höhlen. Seit 1993 gehören sie zum UNESCO-Welterbe, das weiter gepflegt wird. In der Begründung hieß es damals, die Sassi seien „ein tausendjähriges Lebenssystem, das bewahrt und den Nachkommen überliefert werden“ müsse. Matera wurde als „Modell eines Lebens im Gleichgewicht mit der Natur anerkannt, in dem man sich in letztere integriert und ihre Ressourcen am besten nutzt, ohne sie zu belasten“.
Wen all dies anzieht, der braucht nicht bis 2019 zu warten. Neapel und Bari sind mit dem Flugzeug von Deutschland aus gut zu erreichen. Lediglich das Parken des Autos ist ein Problem, das nur mit dem Wirt der gewählten Unterkunft zu lösen ist.
Auch wenn die Veranstalter jetzt erst nach „partner e fornitori ufficiali del programma culturale“ suchen, alles was kommt, wird nicht auf leblose Erde geworfen sein. Da kann etwas wachsen. Die Jury fühlte sich „getroffen vom Enthusiasmus und von der Innovation des künstlerischen Herangehens“, heißt es in der Vergabe des Titels „Kulturhauptstadt Europas 2019“. Es gäbe „verschiedene Projekte, die das Potenzial hätten, eine vielfältige und große europäische Zuhörerschaft anzuziehen, darunter die große Messe Rinascimento del Mezzogiorno“.
Einige Ideen „zur Wiederbelebung“ des italienischen Südens kann man aus der Bewerbung herauslesen und vor Ort in Erfahrung bringen: „Matera ist ein besonderer Ort, der in allen tiefe Gedanken und Empfindungen auslöst. Hier wird man sich der fundamentalen Elemente des Kosmos und der Fragilität des Seins bewusst, der Zyklen des Lebens und des Todes und der natürlichen Prozesse.“ Und so weiter. Jedenfalls will die Stadt archaisches und zeitgenössisches Miteinander in den Mittelpunkt stellen, ein „demo-ethno-anthropologisches" Projekt soll umgesetzt werden, das sich hinter dem Begriff „Cittadinanza“ verbirgt, Bürgerschaft. Dargeboten in einem Museum. Es soll erzählen, was auch die Bilder Levis` tun, die im Palazzo Lanfranchi zu sehen sind, dem Nationalmuseum der Region: Seit Jahrtausenden arbeiten hier die Menschen im Schweiße ihres Angesichts, Gott- und Bruna-gefällig. Dieses Arbeiten führe zur Teilhabe am Bürgersein, für die Bewohner Materas, aber auch des ganzen Mezzogiorno, egal wie das in Mailand gesehen und in Rom politisch umgesetzt wird. Da wird Stolz und etwas Wut erkennbar.
Diese politischen Ziele in eine Form zu gießen, die den erwarteten Touristen verständlich dargeboten werden kann, wird eine schwierige Aufgabe sein. Mit dem Programm wird man sich vermutlich leichter tun. Mit Gemeinden aus der Emilia wurde in Modena schon eine „Absichtserklärung“ für die „co-creazione di attività musicali, letterarie, teatrali e scientifiche“ unterzeichnet.
Wir hätten es alles gerne konkreter gehabt, eine zugegebenermaßen der nordischen Herkunft geschuldete Unsitte, und hatten eine Mitarbeiterin des personell äußert großzügig besetzten Tourismusamtes gebeten, uns bei unserem Besuch mit Informationsmaterial zu versehen (noch so eine Unsitte). Wir suchten sie vergebens in den verschiedenen Büros, wo sie zudem angeblich unbekannt war. Und das geplante Programm gab es auch nicht. „Schauen Sie im Internet“, fertigte uns einer ihrer Kollegen ab, wo wir fündig wurden, dass es noch nichts Konkretes gibt. Daher schlossen wir uns den Gläubigen bei ihrem Umzug und ihren Bitten an die Heilige Bruna an. Die Madonna ließ uns nicht im Stich und teilhaben an einem Gedankenblitz, dass es nun einmal Länder gibt, die früh Konkretes planen, und Länder, die spät Originelles improvisieren.

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