wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Er hatte einen siamesischen Zwilling: Was viel vergessen haben, wenn Sie an Uli Hoeneß denken

Sepp Maier
25.11.2016, 18:52 Uhr
Beitrag von Sepp Maier

Heute wird Uli Hoeneß erneut zum Präsidenten des FC Bayern München gekürt. Deshalb ein Auszug über ihn aus meinen Memoiren. Was viele vergessen haben. Der Uli war einst nicht ohne den Paul zu denken. Prägende Jahre verbrachte er im engen Austausch mit einem Rebellen im Team...

Paul Breitner und Uli Hoeneß, beide damals erst achtzehn, der eine aus dem bayerischen Freilassing, der andere aus Ulm, waren die letzten Spieler, die den Spruch von der Jugendnationalmannschaft direkt in die Bundesliga geschafft haben. Natürlich war ihr Spiel am Anfang nicht gerade brillant, aber der Lattek hat immer zu ihnen gehalten. So bekamen sie Selbstvertrauen und wurden die großen Fußballer, als die sie in die Geschichte von Vereinen und Nationalmannschaft eingegangen sind.

Die beiden hockten dauernd zusammen, hießen bald unsere siamesischen Zwillinge, obwohl man sich kaum unterschiedlichere Charaktere vorstellen kann.

Der Paul lief regelrecht Slalom, um bloß kein Fettnäpfchen, in das er treten konnte, auszulassen. Wir älteren Spieler waren völlig fassungslos, dass da so ein junger Spund daherkommt und einfach sagt, was ihm nicht passt, mit seiner Meinung nie hinter dem Berg hält. Logisch, dass er damit bei der alten Dynastie an allen Ecken und Enden zusammengerasselt ist, vor allem mit Neudecker und Schwan ständig Krach hatte. Die beiden hielten ihn und schlicht für einen Verrückten, aber solange er gut Fußball spielte, haben sie ihm seine „Fehltritte“ verziehen. Schließlich waren sie sicher, im Lauf der Zeit würden sie ihn schon kleinkriegen.

Hochgespielt wurde in dieser politischen bewegten Zeit natürlich vor allem Pauls „Maoismus“. Ein Journalist hat mal beobachtet, wie Breitner im kleinen roten Buch des Großen Vorsitzenden blätterte, und prompt war „Maoisten-Paule“ geboren. Ob daran etwas war, weiß ich nicht, das war mit auch wurscht. Imponiert hat mir jedenfalls sein Mut im Umgang mit den „Großkopferten“ und sein Einsatz auf dem Spielfeld. Da war und ist er ein Verrückter, der rennt und kämpft, bis er umfällt. Als Fußballer ist der Paul ein echtes Vorbild, durch und durch ein Profi, wie ich sonst kaum einen kenne. Sicher, er ist nicht so genial in seinen Spielzügen wie der Franz in seinen besten Zeiten, aber wenn´s denn unbedingt sein muss, ist Paul auch mal ein Genie.

Ganz groß war Paul Breitner auch im Feiern. Wenn wir gewonnen hatten, auch wenn´s bloß ein Feld-Wald-und-Wiesen-Bundesligaspiel war, wollte er gleich die Sau rauslassen. Ein Sieg, dann muss ein Flascherl her. Auch das hat ihm bei den Offiziellen viel böses Blut eingetragen. Die verstehen das nicht, dass einer bis zum Zusammenbruch auf dem Spielfeld ackert und dann hinterher auch noch lustig sein kann.

Der Uli war nie ein glänzender Techniker, aber ein ungeheuer kraftvoller Sprinter. Wenn der drei oder vier Mann vor sich hatte, dann wussten wir immer, dass er sie alle überrennen konnte. Ein Traumpaar im Sturm bildete er mit dem Gerd Müller, der stets am schärfesten gedeckt wurde, aber trotzdem auf einem Bierfilz fünf gegnerische Spieler aussteigen ließ. Und daneben der Uli mit seiner Schnelligkeit, einfach Zucker! Wirklich ein Riesenpech, dass er durch seine Verletzung viel zu früh aus einer großen Laufbahn gerissen wurde.

Aber Fußball allein hätte Uli Hoeneß nie und nimmer befriedigt oder gar ausgefüllt. Schon in seiner Anfängerzeit war er ein Hans Dampf in allen Gassen, einer, der genau kapierte, wo’s langgeht. Als hätte er geahnt, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde, sich einen großen Namen zu machen, nutzte er die paar fetten Jahre, knüpfte eine Unmenge Kontakte zu Industrie wie Politik, und zwar so geschickt, dass er mit den Leuten ins Gespräch kam, die nicht bloß den Titel trugen, sondern wirklich am Hebel saßen. Wenn du was gebraucht hast oder auch verkaufen wolltest, der Uli kannte immer Hinz und Kunz: „Ruf den oder den an und sag ´nen schönen Gruß von mir…“ Egal, ob es um ein neues Auto ging, um eine Wohnungseinrichtung oder eine gutdotierte Autogrammstunde, der Uli hatte immer die richtigen Beziehungen. Mir hat er einen meiner einträglichsten Nebenverdienste besorgt, da bekam ich für den Auftritt gleich einen VW Golf.

Wenn es um Geschäfte geht, ist Uli Hoeneß ein Naturtalent. Ich habe mir immer gesagt: der geborene Manger, wenn der mal einen Verein unter seine Fittiche nimmt, dann geht´s dem gut. Nun ja, dem Verein, den Uli jetzt managt, dem geht´s wirklich nicht schlecht. Damals machte er das alles noch neben dem Fußball. Kein Wunder, dass er nie zur Ruhe kam. Unvorstellbar, diese Hektik, in der Uli ständig lebte. Familienleben, Ausspannen, Ruhe – so was hat der einfach nicht gekannt.

Mit Udo Lattek, ihrem „Entdecker“, konnten es die beiden Siamesen schon immer gut. Alle drei waren verheiratet, und wenn wir bei Auswärtsspielen oder im Trainingslager waren, trafen sich Hilla Lattek, Hilde Breitner und Susi Hoeneß regelmäßig zum Kaffee, später stießen auch die Beate Hansen und meine Agnes zu dem Kreis, während Brigitte Beckenbauer und Uschi Müller dem „Kränzchen“, wie es bald hieß, demonstrativ fernblieben.

Die Frauen sind oft zusammen ins Kino gegangen, haben Bowling oder Karten gespielt. Da bestand ein richtiger Zusammenhalt zwischen den Familien. Ich fand das sehr vernünftig, dass die Frauen gemeinsam etwas unternahmen, wenn die Männer sie schon allein zu Hause lassen mussten.

Natürlich ließ böses Gerede nicht lange auf sich warten. Bald hieß es, die Frauen zettelten alle möglichen Intrigen an, sie hetzten ihre Männer gegen die Vereinsführung auf. Der reinste Blödsinn! Wer konnte schon etwas gegen persönliche Kontakte haben? Unser Präse konnte. Als wir 1974 nach der Weltmeisterschaft in eine Krise gerieten, wollte er die Kaffeekränzchen allen Ernstes verbieten. Im Misserfolg wird eben alles Gute verteufelt. Aber die Frauen waren bestimmt nicht daran schuld, dass wir schlecht spielten.

Mehr zum Thema

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.