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SCHEINWELT (Gedicht)

19.05.2016, 23:33 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Gesenkten Blickes geht man heute,
- zumindest ziemlich viele Leute -
kein Blick für Umwelt und Verkehr,
das Smartphone fesselt alle sehr.

Den Blick nicht vom Display genommen,
ist mancher schon zu Tod gekommen,
der chattete grad intensiv,
und dabei vor ein Auto lief.

Smombies nennen wir die Armen,
ihrer tun wir uns erbarmen,
dass sie nicht in ihr Unglück trampeln,
gibt es jetzt schon Bodenampeln.

So müssen sie den Blick nicht heben,
um weit're Tage zu erleben,
und seh'n, auch wenn der Kopf geneigt,
ob rot, ob grün die Ampel zeigt.

In Asien gibt es auch Kulturen,
die bieten separate Spuren,
Smombies zu helfen, diesen allen,
damit sie nicht zusammenprallen.

Man sieht auch öfter junge Pärchen,
und denkt: 'verliebt, als sei's im Märchen',
bis sie sich letztlich niederlassen,
und dann sofort zum Handy fassen.

Statt miteinander jetzt zu reden,
sind Fremdkontakte stets von Nöten,
man muss ja seh'n, zu allen Zeiten,
was and're Freunde grad so treiben.

Und trifft man sich im Freundeskreise,
erlebt man's oft in gleicher Weise,
hat jeder seinen Platz belegt,
wirds Handy auf den Tisch gelegt.

Denn das ist wichtig, kaum zu fassen,
man könnt' ja irgend was verpassen.
Des Treffens eigentlicher Sinn,
ist so aufgrund der Handys hin.

Und bald, ist's auch nicht unser Wille,
gibt's auch noch die mit VR-Brille,
die leben ganz in fremden Welten,
wo uns're Regeln nicht mehr gelten.

Erschaffen sich dann Avatare,
das ist für sie das einzig Wahre,
Geschöpfe ohne eig'nen Willen,
an denen sie ihr Ego stillen.

Erscheinen die erst öffentlich,
wird's für die andern fürchterlich,
weil nicht davon ist auszugeh'n,
dass diese Leut' uns noch versteh'n.

Denn die sind geistig nicht zugegen,
weil sie in höh'ren Sphären schweben,
man fragt sich, 'warum frönen die,
der Virtual Reality?'

Weils Leben doch, genau geseh'n,
in Wirklichkeit ist wunderschön,
und man genießt's auf jeden Fall,
mehr analog als digital!

Udo Seibold, Mai 2016

(Smombie = Kombination aus Smartphone und Zombie)

4 Kommentare

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Endlich mal ein Gedicht, dass nicht nur Reime hat, sondern auch einem Rhythmus folgt.
Da ich es beruflich mit Lyrik zu tun hatte, erlaube ich mir mal ein Urteil.
Sehr gelungen, formal UND inhaltlich.
  • 02.10.2016, 17:04 Uhr
  • 1
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  • 02.06.2016, 16:09 Uhr
  • 0
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Wunderbar! Ich weiß nicht so recht ob ich es amüsant oder traurig finde.
  • 24.05.2016, 10:42 Uhr
  • 0
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Ich finde dein Gedicht richtig gut. Genau die gleichen Gedanken quälen mich wenn ich eine Mutter mit Kinderwagen sehe, die statt mit ihrem Kind zu sprechen, auf ihr Handy schaut. Ich habe auch ein Smartphon und freue mich wenn ich dadurch öfter am Leben meiner Kinder und Enkel teilhaben kann. Aber eigentlich wäre es besser wenn es nicht erfunden worden wäre.
  • 23.05.2016, 11:11 Uhr
  • 1
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