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Die raue Schale und der verborgene Kern

Die raue Schale und der verborgene Kern

01.07.2017, 11:28 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ein Kalenderblatt zum 50. Todestag von Oskar Maria Graf

Er ist seit langer Zeit eines meiner Idole und Vorbilder: Oskar Maria Graf. In seiner Sperrigkeit und seiner Liebe zu den kleinen Leuten, in seiner präzisen Sprachgewalt, die so bescheiden und versteckt daherkommt. Er war ein Unangepasster, der vor 50 Jahren in New York verstarb und der von sich sagte: „Da wo ich bin, da bildet sich gleich ein Stammtisch!“ Was will man als Bayer mehr? Und wir profitieren alle von solchen Querköpfen, die gegen den Strom geschwommen sind. Unsere heutige persönliche Freiheit in so vielen Dingen beruht auf deren Hartnäckigkeit

Wenn man die Ortschaft Aufkirchen in Richtung Starnberger See verlässt, sitzt am Ortsrand eine Figur aus Bronze auf einem angedeuteten Koffer. Mit Lederhose und Hut wirkt sie zunächst lebensecht, ein kerniger Bursche ist sozusagen in die Heimat zurückgekommen-schließlich war er hier zur Schule und als Kind zur Kirche gegangen- und hält ein wenig Rast.
Oskar Graf kam als neuntes Kind des Bäckermeisters Max Graf und dessen Ehefrau Therese, die von Bauern abstammte, am 24. Juli 1894 in Berg zur Welt. Der Vater verstarb als der Junge 10 Jahre alt war, Oskars ältester Bruder Max übernahm die Bäckerei und führte ein unmenschliches Regiment. Die Geschwister wurden wie Sklaven gehalten, es gab Schläge zu Hauf. Oskar ging schließlich nach München, fand Arbeit als Bäckergehilfe und versuchte sich als Schriftsteller. Seit seiner Kindheit hatte er gelesen, was immer ihm unter die Finger kam. Für ihn und seinen Lieblingsbruder Maurus war das eigentlich die einzige Freizeitbeschäftigung. Graf fand in München Zugang zu Bohemienkreisen in Schwabing, er reiste vor dem ersten Weltkrieg auch nach Oberitalien und ins Tessin auf den Monte Verita. Das Aussteigerleben behagte ihm aber doch nicht. Oskar Graf wurde bei Kriegsbeginn sofort eingezogen, er wurde wegen Befehlsverweigerung in die Irrenanstalt gesteckt oder nach einem Hungerstreik entlassen. Er blieb sein Leben lang überzeugter Pazifist. Ab 1917 nannte er sich in Verehrung an Rilke Oskar Maria Graf, aber auch weil es einen Kriegsmaler namens Oskar Graf gab, der für die Namensänderung für 500 Mark zahlte. 1918 erscheinen die ersten Gedichte, dann Erzählungen und 1925 der erste Roman. In der Münchner Räterepublik engagiert sich der Dichter als ausgewiesener Sozialist. Als er 1933 in Wien zu einer Vortragsreise weilt, kehrt er nach der Machtübernahme nicht mehr zurück. Als die Nationalsozialisten seine Bücher nicht verbrennen, weil sie ihn gerne als Blut- und Bodendichter sähen, schreibt er aus dem Exil den Artikel: „Verbrennt mich!“ Da wird im Innenhof der Münchner Universität eine eigene Verbrennung angesetzt und der Autor wird ausgebürgert.
Wien ist nur die erste Station des Exils, die zweite wird Brünn., dann Prag und schließlich New York bilden die Fortsetzung. Oskar Maria Graf schreibt unermüdlich, je weiter er sich räumlich von der Heimat entfernt, desto ausgeglichener werden die Werke.

Die unverhoffte Rettung

In seiner Autobiographie „Wir sind Gefangene“ schimmert teilweise die große Gefährdung der wilden Schwabinger Boheme-Jahre durch mit ihren Sexorgien, die als Künsteratelierfeste getarnt aren und den endlosen Alkoholexzessen. Oskar war zerrissen zwischen der erfolglosen Künstlerexistenz und den Gelegenheitsarbeiten als Bäckergehilfe. Es mag als Anektode recht lustig sein, im Fasching pudelnackt als Kleiderschrank verkleidet zu gehen´, den Jede und Jeder öffnen darf, aber es zeigt auch die hoffnungslose Überdrehtheit eines Menschen, der in der Großstadt nicht ankommen kann, der jeden Sinn verloren hat.
Und das Auftauchen der Krankenakte aus dem Ersten Weltkrieg zeigt eine psychotische Krise eines Menschen, der in sich verstummte und auf dessen Fiebertafel als Diagnose „Irre?“ stand, mit einem Fragezeichen wohlgemerkt. Oskar maria Graf hätte untergehen können in der Weimarer Republik wie manch Anderer, es könnte die Rettung im Exil und der klaren Abgrenznung von den Nazis gelegen haben...

New York wird ein Ruhepol, hier erscheint 1940 „Das Leben meiner Mutter“ in englischer Sprache, erst 1946 erfolgt die deutsche Übersetzung. Es ist dies neben einer tiefebn Liebeserklärung an eine einfache herzensgute Frau die Beschreibung einer Epoche und des alten Bayern, das bereits untergegangen war.
Oskar Maria Graf kam nach dem Krieg als amerikanischer Staatsbürger ein paar Mal in seine alte Heimat zurück, er trat in München im Cuvillies Theater in Lederhose zu einer Lesung auf und erregte dadurch großes Aufsehen. Und auch wenn er die Stätten der Kindhaut über alles liebte, so hat er Bayern und Deutschland die –wenn auch provozierte- Bücherverbrennung und die Ausbürgerung nie verziehen. Er hat unser Land, obwohl er auch in seinen sprachlichen Äußerungen durch und durch Bayerisch war, als einen Ort beispielloser und unverzeihlicher Barbarei gesehen. Das Exil des Oskar Maria Graf dauerte sein Leben lang, am 28. Juni 1967 verstarb er in New York und seine Urne ist auf dem Friedhof in Bogenhausen beigesetzt.

Der „Provinzschriftsteller“ war ein wirklich großer

Jenseits jeden ideologischen Streits ist es höchste Zeit Graf als einen der bedeutendsten Schriftsteller aus Bayern zu sehen. Und wir müssen zugestehen, das der spätere Sozialist und Dichter das Proletariat erleiden musste, es wurde ihm von brüderlicher Hand eingeprügelt. Dass er laut und lärmend war, ist deshalb verzeihlich, welche Chancen hätte denn ein Bäckerbursche gehabt um Schriftsteller zu werden? Natürlich hat er es in seiner Art übertrieben, als er sich in München Visitenkarten drucken ließ mit dem Aufdruck „Oskar Maria Graf Provinzschriftsteller“. Er machte die Not zur Tugend und ich bin der Meinung, dass er erst in New York zu seiner inneren Sicherheit und Ruhe fand..
Dass der Glaube Durchhalten lehrt in allen Lebenslagen kommt im „Leben meiner Mutter zum Ausdruck, es werden die engen Verhältnisse und die grenzenlose Armut und Schufterei schonungslos geschildert und es bildet die Mutter das Zentrum wie das Auge des Sturms, aber es ist ein Familienroman über die Generationen. Es beginnt mit der Wahnsinnstat des Vaters auf dem Land eine Bäckerei zu eröffnen, wo jeder Bauer sich sein Brot selbst buk. Erst als der königliche Hof immer wieder nach Schloß Berg kam, wo ja auch Ludwig II. ums Leben kam, gab es Abnehmer für Brot und Semmeln. Die Bäckerei war ein wirtschaftlicher Erfolg, aber die Familie war riesig, die Not dadurch groß und das Leben durch die Not brutal. Die Mutter hat ihr Leben gemeistert mit einer selbstverständlichen Gläubigkeit, hat nicht nur ihre vielen Kinder sondern auch zwei Enkelkinder großgezogen.

Der andere Heimatschriftsteller

Damit setzt sich der Schriftsteller Oskar Maria Graf von der Deuschtümelei und der Nazi –Literatur ab, wie sie zu der Zeit in der fernen Heimat herrschte, weil er nichts verklärt und genau hinsieht, und weil nur die Liebe eine Lösung bildet und zwar die gelebte Liebe. „Lieber Bruder ich muss Dir die Mitteilung machen, das deine Mutter am 27. September nachts um ½ 1 Uhr verstorben ist...Wenn ich ihr Leben bedenke überkommt mich eine unwillkürliche Rührung. Wie ein Mythos aus einer längst verklungenen Zeit war dies Leben. Vergiß Deine Mutter nie, sie war eine tapfere Dulderin...“, so schrieb Bruder Maurus 1934 nach Brünn.
Ich halte „Das Leben meiner Mutter“ für eins der besten Bücher des 20. Jahrhunderts, anspruchsvoll und ausgereift, ein Buch wie aus einem Guss, dabei viele Jahrzehnte umspannend, politische Umstände nie aussparend. Wer über Bayern lernen will und die Bayern in der Provinz leben sehen möchte, sollte sich die Lektüre gönnen. Entstanden ist es über Jahre zwischen Brünn und Amerika, vorangestellt ist ihm Psalm 90, Vers 10: „Unser Leben währt siebzig Jahr und wenn es hochkommt achtzig Jahre und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen...“.

Valentin Niedermeier

"Jetzt san ma halt alle alt worn und jeder is a bißerl was worden, jetzt lebm ma halt unsa Lebm zu Ende."
Oskar Maria Graf

http://www.ardmediathek.de/tv/LIDO/O...Id=33047238

6 Kommentare

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Eine interessante Persönlichkeit. Danke für den Buchtipp, Regina. Werde versuchen, es zu bekommen und zu lesen.
  • 02.07.2017, 17:39 Uhr
  • 1
Hallo Christine,
auf Youtube gibts eine wunderbare Lesung mit Gustl Bayrhammer, der nicht nur der Meister Eder vom Pumuckl war, sondern auch ein wunderbearer Volksschauspieler. Wenn Su magst, einfach Googeln
Das ist der Erste Teil, der mit der Ermordung der Kaiserin Elisabeth angeht...
Viel Spaß und Alles Gute Dir!
Valentin

  • 02.07.2017, 17:53 Uhr
  • 1
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Ich habe das Buch " Das Leben meiner Mutter" verschlungen und immer wieder gelesen. Es hat mich sehr bewegt, aufgeregt und berührt.
  • 01.07.2017, 15:12 Uhr
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Hallo Regina, auch Dir sei das Hörbuch empfohlen, es ist eine wunderbare Lesung!
  • 02.07.2017, 17:54 Uhr
  • 1
Herzlichen Dank, wize.life-Nutzer,Dir einen schönen Sonntagabend.
  • 02.07.2017, 20:15 Uhr
  • 0
Gerne, Dir auch, Regine
  • 02.07.2017, 20:56 Uhr
  • 0
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