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Steuerbescheid verstehen – Die Hälfte der Steuerzahler scheitert

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25. Januar 2016 - 14:43 -- Redaktion LSTHV





Steuerbescheid verstehen – damit hatte schon Helmut Schmidt seine Probleme: „Ich verstehe meine eigene Steuererklärung nicht“, beichtete der Altkanzler in den 70er Jahren. Ob Steuererklärung oder Steuerbescheid – rund die Hälfte der Steuerzahler weiß heute nicht so genau, was die Finanzbehörde von ihnen will bzw. was ihnen da mitgeteilt wird. „Das Steuerrecht wird immer komplizierter aber der Gedanke, sich verständlich auszudrücken, gerät bei den Finanzbehörden immer weiter in den Hintergrund“, sagt Bernd Werner, Vorstand der Lohnsteuerhilfe für Arbeitnehmer, Lohnsteuerhilfeverein, Sitz Gladbeck: „Gleichzeitig forciert der Fiskus die digitale Steuererklärung. Wer seinen Steuerbescheid nicht versteht, der übersieht schnell die Fehler der Behörden, verpasst die Einspruchsmöglichkeiten und verschenkt am Ende viel Geld.“

Steuerbescheid verstehen - auch diese Steuerzahlerin scheitertSteuerbescheid verstehen, das kann eine echte Herausforderung darstellen. Ein Beispiel aus einem Bescheid von 2014: „Soweit die Vorläufigkeitserklärung die Frage der Verfassungsmäßigkeit einer Norm betrifft, ist sie außerdem nicht dahingehend zu verstehen, dass die Finanzverwaltung es für möglich hält, das Bundesverfassungsgericht oder der Bundesfinanzhof könne die im Vorläufigkeitsvermerk angeführte Rechtsnorm gegen ihren Wortlaut auslegen.“ Ein Satz mit 39 Wörtern, so einen Steuerbescheid verstehen viele nicht.

Nur knapp die Hälfte der Deutschen begreift diese und viele andere Passagen in ihrem Steuerbescheid. Ermittelt hat das die Tageszeitung „Die Welt“ mit dem Marktforschungsunternehmen „GfK“ (hier mehr lesen). „Wir können das aus unseren Erfahrungen nur bestätigen“, sagt Bernd Werner: „Was will mein Finanzamt mir damit sagen? Das fragen uns viele Mitglieder. Mitunter kommt man sich vor wie ein Dolmetscher.“

Dabei steht der oben zitierte 39-Wörter-Satz aus einem Steuerbescheid in einem Zusammenhang, der eigentlich durch seine Bürgerfreundlichkeit besticht: „Die Finanzbehörde listet hier rechtliche Streitigkeiten auf, die noch nicht abgeschlossen sind.“ Je nachdem wie die Gerichtsverfahren ausgehen, zahlt die Finanzbehörde zu viel gezahlte Steuern nachträglich aus. „Das erledigt sie automatisch. Und nimmt uns Steuerzahlern damit die Mühen ab, diese Gerichtsverfahren im Blick zu haben. Wir müssen in den jeweils aufgelisteten Punkten noch nicht einmal selbst Einspruch einlegen.“

Gleichzeitig zeigen die offenen Gerichtsverfahren aber auch: „Die Steuergesetze, die der Gesetzgeber beschließt, sind nicht immer wasserdicht.“ Sie müssen vor Gericht geprüft und oft auch korrigiert werden. Hier gerät der Fiskus dann unter Druck: Er muss sich immer auch juristisch korrekt äußern. „Dabei geht dann die Bürgerfreundlichkeit verloren“, sagt Bernd Werner.

Steuer-Kauderwelsch auf zwei oder mehr Seiten – so einen Steuerbescheid verstehen viele Steuerzahler nicht, und sie verlieren dann auch noch den Überblick. In den Anmerkungen zum Steuerbescheid teilt das jeweilige Finanzamt auch weitere entscheidende Sachverhalte mit: zum Beispiel, warum eine bestimmte Ausgabe nicht anerkannt wird. „Wer diese und andere wichtige Details nicht im Blick behält, der läuft Gefahr, dass er Geld verschenkt. Über die letzten Jahre haben wir beobachtet, dass das Steuerrecht und auch die Steuerbescheide nicht einfacher sondern immer komplizierter werden, und immer weniger Steuerzahler ihren Steuerbescheid verstehen“, sagt Bernd Werner.

Hinzu kommt, dass die Finanzbehörden mit Hochdruck das gesamte Steuerverfahren digitalisieren: Arbeitgeber inzwischen auch die Banken liefern ihre Daten direkt an die Finanzbehörde. „Die Digitalisierung des Verfahrens findet immer breitere Anwendung. In einigen Jahren wird es die Steuererklärung in bisheriger Form nicht mehr geben. Die Prüfung des Steuerbescheides wird also immer wichtiger“, sagt Bernd Werner. Sein Rat: „Zusammen mit der Verkomplizierung sind dies gute Gründe, die Unterstützung durch einen Lohnsteuerhilfeverein in Anspruch zu nehmen oder durch einen Steuerberater.“