Jahreszeiten - Lebenszeiten

Jahreszeiten - Lebenszeiten
Jahreszeiten - LebenszeitenFoto-Quelle: eigenes Foto

Jahreszeiten – Lebenszeiten.


Dunkle Wolken hängen über dem Rossbauernhof. Nicht nur in der Realität dieses April Morgens, sondern auch in den Gedanken der Bewohner dieses Hauses.
Der 75 jährige August Rossbauer wohnt seit drei Jahren in einem kleinen Fachwerkhaus des Hofes, welches seit 60 Jahren die Leibzucht genannt wird. Auch seine Eltern wohnten bis zu ihrem Tod in diesem Haus. Es ist komfortabel renoviert worden. August und seine Frau Martha wollten hier ihren Lebensabend verbringen. Sie hatten es sich so schön vorgestellt. Natürlich würden sie ihrem Sohn Ludwig, dem Jungbauern, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Geplant waren aber auch Reisen in den Süden und vielleicht Norwegen oder Schweden. Nur – wie heißt das Sprichwort?
- „der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Martha erkrankte im Herbst an einer Lungenentzündung. Antibiotika wurden zu spät verordnet. Die Ärzte waren machtlos.
Nun ist August allein. Zu tiefst verunsichert, traurig und mürrisch überstand er das Weihnachtsfest und den kalten, dunklen Winter.

Der April ist ungewohnt warm. Die Natur erwacht explosionsartig. Ludwig Rossbauer, der vor fünf Jahren die Landwirtschaft übernahm hatte es nicht leicht. Schweinezucht, Milchwirtschaft lohnte sich nicht mehr. Also wurde das Nutzvieh verkauft. Elke, seine Frau, erkannte als Erste die Zeichen der Zeit. Ohne Augusts Zustimmung wurde ein Kredit aufgenommen, Pferdeställe und eine moderne Reithalle gebaut.
„Vater“ sagte Ludwig, „jetzt ist unser Name Programm. Wir sind ein Rossbauernhof.“
Der Erfolg stellte sich langsam aber kontinuierlich ein. Elke verstand es gut die Hobby- Reiter und Reiterinnen an den Hof zu binden. Schon nach zwei Jahren konnten sie Hilfskräfte und sogar eine Reitlehrerin einstellen. Fleißig und zielstrebig leitete Elke den Reiterhof. Ihr Selbstbewusstsein stieg ins Unermessliche. Gegen Einmischung in den laufenden Betrieb, durch ihren Schwiegervater, wehrte sie sich entschieden. Ludwig trauerte noch um seine Mutter und merkte gar nicht, dass der Familienfrieden auseinanderbrach. Auch seine zwei 9 und 12 Jahre alten Söhne wurden von ihrer Mutter beeinflusst und sprachen von ihrem Opa nur noch als „der Alte.“

Gut dass August sein Hobby pflegte. Die Bienenzucht, in früheren Zeiten als Freizeitbeschäftigung betrieben, wurde sein Trost und Lebensinhalt. Stundenlang beschäftigte er sich mit den summenden, fleißigen Insekten. Den Honig verschenkte oder verkaufte er, je nach Lust und Laune.
Wieder schlug das Schicksal zu. Eine der Reiterinnen wurde von mehreren Bienen gestochen. Im Normalfall kein Grund zur Aufregung. Leider war dieses Mädchen allergisch gegen Bienengift und starb auf dem Weg zum Krankenhaus. Das tragische Unglück bedrückte Reiter und natürlich auch die Familie Rossbauer. Die junge Frau war nur an diesem Wochenende als Gast auf dem Hof. Ludwig hatte den Weg, an dem die Bienenkörbe standen gekennzeichnet und Verbotschilder für die Freiland Reiter angebracht. Er beruhigte seinen Vater und sagte: „Du bist nicht schuld. Bienen kann keiner dressieren wie Hunde und Pferde.
Elke verlangte sofort: „Die Bienen müssen weg.“ Ludwig versuchte umsonst Frieden zu stiften.
Am Abend, Elke war in der Reithalle, telefonierte er mit seiner Schwester und klagte ihr sein Leid. „Was soll ich machen, wenn wir Vater die Bienen nehmen, versinkt er bestimmt in eine tiefe Depression. Da mag die Sonne noch so hell scheinen.“
Anke, drei Jahre älter als er, ist mit einem Bauern in Mecklenburg verheiratet. „Ich überlege mir was,“ tröstet sie den Bruder.

Am Wochenende besucht Anke ihren Vater im Lipperland. Wortreich erklärt die Schwägerin ihre neueste Attacke auf den Altbauern. Es klingt alles vernünftig, schließlich sind Bienen nur ein Hobby. Verdienen kann man damit keinen Euro. August solle sich damit abfinden und endlich Frieden geben. Merkt Elke denn nicht wie herzlos sich dieser Vorschlag anhört?

Am Abend, Bruder und Schwägerin sind in ihr Haus gegangen, stellt Anke das Fernsehgerät nach den Nachrichten ab. „Vater ich möchte dir einen Vorschlag machen. Ich weiß, dass du hier Wohnrecht auf Lebenszeit hast, aber so geht es nicht weiter. Unser Nachbar, der Obermeier, vermietet kleine Wohnungen an alte Leute. Willst du nicht zu uns nach Klütz kommen? Die Bienenkörbe können alle auf unserem Acker stehen. Schon in zwei Wochen blühen in der Umgebung 50 Hektar Raps. Der Mai soll sonnig und warm werden. Im Juli reifen auf einem anderen Feld die Sonnenblumen. Du kannst den süßesten Honig deines Imker-Lebens ernten. Ich denke der Ludwig wird die Miete bezahlen und wenn es nicht reicht – wir sind an deiner Seite.“ Bobby, der schwarze Labrador erhebt sich aus seinem Körbchen und drückt sich an ihr Knie. „Ach ja, der Hund kann selbstverständlich zu uns kommen. Ein Tier mehr oder weniger fällt nicht auf. Unsere Nachbarn nennen den Hof sowieso – die Arche Noah - . Deine Enkelin Sophie lernst du endlich besser kennen. Unsere Tochter liebt alle Tiere.“

Lange, lange schaut August schweigend aus dem kleinen Fenster auf sein Elternhaus und auf die neue Reithalle daneben. Anke lässt ihm Zeit und sagt kein Wort.
Ein tiefer Seufzer – „Ja Mädchen, du hast recht, man muss loslassen lernen. Ihr könnt mich und meine Bienenvölker nach Mecklenburg holen. Hier bin ich nicht mehr erwünscht.

Schon zwei Wochen später öffnet August den ersten Bienenkorb und sagt: „Der Mai ist gekommen, bringt Honig mir ins Haus.“

© M. Koch

9 Kommentare

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Liebe Marga, wunderschön und traurig. Aber auch spannend.
Eine richtig lesenswerte Geschichte. Mitten aus dem Leben.
Dankeschön sagt die Monika
Danke Monika, schön dass du dich auch mal wieder meldest. Warst du krank oder keine Zeit oder keine Lust? Darf ich doch mal fragen.
Liebe Grüße Marga
Marga, mir fehlt wirklich Zeit.
Ich schreibe was das Zeug hält, denn ich halte Trauerreden.
Das ist zwar nach wir vor aus meiner Sicht ein Hobby, doch ich werden sehr oft angefragt und kann manchmal nicht wirklich NEIN sagen.
Hallo Monika, das ist bestimmt nicht einfach.
Ich wünsche dir einen schönen Feiertag.
Marga
anspruchsvoll, liebe Marga.
Ich mache es gern. Und es ist auch immer wieder besonders Menschen durch die erste Zeit ihrer Trauer zu begleiten und ihnen zur Seite stehen zu können.
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Schön geschrieben Marga! Realistisch und unsentimental die Geschichte einer Bauernfamilie, wie sie ähnlich sicher immer wieder geschieht. LbG Ursula
Wie mir in der Schreibstube aufgefallen ist, werden dort in jüngster Zeit Texte veröffentlicht, die keine eigenen sind. Ich finde das nicht gut, lieber bleibe ich fern, weil mir nichts einfällt, als dass ich fremde "Schriftsteller" bemühe. Es gibt auf dem Schwarzen Brett genügend Platz für solche Veröffentlichungen.
Du bist eine treue Seele, die fleißig schreibt und das finde ich schön
Danke Ursula, ja ich bin schon seit 6 Jahren in diesem Forum und habe schon oft daran gedacht aufzuhören. Die anderen Schreiberlinge sind fast schon alle in anderen Foren oder haben keinen Spaß mehr am schreiben. Egal, wenns mich juckt, denke ich mir irgendetwas aus. Anderen das geistige Eigentum zu stehlen fällt mir nicht mal im Traum ein.
Liebe Grüße Marga
Es hat sich leider viel geändert, seit wir mit der Gruppe in anderen "Händen" sind. Die Schreibstube wird wohl von neu dazu gekommenen Mitgliedern anders verstanden, als wir es gewohnt waren. Mir fehlt das "Gerüst" der Themengebung, daran konnte ich mich ein wenig fest halten. Ich hoffe noch immer, dass mich die Schreiblust wieder einmal packt! Bis dahin lese ich gerne mit. Dir eine gute Zeit Marga u. liebe Grüße
Ich werde mir die Mühe machen und heute im Laufe des Tages diese nicht eigenen Veröffentlichungen entfernen.

Dass die Schreibstube "in anderen Händen" ist, ist nicht ganz richtig.
Sie drohte geschlossen zu werden, darum haben wir sie "übernommen".
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