Jean Dubufett, Verknüpfte Momente, 1976

Kunst verstehen: Jean Dubuffet & das Konzept einer "anti"intellektuellen Kunst

"Ein Lied, das ein Mädchen beim Kehren der Treppe trällert, bewegt mich mehr als eine kunstvolle Kantate. Jedem nach seinem Geschmack. Ich liebe das Geringe. Ich liebe das, was sich noch im Keim befindet, das schlecht Bearbeitete, das Unvollständige, das Vermischte. Ich bevorzuge die Rohdiamanten, noch im Gestein und mit Kröten." Diese Worte formulierte Jean Dubuffet 1945 als seinen Standpunkt (sein Tabula rasa mit den etablierten künstlerischen Werten).

Jean Dubuffet entflieht als junger Mann dem Einfluss der bürgerlichen Familie und seinem autoritären intellektuellen Vater. In Paris verläßt er die Academie Julian, er verläßt das Quartier Latin und seine studentischen Kreise, auch die Boheme des Montmartre der 1920er Jahre. Erst spät, im Alter von 41 Jahren begann(!) Jean Dubuffet sein künstlerisches Werk (ein paar Jahre bevor er sich auf die Suche nach "Werken der Art brut" begab).

Art Brut

(Art Brut = "rohe Kunst", "grobe" oder "naive, ursprüngliche Kunst") ist eine Kunstrichtung, die 1945 der französische Maler Jean Dubuffet begründete. Sie umfaßt Werke von Künstlern, die außerhalb der Gesellschaft stehen. Leute, die sich freiwillig als Außenseiter sehen, psychisch Kranke und verurteilte Straftäter trugen auch zur "Art Brut" bei. Meist handelt es sich dabei um naive Kunst, die keinen besonderen Zweck erfüllen soll.

Bei Dubuffets beiden ersten Versuchen in der Malerei (zuerst 1918 mit 17 Jahren, das zweite Mal 10 Jahre später) hatte er es nicht geschafft sich von der "ästhetischen" Tradition zu lösen, um zu einem individuellen Schaffen zu kommen.

In verschiedenen theoretischen Texten aus dieser Zeit begehrte er gegen die offizielle Malerei auf, er prangert sie als überflüssige Ausdrucksform an - dressiert und brav lebe diese Malerei nur von ihrem Ruf. Jean Dubuffet gelang es mit seiner wegweisenden und von künstlerischen Aussenseitern inspirierten Bildsprache sich von der Tradition der Malerei zu lösen. Die Kunst musste also "neu erfunden" werden und der volle Einfluß transformierte in die zeitgenössische Kunst (z.B.: David Hockney, Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring). Als Jean Dubuffet künstlerisch tätig wurde, galt sein ganzes Interesse dem "einfachen Menschen" (der einen zentralen Platz in seinem philosophischen und künstlerischen Konzept einnahm), den Leuten aus dem Volk und der Alltäglichkeit ihres Daseins. Aus dieser Welt schöpfte er seine notwendigen Triebkräfte.

In der frühen Nachkriegszeit fertigte er primitive Materialbilder, mit denen er bald internationale Bekanntheit erlangte. Viele seiner Werke malte Jean Dubuffet mit Ölfarbe. Den pastosen Farbauftrag verdickte er durch Materialien wie Sand, Teer und Stroh, so dass er eine ungewöhnlich strukturierte Oberfläche erhielt.

Von 1962 an produzierte er die Hourloupe-Bilder, die aus zellenartigen Gebilden in den Farben Rot, Weiß, Schwarz und Blau bestehen. Beim Telefonieren pflegte der Künstler im Sinne der surrealistischen Ecriture automatique, mit Bleistift in ein Notizbuch zu kritzeln. Aus grafischen breiten, meist schwarzen Linien lässt er eine Vielzahl einzelner Formen hervortreten, die meist abstrakt sind und teilweise figurative Elemente besitzen. Die Binnenformen füllt er mit blauen und roten Mustern und Schraffuren. Ende der 60er Jahre fertigte er nach dem selben Prinzip Skulpturen an, die er in Polystyrol herstellte und dann mit Vinyl überzog.

Jean Dubufett Biografie (Ausschnitte)

Der vollständische Name des Künstlers lautete Jean Philippe Arthur Dubuffet und er wurde am 31. Juli 1901 in einer großbürgerlichen Familie von Weingroßhändlern in Le Havre geboren. Er war Franzose, Bildhauer, Collage- und Aktionskünstler und zählte zu den prominentesten Vertretern der französischen Nachkriegskunst. Gleichfalls war er auch der einflussreiche Kunstschriftsteller, der den Begriff "Art brut" (rohe Kunst) kreierte.

Als Schüler belegte er 1916 Abendkurse im Zeichnen an der Ecole des Beaux-Arts in Le Havre - nach dem Abitur 1918 begab er sich nach Paris um Literatur, Sprache und Musik an der Academie Julian zu studieren. Hier lernte er 1919 Suzanne Valadon, Max Jacob, Fernand Leger und Raoul Dufy kennen. Jean Dubuffet brach das Studium allerdings schon nach sechs Monaten wieder ab. In den zwanziger Jahren malte er im Umkreis der Pariser Surrealisten kurzfristig gegenständliche Kompositionen, gab "diese Kunst" bald auf. 1924 ging er als technischer Zeichner nach Buenos Aires, ein Jahr später trat er aber in das väterliche Weingeschäft ein. Jean Dubuffet realisierte jetzt unförmige Wesen mit unproportionierten Köpfen und Extremitäten. Seine Bilder wurden zum Teil als "barbarisch" kritisiert. Der Künstler folgte der surrealistischen Kunstauffassungen, indem er im künstlerischen Bereich den westlichen Vorstellungen von Moral und Ästhetik nicht folgte und trat ein für "eine Kunst ohne akademische Wurzeln".

Erst in den frühen 1940er Jahren widmete er sich dann wieder voll der Kunst. Im Alter von 41 Jahren malte Dubuffet radikal vereinfachte Akte - seine ersten Bilder in einem kindlich wirkenden Malstil und in plakativen Farben. Zuvor hatte er sich aber mehrfach von der Kunst enttäuscht zurückgezogen. Mit Andre Breton und Slavko Kopac gründete er dann 1948 die "Compagnie de l’Art Brut". Die Sammlung dieser Künstlergruppe befindet sich heute in Lausanne.

Nach langer Schaffenspause, in der er als Weinhändler arbeitete, gegann er 1942 erneut mit naiven Gemälden und erregte mit seinen „primitiven“ Materialbildern Skandale - erlangte aber bald internationale Bekanntheit, insbesondere in den USA. Dort stellte er in der Galerie Pierre Matisse in New York bereits 1947 aus.

Die Schweiz-Reisen waren "fruchtbar"

Im Verlauf des Jahres 1945 begann Jean Dubuffet mit ersten Nachforschungen. Er knüpfte Verbindungen und entdeckte Adolf Wölfli(!), Aloise, Heinrich Anton Müller und den Gefangenen von Basel. Sie alle wurden zu Zentralfiguren der "Art brut", ihre Werke bildeten den Kern seiner späteren Sammlungen. Jean Dubufett kannte die Schweiz, er war bereits 1923 und 1934 in Lausanne und seit über 20 Jahre stand er in enger Verbindung mit Schriftstellern und Kunstkritikern.

Ein kreativer Auslöser "Adolf Wölfli"

In Jean Dubuffets Art Brut Sammlung war der bekannte Schweizer Künstler Adolf Wölfli (1864–1930) stark vertreten. Von 1895 bis zu seinem Tod lebte der an Schizophrenie erkrankte Mann in der Nervenheilanstalt Waldau in der Nähe von Bern, wo sein Psychiater Walter Morgenthaler mit „Ein Geisteskranker als Künstler“ 1921 das erste Buch über einen "Art Brut Künstler" schrieb. Morgenthaler hatte ab 1904 die Werke des unablässig Schaffenden gesammelt. (Das Werk Adolf Wölflis besteht aus ca. 1.460 Zeichnungen, etwa 1.560 Collagen und 25.000 zu Heften gebundenen Seiten mit Erzählungen, Gedichten und Musikkompositionen). Leider lernte Jean Dubuffet Adolf Wölfli nicht persönlich kennen - entdeckte jedoch sein Werk 1945 während seiner „Ursprungsreise der Art Brut“ in der Schweiz. Vor dem Hintergrund seines speziellen "Art brut"-Interesses besuchte er auch die umfangreiche Sammlung Hans Prinzhorns von Bildwerken psychisch Kranker in Heidelberg(!).

Eine "anti-Intellektuelle Kunst"

Jean Dubuffet entwickelte das Konzept einer anti-intellektuellen Kunst, die er mit "Art brut" bezeichnete. Diese verteidigte er auch kunsttheoretisch in Texten und Vorträgen. 1949 veröffentlichte er sein Manifest "L'Art brut prefere aux arts culturels". Seine frühen Gemälde sind vom Bildvokabular von Kindern, Naiven und Geisteskranken inspiriert, die für ihn eben die Künstler der "Art brut" sind!

Nach 1962 entwickelte Dubuffet seine Bild-Serie Hourloupe, zellenartige Strukturen, die sich auf die Farben Rot, Weiß, Schwarz und Blau beschränken. Gegen Ende der 1960er Jahre übertrug er die grafischen Elemente der Hourloupe-Serie in die Skulptur. Es entstanden bemalte felsartige Gebilde aus Polyester, großformatige Freiplastiken und teilweise begehbare Labyrinthe wie Jardin d’Email (1972/1973) im Kröller-Müller Museum im niederländischen Otterlo.

Mit "Coucou Bazar" schuf Dubuffet 1972 ein Gesamtkunstwerk(!) aus Malerei, Skulptur, Theater, Tanz und Musik. Dabei agieren mehrere kostümierte Figuren miteinander ebenso wie mit den Bühnenelementen. Dieses Spektakel wurde nur dreimal produziert: 1973 in New York und Paris sowie 1978 in Turin. Die letzte Inszenierung wurde in einem Film festgehalten. "Coucou Bazar" kann heute aus konservatorischen Gründen jedoch nicht mehr als Ganzes aufgeführt werden. Zwei Kostümfiguren dürfen nur noch bewegt werden und waren 2016 in der Ausstellung der Fondation Beyeler zu sehen.

Im letzten Lebensjahr, 84jährig, nur wenige Wochen vor seinem Tod, schrieb Jean Dubuffet seine Autobiographie mit dem Titel "Ein Leben im Laufschritt". Der Titel dokumentiert sein geistiges Tempo, denn er war nicht nur Maler und Bildhauer sondern auch Schriftsteller, Dichter und Philosoph - aber diese Begriffe ignorierte er.

Jean Dubuffet starb am 12. Mai 1985 in Paris. Eine 1973 vom Künstler selbst gegründete Stiftung, die "Fondation Jean Dubuffet", verwaltet seinen Nachlass und bewahrt mehr als 2500 seiner Kunstwerke. Nach seinem Tod wurden auch seine musikalischen Experimente – mit Asger Jorn – bekannt, ebenso sein schriftstellerisches Werk. Seine Werke sind in zahlreichen internationalen Museen vertreten - große Werkkomplexe stiftete Jean Dubuffet zu Lebzeiten dem Musee des Arts decoratifs in Paris und dem Stedelijk Museum in Amsterdam.

Deutschland & Jean Dubuffet

Im Jahr 1959 war Jean Dubuffet Teilnehmer der documenta 2 in Kassel, 1964 an der documenta 3 und der documenta 4 (1968). Übrigens: Von vielen anderen Künstlern wurde Jean Dubuffet von Anfang an beachtet, obwohl in Deutschland erst ab 1957 (relativ spät) die erste Ausstellung seiner Werke statt fand. Die deutschen "informelle Künstler" Götz, Hoehme, Schultze oder Schuhmacher waren durch Studienreisen "ins Kunstzentrum Paris" von seinem Schaffen fasziniert. Auch die nächste Künstler-Generation wie Baselitz und die Münchener Gruppe SPUR (Prem, Fischer, Sturm und Zimmer) waren nach 1945 stark beeindruckt und haben auch auf ihre freundschaftliche Verbindung zu Jean Dubuffet immer wieder hingewiesen.

Dazu eine stimmige Bildergalerie:

Bildergalerie Bild 1/Aufmacherbild: Jean Dubufett, Verknüpfte Momente (68 Teile), September 1976, in den Maßen: 248,9 mal 360,7 Zentimeter. Das Riesenbild gehört der Glimcher Family Collection.

Bildergalerie Bild 2: Aus der Fondation Jean Dubufett, Paris stammt das Selbstbildnis VI (m267), vom
Jahre 1966.

Bildergalerie Bild 3: Der Höhepunkt von "Jean Dubuffets Verwandlungsidee" findet sich im spektakulären Gesamtkunstwerk "Coucou Bazar" von 1972/73. Es ist Malerei, Skulptur, Theater, Tanz und Musik, die sich aus einer transformationsreichen "Figurenlandschaft" zusammensetzt.

Bildergalerie Bild 4: Gegen Ende der 1960er Jahre übertrug Jean Dubufett die grafischen Elemente seiner "Hourloupe-Serie" in die Skulptur. Es entstanden bemalte felsartige Gebilde aus Polyester, großformatige Freiplastiken und teilweise begehbare Labyrinthe wie hier der "Jardin d’Email (1972/1973), Kröller-Müller Museum, Otterlo.

Bildergalerie Bild 5: Eine Arbeit von Adolf Wölfli (1864-1930) aus der Ausstellung "Kopfwelten" von 2016. Vom Jahre 1895 bis zu seinem Tode lebte er in der Nervenheilanstalt Waldau bei Bern/Schweiz. Während des 35jährigen Aufenthalts schuf er ein recht produktives Werk, überwiegend in einer 7-Quadratmeter-Kammer. Adolf Wölfli gilt als einer der wichtigsten "Art Brut"-Vertreter.

Bildergalerie Bild 6: Der berühmten Sammlung Prinzhorn, Heidelberg gehört diese Zeichnung (ohne Titel), um 1910 von Barbara Suckfüll (1857-1928? (1934). Über die Künstlerin (schreibt Wikipedia): Barbara Suckfüll war eine deutsche Bäuerin und Zeichnerin; sie wurde „1907 mit 50 Jahren in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, diktiert von Stimmen, die ihr Befehle erteilten zu schreien, zu fluchen, zu laufen und auch zu schreiben und zu zeichnen.“

Bildergalerie Bild 7: Johann Hauser (1926-1996), einn inzwischen "anerkannter" Künstler, lebte ab 1981 im Museum Gugging, (Teilinstitution des Art/Brut Center Gugging/Austria). Hier malte er am 4. Februar 1985 diesen bunten "Hubschrauber".

Bildergalerie Bild 8: S/W-Foto: Jean Dubuffet in seinem Atelier Vence/Cote d'Azur, 1960

Links:

(Jean Dubufett - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Dubuffet

(Surrealismus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Surrealismus

(Art brut - Kunstrichtung)
https://de.wikipedia.org/wiki/Art_brut

(Sammlung Prinzhorn)
https://prinzhorn.ukl-hd.de/sammlung-prinzhorn/

(Museum Gugging)
http://www.museumgugging.at/de

(Brut Sammlung, Lausanne)
https://www.museums.ch/org/de/Collec...-l-Art-Brut


Map-Data:
Brut Sammlung (Museum für Außenseiterkunst), Avenue Bergieres 11, 1004 Lausanne/Schweiz

5 Kommentare

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Alte Pfade durchbrechen und Traditionen überwerfen..und dabei die Metaphysik lebendig halten..genial!!!!!!
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Er hätte Weinhändler bleiben sollen .
Natürlich ist der Beitrag exzellent, natürlich sollte man solchen Außenseitern auch gebührend Aufmerksamkeit schenken, aber ich kann diesen "BIldern" nichts abgewinnen.
Danke für Deinen Kommentar und Deine Meinung - äußere Dich ruhig weiter ... ich finde Dein Verhalten gut, also herzliche Grüße von Volker
Ich bin froh, dass du meine Kommentare richtig verstehst, Volker. Ich schätze Deine Artikel sehr.
Ich liebe die Impressionisten und Expressionisten und kann sogar mit Picasso nicht sehr viel anfangen.

Natürlich muss sich ein Kunsthistoriker - wie DU - mit der ganzen Breite seines Fachs auseinandersetzen. Ich bin Anglistin und d a r f eine Auswahl treffen, wenn es um Musik oder Malerei geht.
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Wieder etwas dazu gelernt. Aber eine Bewunderin dieser Kunst werde ich nicht 💁🏻
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