Kunst verstehen: Abstraktionen vom Ammersee

Fritz Winter, "Schwarze Kreuze", 1950
Fritz Winter, "Schwarze Kreuze", 1950Foto-Quelle: © Fritz Winter Stiftung

Die Lebensdaten wie Geburts- und Sterbedatum, die jetzige Jahreszeit und die dazugehörige Schaffenslandschaft sind für mich Anlass genug über den "großen deutschen Maler" Fritz Winter zu berichten. Sein Werk gehört zu den Schwerpunkten der klassischen Moderne und er war einer der wichtigsten Vertreter der Abstraktion in Deutschland - sehr außergewöhnlich war sein Bilderzyklus "Triebkräfte der Erde" aus dem Jahre 1944. Seine Abstraktionen sind mehr als sorgfältig abgestimmte Muster und Arabesken. In seinen Bildern gab er nicht die Erscheinungen der Dinge wieder, sondern eine Art Geheimnis und Diagramme, welche die unsichtbaren Kräfte und Wachstumsströme der Natur erahnen lassen.

Wie vielfältig Fritz Winter das Thema "Natur" in seinen einzelnen Schaffensphasen umsetzte, läßt sich in fünf Bereiche untergliedern. Erstens: Es dominieren bei ihm organische Formen, die an Zellen in den unterschiedlichsten Entwicklungsstufen erinnern. Zum Zweiten: Der Blick geht zum Himmel, man sieht Sterne und "kosmische Konfigurationen" und Drittens: Schuf er "Kristalline Formen". Dann folgen als Viertens: "Tektonische Strukturen" und als Fünftes : Die Synthese "Energie und Wachstum".

Und jetzt etwas ausführlicher - Biografisches

Am 22. September 1905 kam Fritz Winter als ältestes von sieben Kindern einer Bergmannsfamilie in Altenbögge (heute ein Ortsteil von Bönen in der Nähe von Unna/Westf.) zur Welt. Mit 14 Jahren folgte er der Familientradition und begann auf der Zeche eine Lehre. Während er auf der Zeche unter Tage „malochte“, besuchte er das Realgymnasium. Sein zeichnerisches Talent entdeckte ein Fachlehrer und riet ihm, sich am Bauhaus zu bewerben. „Zunächst traute er sich nicht, weil er nicht dorthin gehörte.“ Schließlich bewarb er sich doch – und wurde 1927 angenommen. Er blieb dort bis 1930 und traf im Bauhaus die Größen der Kunstszene - er studierte bei Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer und Josef Albers und war sehr eifrig. Von 1930 bis 1933 lebte er in Berlin und lernte den konstruktivistischen Bildhauer Kaum Gabo kennen. Zahlreiche Reisen folgten nach der Schweiz und nach Frankreich. Er befreundete sich mit Ernst Ludwig Kirchner in Davos. Jetzt erwarben die Museen in Halle, Hamburg, Mannheim, Breslau und Wuppertal Arbeiten von Fritz Winter. Am 10. September 1930 endete sein Studium am Bauhaus und er erhielt ein Diplom mit positiver Beurteilung von Paul Klee, der den größten Anteil an seiner Ausbildung hatte. Auf Anregung seines Freundes Hans-Friedrich Geist kam er im April 1931 nach Halle a.d. Saale, um eine Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Akademie zu übernehmen. Zu dieser Zeit lernte er auch seine spätere Lebensgefährtin Margarete Schreiber-Rüffer kennen.

Am Bauhaus konvertierte Fritz Winter schon früh zu einer Art der lyrischen Abstraktion (später Informel genannt), die ab 1933 als "entartet“ bezeichnet und in den Untergrund gebannt wurde. Während der Hitler-Zeit erhielt er Betätigungsverbot und seine als "entartete Kunst“ bezeichneten Werke wurden aus den deutschen Museen entfernt und in Zürich (1934) und London (1938) verkauft. Im Jahr 1939 dann wurde Fritz Winter zur Wehrmacht eingezogen. Seine Teilnahme am Russland-Feldzug 1941/42 führte ihn 1945 in sibirische Kriegsgefangenschaft, die erst 1949 endete. Aber schon im Jahr seiner Rückkehr gründete er mit Willi Baumeister, Rupprecht Geiger und anderen in München die „Gruppe der Gegenstandslosen“, später das Künstlerkollektiv "ZEN 49", dessen erste Ausstellung am Central Collecting Point in München stattfand. Dann im Jahr 1955 erhielt Fritz Winter eine Professur an der Kunstakademie in Kassel und er nahm folglich schon an der Documenta I teil.

Der Tod seiner Frau 1958 war für ihn ein schwerer Schlag und 1959 war Fritz Winter infolge seiner Kriegsverletzungen länger krank. Dannach heiratete er Waltraud Schreiber, die Tochter Margaretes aus erster Ehe. Im Jahre 1961 wurde sein Atelierhaus in Dießen/Ammersee gebaut und er zog sich ab 1970 hierhin zurück. Sein Werk würdigte man jetzt in Deutschland mit großen Retrospektiven in Kassel, Koblenz, Hannover, Mannheim, Düsseldorf, Stuttgart und Berlin. 1974 und 1975 schenkte er eine große Anzahl seiner Bilder dem Galerieverein München, aus dem später die heutige Fritz-Winter-Stiftung hervorging. 1975 wurde das "Fritz-Winter-Haus" in Ahlen/Westfalen eröffnet. Fritz Winter starb am 1. Oktober 1976 in Herrsching am Ammersee.

Eine ganz besondere Kunstschule

Das Bauhaus, diese revolutionäre Kunstakademie ist es, die völlig neue Wege ging. Hier soll eine Kunst für die Menschen geschaffen werden, die Teil einer modernen Welt sein soll. Beseelt von einem unbändigen Wissensdurst und einer enormen Kreativität saugte Fritz Winter die Ideen des Bauhauses auf. In den 30er Jahren kam er zu seiner unverwechselbaren Art der abstrakten Malerei. Das maltechnisch und formal vielseitige Gesamtwerk Fritz Winters stand in einer Tradition, die der Kunst des Blauen Reiter wie dem Bauhaus gleichermaßen verpflichtet ist. Mit seiner weitestgehend gegenstandslosen Formensprache suchte der Maler einen übergeordneten Bezug zur Natur, um die verborgenen elementaren Kräfte und Strukturen der Schöpfung sichtbar zu machen: „Es bedarf eines grösseren Glaubens und einer grösseren Kraft, Unsichtbares in freier Gestaltung sichtbar zu machen, als Sichtbares und Fassbares immer nur als solches zu bestätigen.“

Documentas: In Kassel war Fritz Winter Teilnehmer der Documenta I (1955), der Documenta II (1959) und der Documenta III (1964) - und 1977 auf der Documenta XIV wurden unter "Werke von verstorbenen Künstlern" dann Arbeiten von ihm nochmals ausgestellt. Als Professor an der Werkakademie arbeitete er mit dem Gründer der Documenta, Arnold Bode, eng zusammen und war zunehmend in die Organisationsstrukturen der Ausstellungen eingebunden. Neben Bode und dem Kunsthistoriker Werner Haftmann wurde Fritz Winter eine der prägenden Figuren der frühen Documenta-Geschichte.

Erhaltene Auszeichnungen: Den 2. Preis der 25. Biennale di Venezia (1950) - 1952: Konrad-von-Soest-Preis - 1956: Cornelius-Preis der Stadt Düsseldorf und Großer Kunstpreis (1959) des Landes Nordrhein-Westfalen - im Jahre 1973 den Bayerischer Verdienstorden und 1974: Das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland - Rubenspreis (1977) der Stadt Siegen.

Die Fritz-Winter-Stiftung

Noch zu Lebzeiten bestimmte Fritz Winter die Übergabe eines bedeutenden Teils seines künstlerischen Nachlasses in die Obhut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Ziel und Auflage war es, den Bestand in eine gemeinnützige Stiftung einzubringen. Diese wurde 1981 in München gegründet. Seit 2017 steht der neu bestimmte Kernbestand der Fritz-Winter-Stiftung von 151 Gemälden und Papierarbeiten den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen als unbefristete Leihgabe zur Verfügung.

Die Bildergalerie:

Bildergalerie Bild 1/Aufmacher - Fritz Winter, "Schwarze Kreuze", 1950 - Ein markantes, aussagestarkes und formvollendetes Motiv, dass ich zu Fritz Winters Todestag, dem 1. Oktober, meinem Beitrag voran stellen möchte.

Bildergalerie Bild 2 - Fritz Winter, "Triebkräfte der Erde", 1944 - Als einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Abstraktion fiel er mit diesem Bilderzyklus ganz besonders auf und wirkte somit weit über seine Zeit hinaus. Er findet in dieser Bilderfolge mit dem aus dem Dunkel hervorscheinenden hellen Formen eindringliche Bilder für das Wachstum der Natur.

Als Soldat an der Ostfront zeichnete er komplex abstrahierte Naturstudien auf kleinstem Format. Mit der Werkgruppe der „Triebkräfte der Erde“, die während eines Genesungsaufenthaltes nach einer Kriegsverletzung entstand, schuf er 1944 eines der eindrücklichsten Zeugnisse künstlerischen Überlebenswillens. Die „Triebkräfte“ wurden in der Nachkriegszeit als Schlüsselwerke abstrakten Formenreichtums gefeiert und stehen bis heute für die Qualität und das Wirkungsvermögen in „innerer Emigration“ entstandener Kunstwerke.

Bildergalerie Bild 3 - Fritz Winter, "Moränensteine", 1949 - Großformatige Monotypien und Ritzzeichnungen zeugen von dem experimentellen Lernen bei seinem Bauhaus-Lehrer Paul Klee. In seinen abstrakten Stillleben, "Zellen-", "Stern-" und "Kristallbilder" ging Fritz Winter den Fragen von Raum, Licht und Wachstum experimentell nach.

Bildergalerie Bild 4 - Fritz Winter, "Lichtstrahlen", 1934 - Der Maler bzw. Fotograf verwendete in der Mitte der 1930er Jahre öfters den Titel "Licht-Bilder", einmal für Fotografien und für Arbeiten auf Papier. Der Künstler war fasziniert von dem Phänomen "Licht" als Gegenstand und Material. Es waren experimentelle "moderne" Fotografien, aber auch die traditionellen Ölbilder - abstrakt bzw. konstruktiv.

Bildergalerie Bild 5 - Fritz Winters Gemälde "Die Gräser" von 1958, © BR, ist eine spezielle Hommage an "seinen" Ammersee. Die zwei größeren Naturschutzgebiete (Vogelfreistädte Ammersee-Südufer und Ampermoose) sowie die dichten Schilfbestände machen den See zu einem der bedeutsamsten Feuchtgebiete Bayerns.

Bildergalerie Bild 6 - Fritz Winter - Das Gemälde mit dem Titel "Gelber Klang" entstand in seiner Mischtechnik auf Leinwand im Jahre 1950 und besitzt das Format von 50 mal 60 Zentimeter - eine sehr farbintensive Arbeit!

Bildergalerie Bild 7 - Fritz Winter, "Plakat zu den Olympischen Spielen München 1972" - ein Künstler-Plakat: Motiv "Abstrakt" im Format von 64 mal 100 Zentimeter - Offset-Reproduktion.

Bildergalerie Bild 8 - Ein S/W-Porträtfoto im Fritz Winter Atelier vor einem seiner Werke.


Links:

(Fritz Winter - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Winter_(Maler)

(Staatliches Bauhaus)

https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus

(Abstrakte Malerei)
https://de.wikipedia.org/wiki/Abstrakte_Malerei

(Künstlergruppe ZEN 49)
https://de.wikipedia.org/wiki/ZEN_49

(Stiftung Fritz Winter)
http://www.fritz-winter-stiftung.de/


Map-Data: Galerie im Fritz Winter Atelier, Forstanger 15A, 86911 Dießen am Ammersee/Bayern

6 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Sehr interesant,Abstrakte Malerei!Jetzt sind wir zum Malerei gekommen die ist nicht für jeden interesant und nicht jeden kann sagen"das liebe ich".Warum sind die Künstler so weit gegangen?Das Schönheit nicht existiert,oder ist sie noch da?Liebe Grüße Dana.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich habe einmal als ganz junge Studentin eine Kandinsky-Ausstellung in der Tate Gallery in London gesehen ... und war total verwirrt. Es dauerte lange, bis ich solchen abstrakten Darstellungen etwas abgewinnen konnte. Ich interpretierte für mich die Situation so, dass der Maler eben seine Emotionalität auszudrücken versuchte.
Ich empfand das Ganze als "recht beliebig".
Natürlich bin ich ein absoluter Laie.

Was ich lediglich feststellen kann, ist die Hingabe des Artikel-Verfassers und die Präzision seiner Darstellung.
..."der Maler seine Emotionalität auszudrückt" - damit bist Du dem Kunstbegriff Abstraktion ganz nahe ... viele Kunstgrüße von Volker
Danke
Dennoch finde ich Künstler, die "ab-bilden" demütiger, ehrfurchtsvoller, angesichts des Kaleidoskops NATUR.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Toll, danke!
...das freut mich! Einen schönen Sonntag wünsche ich Dir, tschüß
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.