Das Preußische "Mustergefängnis"

Geschichtspark Lehrter Straße
Geschichtspark Lehrter StraßeFoto-Quelle: Foto: Klaus Tolkmitt

Geschichtspark erinnert an die Methoden der Gestapo


Dort wo einst das „Preußische Mustergefängnis Moabit“ an der Lehrter Straße im Berliner Bezirk Mitte stand, ist heute ein Geschichtspark entstanden, der eindrucksvoll die Geschichte des Ortes in Erinnerung ruft, aber auch ein Park der Ruhe und Erholung geworden ist.

Das einstige Zellengefängnis, das auch als Untersuchungshaftanstalt Lehrter Straße, Strafanstalt Moabit oder Zellengefängnis Moabit in den Geschichtsbüchern auftaucht, hat noch eine besonders schwere Vergangenheit aufzuweisen, nachdem die Gestapo 1944 Beteiligte am Widerstand gegen den Nationalsozialismus hier inhaftierte.

König Friedrich Wilhelm IV. ließ 1842 den Bau errichten, der damals als besonders vorbildlich und modern galt, weil die Gefangenen in 520 Einzelzellen an Stelle der bis dahin üblichen Gemeinschaftszellen untergebracht waren. Zu der Anlage gehörten fünf sternförmig angeordnete Trakte, eine Kirche, einige Beamtenwohntürme und ein Gefängnisfriedhof.
Kriminalität wurde als eine Art ansteckende Krankheit angesehen und die räumliche Trennung der Gefängnisinsassen sollte vor Rückfällen bewahren. Die Methode hatte aber unmenschliche Konsequenzen, denn jede Kommunikation unter den Insassen sollte verhindert werden, selbst beim Freigang. Man errichtete auf dem Hof drei runde Spezialhöfe mit hohen Trennmauern, um so jede Unterhaltung in den Freistunden zu unterbinden. Erst 60 Jahre später wurden diese angeblich fortschrittlichen Gefängnishöfe wieder abgeschafft.

Einer der prominentesten Gefangenen war der Schuster Wilhelm Voigt, der später als „Hauptmann von Köpenick“ bekannt wurde. Als 17-Jähriger kam er für drei Jahre (1866–69) nach Moabit. Es war der Beginn einer langen Haftkarriere. Ein weiterer bekannte Häftling war der 21-jährige Max Hödel, der wegen eines versuchten Attentats auf Kaiser Wilhelm I. hier hingerichtet wurde.

Teile des Gefängnisses nutzten ab 1940 sowohl die Wehrmacht als auch die Polizei und seit dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 auch die Gestapo als Untersuchungshaftanstalt. Die zunächst als Provisorium gedachte Aktion blieb allerdings bis Kriegsende als fester Teil des Gefängnisses erhalten. Die „Sonderabteilung“ der Gestapo sorgte für verschärfte Maßnahmen. So gehörte das Fesseln der Hände tagsüber vor dem Bauch und nachts hinter dem Rücken zu den ersten Veränderungen. Zudem wurden nachts die Beine der Gefangenen mit Ketten an der Wand fixiert. Die Ernährung aller Gefangener in dieser Zeit war katastrophal und die medizinische Versorgung war nicht gewährleistet.
In der Nacht vom 22. zum 23. April 1945 wurden 16 Häftlinge ermordet, die zuvor unter dem Vorwand in ein anderes Gefängnis verlegt zu werden, aus ihren Unterkünften herausgeholt und durch 30 SS-Männer unter dem Kommando von Kurt Stawizki per Genickschuss getötet wurden. Unter den Ermordeten befanden sich Klaus Bonhoeffer und Albrecht Haushofer. Der junge Kommunist Herbert Kosney überlebte die Hinrichtung schwer verletzt und konnte später als Augenzeuge berichten. Diese Exekutionen werden als Kriegsendphasenverbrechen bezeichnet.

Im Krieg wurden die Kirche sowie Teile des Gefängnisses bei einem britischen Luftangriff im November 1943 ausgebombt. Von 1945 bis 1955 wurde die Anlage von den Alliierten als Haftanstalt genutzt, die dort zwischen Januar 1947 und Mai 1949 zwölf Hinrichtungen durchführen ließen. 1958 wurde das Zellengefängnis abgerissen. Lediglich Teile der Gefängnismauer und drei Beamtenwohnhäuser wurden erhalten und stehen heute unter Denkmalschutz, nachdem im Jahr 2003 die Arbeiten begonnen hatten, die Anlage zum Geschichtspark umzuwandeln. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt
Geschichtspark in meinberlin-erleben

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