8. - Das Schulwesen von damals

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Meine schulung im 3. Reich war einem zick-zack kurs gefolgt. Das einzige lyzeum in der stadt, das noch stand, war St. Ursula.. Es lag am andern ende der stadt.
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St. Ursula versuchte nun, die maedchen von 3 lyzeen aufs leben vorzubereiten es waren klaegliche versuche. Unser stundenplan wurde nun , im letzten kriegsjahr, laufend vom sirenengeheul unterbrochen. Die englaender kamen in der nacht, die amerikanischen flugkolonnen mitten am tag. Fliegeralarm gehoerte zum stundenplan. Bald wuerde das alles keine rolle mehr spielen, denn mit dem 11. April 1944, den wir im tunnel ueberlebten und der evakuierung im september, verlor st. Ursula an wichtigkeit.

Das 3. Reich stuelpte das schulwesen um., genau zu der zeit, als ich von der volksschule zur oberschule ging. Ich war auf der viktoria-schule fuer die sexta angemeldet, das einzig vorwiegend evangelische lyzeum. Dann kam der befehl von oben, dass evangelische und katholische kinder nicht mehr getrennt zur schule gehen sollten. Ob diese idee nun in hitler’s hirn geboren wurde oder sonstwo, die meisten menschen muessen zugeben, dass nichts daran auszusetzen war.

Ich wurde St. Leonhard in der franzstrasse zugewiesen, ein frueheres kloster mit kreuzgaengen, durch die die gebete von jahrhunderten noch wehten. Von dann an bis zum abschluss waren wir ungefaehr 3 evangelische in klassen von rund 30 schuelerinnen. Mir machte das ganze nichts aus, die katholischen erhielten religionsunterricht von einem geistlichen, und unser dreiblaettriges kleeblatt von einer lehrerin, die wir nicht ernst nahmen. Wir benahmen uns dem entsprechend. Ich hatte nie das gefuehl, dass gegen mich diskriminiert wurde, aber meine alte freundin edith behauptet jetzt noch steif und fest, dass Frl. Teichmann, oberstudienraetin, die viitamin c-tabletten, die man uns waehrend des krieges in der schule gab,, immer nur in der klasse verteilte, wenn wir drei evangelischen im religionsunterricht waren.

Vielleicht sass ich auf meiner leitung, aber mir fiel nie auf, dass irgendwelche unterschiede gemacht wurden, die auf unsere religion zurueckzufuehren waren. Wie dem auch sei, meine mutter traute den vitamin-tabletten nicht. Was sie fuer einen verdacht hegte, war mir unklar. Sie hatte mir verboten, sie zu nehmen, worum ich mich aber nicht weiter kuemmerte, weil sie gut schmeckten, und meine mutti keine gelegenheit hatte, mich beim lutschen zu beobachten.

Jedenfalls war ich froh, dass das strenge regiment der volksschule hinter mir lag, wo pruegelstrafe, vor der ich immer eine heidenangst hatte, noch zur tagesordnung gehoerte. Irgendwie hatte ich glueck, mein po, meine haendchen, machten keine bekanntschaft mit dem stoeckchen Obwohl ich verschont blieb, hing die drohung des stocks oder des versatilen rulers immer ueber der klasse.

Allmaehlich wurde mir die angst vor pruegelstrafe genommen. Mit meinem kindlichen instinkt glaubte ich, ein gewisses schema in der verteilung verschiedener strafen zu sehen. Frl. Toepfer, unsere klassenlehrerin, schlank und hoch wie eine tanne, mit schneeweissem haar, das ein faltenloses gesicht mit roten backen umrahmte, hatte ihre kandidaten, die reichlich mit dem stock bekanntschaft machten. Ich konnte gut rechnen und meine aufsaetzchen wurden oft l der klasse als vorbild vorgelesen. Auch hatte ich spitz gekriegt, dass es meist kinder aus armen familien waren, die Frl. Toepfer ins auge fielen. Womoeglich waren es auch die laeusetraeger, die sie in wut brachten. Frl. Toepfer war naemlich sehr gewissenhaft. Sie untersuchte uns maedchen in regelmaessigen zeitabstaenden auf laeuse, in dem sie mit 2 stricknadeln in unseren haarstraehnen herumstoeberte.

Vera boelling’s strafe steht mir heute noch klar vor augen, obwohl ich nicht annahm, dass es sich bei ihr um laeuse handeln konnte, denn sie kam im gegensatz zu den meisten pruegelkindern aus einer villengegend.. Vera sass vorne, wo Frl. Toepfer die augen auf sie halten konnte.,sie sah trotz ihrer feinen adresse immer recht armselig aus. Das arme, arme ding. Sie war sehr klein und schielte durch eine dicke brille. Ihre haut hatte stets eine gelbliche faerbung, und ihre augen waren von fast undefinierbarer farbe, auch irgendwie gelblich angehaucht, zur haut passend.

Ich weiss nicht, warum die lehrerin einen pick auf sie hatte. Sie war doch ein liebes kind. Sie gehoerte zu den unschuldigen der welt, und doch ging sie der lehrerin unter die haut. Vera wurde unbarmherzig durchgepruegelt – vorne uebers pult gelegt, rock hochgezogen, und dann gab Frl. Toepfer sich vollends der pflichterfuellung hin, immer feste auf vera’s schluepfer, den die ganze klasse. sah..

Ich war entsetzt, und doch fuehlte ich gleichzeitig eine gewisse faszination fuer das schauspiel und reine kindliche erleichterung. weil ich nicht in vera’s schluepfer steckte, und weil ich, das bildete ich mir schliesslich ein, bei Frl.Toepfer auf nummer sicher war. Ich hatte sie sozusagen in der hand, wenn ich sie mit grosser aufmerksamkeit ansah und ohne fehl zeigte, dass ich pausenlos bei der sache war und mir keins ihrer worte entgehen liess. Die arme vera hatte ein kurzes und, nach ihren anfaengen zu urteilen, wahrscheunlich schwieriges leben. Ihre nachbarschaft blieb von bomben verschont, vera starb jedoch in den fruehen 20iger jahren . Es ist mir nicht bekannt, woran.

Es ist hier wohl der platz, zu bekennen, dass ich waehrend meiner ganzen schulzeit der strafenden hand einer lehrerin nicht ganz entging. Ich erhielt eine einzige ohrfeige, die aber gesalzen war, von Frl. Antwerpen, unserer musiklehrerin auf der oberschule,. Ich hatte lediglich einen falschen ton gesungen, der ihr musikalisches ohr stoerte. Noch heute empfinde ich diese ohrfeige als ungerecht, denn wenn wir alle schoen singen koennten, was wuerde dann aus unsern beruehmten saengern. Es ist doch die seltenheit des talents, die eine saengerin gross macht. Ganz von dem abgesehen, fehlte es Frl. Antwerpen, alt mit grauem zottelhaar, vollkommen an weicher fraulichkeit. Sie hatte eine lose hand.

Um mit 10 jahren in die sexta zu kommen, musste man dem jungmaedelbund beitreten in unserer klasse gab es kein maedchen, das nicht dem jungmaedelbund angehoerte, dessen schirmherr, wie in allen jugendverbaenden, baldur von schirach war. Keiner fragte danach, ob man ein “joiner” war oder nicht.. Ich hasste den verein, die marschiererei, vor allem aber in kuerzester zeit unsere fuehrerin, betty dudkoviak, die ohne zweifel mit einem starken fuehrerduenkel behaftet war. Ich dachte, sie haette es auf mich persoenlich abgesehen, erfuhr aber nach jahrzehnten bei einem klassentreffen, dass der name auch bei den anderen, die ihr ausgesetzt waren, unangenehme erinnerungen hervorrief.

Wir nahmen unter zwang an dem woechentlichen treffen teil. Meine beste freundin edith erinnert sich daran, dass betty bei ihrem vater erschien, um eine geldstrafe einzukassieren, weil edith dreimal unentschuldugt beim appell gefehlt hatte. Dieser zwang, sich von einer unangenehmen person trietzen zu lassen – die eltern konnten einem nicht helfen – erweckte in kinderherzen rebellische gefuehle, die unterdrueckt werden mussten. Ich haette der betty furchtbar gern ins gesicht gespuckt, wusste aber, dass es unmoeglich war, nicht weil es sich nicht gehoerte, sondern weil es wahrscheinlich strafbar war.

Im hitlerstaat kam solche unhoeflichkeit mit “vorgesetzten” einfach nicht in frage. Zu irgendeinem zeitpunkt jedoch wurde betty, das frauenzimmer, durch inge abgeloest, ein liebes maedchen mit blonden zoepfen und unschuldigen blauen augen, die es mit dem marschieren nicht so genau nahm und unser zusammentreffen angenehm gestaltete. Betty verschwand und hatte wahrscheinlich das von ihr mit eifer erstrebte alter von 18 jahren erreicht, wo man, wenn wuerdig befunden, in die nazi-partei aufgenommen werden konnte.

Als ich auf 14 jahre zuging, fiel ich aus allen wolken, als man auch an mich mit dem angebot herantrat, jungmaedel-fuehrerin zu werden. Man waehlte passendes material aus den reihen der oberschuelerinnem., nicht weil ich mich irgendwie hervorgetan hatte. Zudem war ich nicht vorbestraft wie meine freundin edith, die, etwas zerstreut, hatte ihr fehlen auf dreimal anwachsen lassen. Ich hingegen zaehlte mein schwaenzen und hatte respekt fur die nummer drei. Ich erlaubte mir hin und wieder 2 appellfreie tage., die keiner strafe unterlagen., man musste eben vorsichtig beim zaehlen sein.. Aber ich lehnte jede art von befoerderung ab. .

So traurig die zeit war, die auf mich zukam, sie gab irgendwie durch unser zigeunerleben eine ideale gelegenheit des untertauchens, und befreite mich von dem zwang, in den bund der deutschen maedel – bdm - von 14 bis 18 – einzutreten. In den verschiedenen lokalitaeten, wo wir in naher zukunft wohnen wuerden, meldete ich mich einfach nicht mehr an.

Ich muss nun wieder auf den 11. April zurueckkommen und naehere mich damit dem letzten kriegsjahr, wo die toten sich mehrten. Von unserer bleibe in hahn bei meiner freundin marita aus suchten wir eifrig nach einer permanenten unterkunft. Unser weg fuehrte uns nach walheim, ungefaehr einen km von hahn entfernt. Wie ueblich bei solchen suchen landeten wir beim ortsgruppenleiter. Walheim ist ein huebsches kleines staedtchen, von dem aus man seinerzeit die strassenbahn in die stadt aachen nehmen konnte. Von walheim aus fuehrt die himmelsleiter in die eifel.

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2 Kommentare

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Ein interessanter Bericht, ich bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht.
ich schrieb einen kommentar, weiss nicht, wo er sich jetzt befindet. ich bedankte mich mit den folgenden worten, mit denen mein naechster beitrag beginnt:
ICH LIEBTE WALHEIM, NICHT WEIT VON BELGIEN GELEGEN
VOM MANSARDENFENSTER KONNTEN WIR DIE FESSELBALLONS SEHEN,
DIE HINTER DEM WALDRAND UEBER DEM FERNEN STAUSEE STEHEN.
IN DER SONNE AUFBLITZENDE US FORMATIONEN
FRIEDLICH WIE VOEGEL UEBER UNS FLOGEN.
SIE ZOGEN DAHIN IN PERFEKTEN UND TOEDLICHEN REIHEN,
UM IHRE BOMBENLAST UEBER HILFLOSEN STAEDTEN AUSZUSPEIEN.
er behandelt unsere zwangsevakuierung von wahlheim
Dir, fellow Aquarian, wuensche ich einn schoenen tag..
viele gruesse, ursula
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