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Beobachtungsturm "Point Alpha"

Der Kalte Krieg - Beobachtungsstützpunkt "Point Alpha"

Für viele Deutsche ist der "Kalte Krieg", der inzwischen aus aktuellem Anlaß durch die Ukraine-Krise wieder in unseren politischen Alltag zurückgekehrt ist, nur noch ein geschichtlicher Begriff. Nur wenige Stätten erinnern an diese Zeit, in der die Welt immer wieder durch politische Krisen den Atem anhielt. Zur Zeit des Kalten Krieges verlief durch Deutschland mit der "Mauer" die Grenze zwischen den damaligen Machtblöcken des "Warschauer Paktes" und der "NATO". An einer strategisch sehr wichtigen Stelle in der Mitte Deutschlands gab es an der hessisch innerdeutschen Grenze an der Strasse zwischen Geisa und Rasdorf einen Beobachtungsstützpunkt der Amerikaner, "Point Alpha", dessen wichtige Aufgabe bis zum Fall des Eisernen Vorhanges 1989 die Überwachung des Geländes auf Seiten der DDR gewesen ist.
Im Zentrum der NATO-Verteidigungslinie bei Fulda, genannt "Fulda GAP" (= Fuldaer Lücke) wurde während des "Kalten Krieges" in einem Ernstfall die Invasion der Truppen des Warschauer Paktes erwartet. Dieses Gelände des "Fulda Gap", das sich von Herleshausen über Fulda bis in die Nähe von Bad Neustadt erstreckte, bot günstigste Voraussetzungen für einen Einfall der Truppen des Warschauer Paktes mittels Infanterie und gepanzerten Streitkräften. Dieser Beobachtungspunkt "Point Alpha" wurde so genannt, weil er der erste errichtete Beobachtungspunkt war. Weitere Beobachtungspunkte der NATO waren OP Romeo bei Wildeck - Bosserode, OP India bei Lüderbach und OP Oscar.
Auch wenn man gelegentlich davon liest oder hört, dass es sich beim "Point Alpha" um den "heißesten Punkt im Kalten Krieg" gehandelt hat, ist das nicht zutreffend. Dieser Punkt diente ausschließlich der Beobachtung. Sowohl die Besetzung dieses Beobachtungspunktes mit Soldaten, als auch die Ausrüstung dieser Soldaten mit Fahrzeugen wie Panzern und Flugabwehrgeschützen sowie Hubschraubern und auch ihre Bewaffnung mit infanteristischen Waffen von der Pistole über das Gewehr bis hin zur Panzerabwehrwaffe zeugen davon, dass sich die Besatzung bei einem Angriff nicht lange hätte wehren können. Vielmehr war ihr Auftrag, sich im Falle eines Einmarsches der Warschauer-Pakt-Staaten sofort zurückzuziehen. Besetzt war dieser Beobachtungspunkt während des normalen Dienstbetriebes mit ca. 40 Soldaten, die jeweils für vier Wochen dort stationiert waren. Nur in Krisensituationen wurde die Besatzung auf 200 Mann aufgestockt.
Ein Platz zum Zielwerfen mit Hufeisen sowie eine feste Grillstation zeugen davon, wie sich die Soldaten ihre Freizeit gestaltet haben. Auf der Straße zum Beobachtungsturm ist eine dicke rote Linie aufgemalt, die besagte, dass bis dahin "befestigte" Fahrzeuge, also z.B. Panzer fahren durften, um nicht die Gefahr eines Alarmes heraufzubeschwören.
Die Eignung dieses Punktes von Point Alpha lag darin, dass er sich geländemäßig auf 411 Meter Höhe auf einem Bergzug befand und somit einen geeigneten Überblick über dieses vermutete vorderste Aufmarschgebiet des Warschauer Paktes bot. Zum Aufgabenbereich der Wachmannschaften gehörte neben der visuellen Geländebeobachtung (durch den weiten ungehinderten Blick in den Ulstergrund nach Osten in die DDR, der akustischen Überwachung unmittelbar an der Grenze zur DDR und den Bewegungen ihrer Grenzschutztruppen bei Tag und bei Nacht auch der Funkverkehr aus Richtung Osten.
Bekannt wurde dieser Beobachtungspunkt 1962 durch einen Grenzzwischenfall nahe dem "Point Alpha", bei dem der DDR-Grenztruppenoffizier Hauptmann Rudi Arnstadt vom BGS-Grenzjäger Hans Plüschke bei einem Zwischenfall erschossen wurde. Der DDR-Grenztruppenoffizier Arnstadt beobachtete bei Grenzarbeiten, dass vermeintlich zwei BGS-Grenzjäger auf das DDR-Gebiet geraten sind. Bei dem Versuch, einen von ihnen zu verhaften, bei dem er einen Schuß in den Boden abgab, wurde von den BGS-Grenzjägern zurückgeschossen und er dabei tötlich in den Kopf getroffen. Dieser Zwischenfall wurde von keiner der beiden untersuchenden Kommissionen restlos geklärt, da das Staatsgebiet der DDR nicht hinter dem letzten Grenzschutzzaun endete sondern noch weiter Richtung Westen verlief. Heute sind zur Markierung der damaligen Grenze weißrote Pfosten angebracht.
Tragischer Weise wurde der Grenzgänger Hans Plüschke, dessen Identität lange verschwiegen wurde und der sich in späteren Jahren als Todesschütze selbst zu erkennen gab, 1998 unter nie geklärten Umständen während eines Auftrages, den er als Taxi-Fahrer angenommen hatte, erschossen. Es wird vermutet, dass er Opfer eines späten "Racheaktes" geworden ist.
Das Gelände am "Point Alpha" mit seinen Behelfsunterkünften wurde 1965 der US Army überlassen, die es dann mit festen Bauwerken und einem Beobachtungsturm aus Holz ausbaute. Dieser Holzturm wurde später durch einen Betonturm ersetzt, der heute noch vorhanden ist und von dem aus Besucher einen phantastischen Blick nicht nur auf das ehemalige Grenzgebiet mit seinen DDR-Grenzbefestigungen haben, sondern auch weit hinein in das Hinterland der damaligen DDR.
Wie so viele ehemals wichtige Einrichtungen am früheren Grenzverlauf der BRD und der DDR sollte dieser geschichtsträchtige Punkt nach Aufgabe durch die Amerikaner 1991 abgerissen werden. Durch bürgerliche Initiative wurde dies jedoch verhindert und die Einrichtungen erst unterschiedlichen Verwendungen zugeführt und später unter Denkmalschutz gestellt. 1995 begann man mit dem Aufbau der heutigen Gedenkstätte, zu der inzwischen sehr informativ und übersichtlich nicht nur der vormalige amerikanische Stützpunkt sondern auch ein Streifen der originalen Grenzsicherungsanlagen der DDR sowie ein Begegnungszentrum gehören. Diese Initiative hat sichergestellt, dass der "Point Alpha" zu einem unvergleichlichen Zeitzeugnis und einem einzigartigen Lernort der Geschichte (siehe www.pointalpha.com) geworden ist.
Heute wird dem Besucher nicht nur die Situation einer möglichen Konfrontation der damaligen Machtblöcke NATO und Warschauer Pakt, die sich hier vier Jahrzehnte "Aug in Aug" gegenüber standen erklärt, er wird auch informiert über die damaligen Grenzanlagen der DDR mit ihren Sicherungselementen und er erhält Einblick über die militärischen Abläufe sowie das Leben an und mit der Grenze, wie es sich der Bevölkerung damals dargestellt hat.
Wenn der Besucher den Beobachtungsturm bestiegen und das ehemalige Camp-Gelände abgeschritten hat, kann er sich in der großen Dauerausstellung mit Medienstationen und Adioguides intensivst informieren. Auf dieser authentischen militärischen Anlage kann man neben militärischem Gerät vieles andere mehr besichtigen, so ein Modell, in dem die reale militärische Konfrontation zwischen NATO und Warschauer Pakt nachgestellt wird um deutlich zu machen, welch wirkliche Gefahr für einen "heißen" Krieg in der damaligen Bundesrepublik Deutschland gegeben war. Zu sehen sind die unterschiedlichsten originalen Militärausrüstungsgegenstände der US Army und des Bundesgrenzschutzes sowie Angriffs- und Verteidigungspläne.
Nicht weit vom "Point Alpha" befindet sich eine weitere äußerst interessante Dauerausstellung, das "Haus auf der Grenze", in der sich der Besucher ein Bild davon machen kann, wie die Bevölkerung damals mit der Bedrohung und der Unterdrückung durch das DDR-Unrechtsregime lebte.

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