Die leere Tasse

Eines Tages kam eine Schülerin zum Meister. Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Sie hatte alle Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg hinauf gekommen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.

Als die junge Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz auf dem Boden und trank Tee. Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie schon alles gelernt hatte. Dann bat sie ihn, bei ihm weiterlernen zu dürfen.

Der Meister lächelte freundlich und sagte: "Komm in einem Monat wieder."

Von dieser Antwort verwirrt, ging die junge Frau zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, warum der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte. Einen Monat später, erklomm sie den Berg erneut und kam zum Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß.

Diesmal erzählte die Schülerin von all den Hypothesen und Vermutungen, die sie und ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte. Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.

Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: "Komm in einem Monat wieder."

Dieses Spiel wiederholte sich einige Male. Es war also nach vielen vergeblichen Versuchen, dass sich die junge Frau erneut aufmachte, um zu dem Meister zu gehen. Als sie diesmal beim Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend vorfand, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte und sagte nichts.

Nach einer Weile ging der Meister in seine Behausung und kam mit einer Tasse zurück. Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: "Jetzt kannst du hier bleiben, damit ich dich lehren kann. In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen."
Autor unbekannt, aus Lichtkreis.at
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8 Kommentare

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wie wahr und doch so selten erkannt
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Die Geschichte ist schön, aber zu kurz erzählt. Warum hat sie denn bei dem letzten Besuch nichts mehr gesagt?
Hat sie erkannt dass Spekulationen oder Interpretationen die Wirklichkeit nicht beschreiben können?
Erzähl die Geschichte doch weiter, das wäre spannend!
gute Geschichte, weil es zeigt wie sehr Mann/Frau es selbst in der Hand hat, wofür wir unsere Zeit verwenden und auch die Entscheidung wieviel Raum bzw. Intensität wir hierzu verwenden......
Na gut, habe mich in einer Fortsetzung versucht:
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Viel Zeit war vergangen und der alte Meister lange gestorben. Aus der jungen Schülerin war eine weißhaarige Meisterin geworden.
Und so wiederholte sich die Geschichte. Eine junge Frau war den langen, mühsamen Weg auf den Berg gegangen und als sie bei der Meisterin ankam, saß diese im Lotussitz auf dem Boden und trank Tee.
Die junge Frau begrüßte sie überschwänglich und erzählte ihr, was sie schon alles gelernt hatte. Dann bat sie sie, bei ihr weiterlernen zu dürfen.
Schon wollte die alte Meisterin sie wieder zurückschicken, wie es ihr Meister einst getan hatte. Doch dann überwältigte sie das Mitleid und sie bot der jungen Frau eine Schale Tee an.
Zur Verblüffung der jungen Frau war die Schale aber leer. Erst nach einer Weile wagte sie es zu fragen, wo denn der Tee sei?
Die alte Meisterin antwortete: „Du kannst ihn dir so in die Schale hineindenken, so wir du dein Ego in dich hinein denkst.
ob sie das wohl verstanden hat? Eigenschaft einer wirksamen Erkenntniss ist ihre "Reifezeit" und das kann oftmals dauern
In meiner Geschichte würde es der Meisterin nicht darum gehen verstanden zu werden. Sie hätte es gesagt, um die junge Frau zum Nachdenken über die Natur des Ego anzuregen.
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