Zwei Münsteraner in München - Völkerverständigung zwischen den Jahren

Die Münchener Bavaria im Winter
Die Münchener Bavaria im WinterFoto-Quelle: www.Clearlens-images.de / www.pixelio.de
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Seitdem sich Kind und Schwiegerkind häuslich und beruflich in München eingerichtet haben, nehmen unsere Besuche im Freistaat deutlich zu. Der Weg von Westfalen in den Süden sprengt zwar den Charakter eines nachmittäglichen Kaffee-Besuchs; aber was soll’s: Die Zeit ist da, und die verkehrstechnischen Wege sind vielfältig.

So freuen wir uns nun gleich mehrfach im Jahr auf ein Wiedersehen, auf die so anders geartete Landschaft, auf Kultur, Biergärten und Essen. Schließlich hatte es nicht vieler Versuche bedurft, um heraus zu finden, dass der phonetische Unterschied zwischen Schweinebraten und Schweinsbraten in keinem Verhältnis zum kulinarischen steht. Der letzte Besuch aber setzte eine unerwartete Duftmarke.

Im Spatenhaus hatten wir einen knackigen Rostbraten, Radi, Schnittlauchbrot, Griebenschmalz und niederbayrischen Speck verputzt, im benachbarten Franziskaner mit ein paar preußischen Biertrinkern zugestandenen Halben schön nachgespült und warteten nun auf das Taxi, das uns „heim“ ins Hotel irgendwo hinterm Harras* bringen sollte.

Kennen Sie Grünkohl?

Unser Droschkenführer stellte sich als Ur-Münchner vor (was uns schon auffallend oft vorgekommen war), fragte nach unserer bundesrepublikanischen Herkunft und dann – wir waren noch nicht einmal am Sendlinger Tor – nach Grünkohl. Jawohl – nach Grünkohl! Jenem Gemüse, dem südlich der Mainlinie jegliche Existenz abgesprochen wird, dessen vereinzeltes Vorkommen in Bayern im Internet als Geheimtip gehandelt wird und das nachweislich keine Berücksichtigung auf Speisenkarten vom Allgäu bis Niederbayern findet.
Und nun fragte eine der Ausdrucksweise eindeutig als Bayer zu definierender Taxifahrer seine Fahrgäste aus dem weiten Nordwesten während einer Fahrt durch das spät abendliche München nach Zubreitungsmöglichkeiten einer Kohlart, die in vornehmlich ehemals preußischen Regionen zu den winterlichen Spezialitäten gehört und u.a. zu hochoffiziellen Anlässen serviert wird (Bremer Schaffermahl, Kramermahl in Münster). Das alles kümmere ihn nicht, versicherte der Mann hinterm Steuer. Er und seine Lebensgefährtin sammelten Rezepte auch ungewöhnlicher Speisen, um diese dann nachzukochen. Was wir ihm denn empfehlen könnten.

Im Fonds des Wagens war ich als Folge dieses unerwarteten Gesprächs und wohl auch dank der stark bajuwarischen geprägten Speisenfolge zuvor in eine Art Schockstarre gefallen. Schlagartig erinnerte ich mich an das messerscharf formulierte Urteil meiner Schwiegertochter, einer gebürtigen und profilierten Oberfränkin, über eine Speisenfolge mit Grünkohl: „So etwas nehme ich nicht in den Mund!“

Von Engels- und Lerchenzungen


Während ich versuchte, diese innerbayerischen Widersprüche zu ordnen, hatte meine Frau auf dem Beifahrersitz die Initiative ergriffen, Unterschiede zwischen der herkömmlichen Zubereitung von frischem Grünkohl (in großen Abteilungen am besten in der Badewanne säubern) und jener im Glas oder tief gefrorenen Grünkohlarten (am besten schmecken Lerchenzungen) herausgearbeitet und unterschiedliche Geschmacksrichtungen von Mettwürsten gewürdigt.

Weit jenseits der Lindwurmstraße kam ich dann endlich zu meinem Beitrag. Die Kartoffeln zu einem Grünkohlgericht sollten die Pfanne im karamellisierten Zustand verlassen, dozierte ich. Der leicht süßliche Geschmack runde das Gericht mit dem herzhaften, ja etwas bitteren Geschmack des Kohls und dem rauchigen der Mettwurst ideal ab. Zum ersten Mal bemerkte ich so etwas wie Überraschung bei unserem kulinarisch interessierten Taxifahrer. Trotzdem: Er notierte: Bratkartoffeln, zum Schluss etwas zuckern. Und tatsächlich: Er notierte. Jeden Ampelstopp hatte unser Droschkenführer dazu genutzt, das Rezept weiter schriftlich zu vervollständigen. Hinterm Harras war dann Schluss. Zum Nachtisch sind wir nicht mehr gekommen.


* Erläuterung für Nicht-Münchener: Der Harras ist ein mäßig attraktiver Verkehrsknotenpunkt im Münchener Stadtteil Sendling

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