Meine Kindheit im Ruhrpott

Am Karfreitag 1960 wurde ich in den Kreis meiner Familie hineingeboren, im Ehebett meiner Eltern.
Zu meiner direkten Familie gehörten Mutti, Vati und meine große Schwester. Ansonsten hatte ich jede Menge Tanten, Onkels, Kusinen und Cousins - und zwei Omas. Leider wohnte meine Lieblingsoma in der "Ostzone". Mein Vater war Chemiefachwerker und meine Mutter Hausfrau.
Wir lebten in einer Strasse mit zweistöckigen Vorkriegshäusern, großen, durchgehenden Höfen und Stallungen. In unserem Haus war die Toilette im Zwischengeschoss und es gab nur ein Waschbecken in der Küche. Später baute mein Vater eine Badewanne ein und einen einen dicken Boiler, da hatten wir warmes Wasser.
In der Nachbarschaft gab es viele Kinder, man traf sich in den Höfen und die vielen "Nenntanten" aus der Nachbarschaft passten auf uns auf, sie schauten viel aus den Fenstern oder trafen sich zum quasseln auf der Bank im Hof. Sie beobachteten uns Kinder scharf.
Da wir wenig Geld hatten "erbte " ich von älteren Cousinen oft Kleider, einmal ein ganz tolles aus weißem Perlon mit schwarzen Samtpunkten und Schleife. Stolz präsentierte ich mein Kleid im Hof....
......die Tanten waren völlig entsetzt...... Perlon ist lebensgefährlich! Oh nein, die Sonnenstrahlen verbrennen die Haut!!!!!.......und ich mußte das tolle Kleid ausziehen, danach war es weg, für immer
Aber die Strafe folgte bald, als die Tanten mal wieder auf der Bank saßen und strickten kippten sie plötzlich samt Bank nach hinten zurück und kamen ohne Hilfe nicht hoch.....War das ein Geschrei und Gezeter...... Mein Vater half ihnen und ich habe "natürlich" nicht gelacht denn man lacht ja niemand aus! Aber innerlich habe ich sehr gegrinst
Von meiner "nicht Lieblingsoma" bekam ich mal ein Sommerkleid, das lief im Regenschauer an meinem Körper ein....was war das wohl für Stoff. Keine Ahnung!!!
In den Kindergarten ging man damals noch nicht so oft wie heute, die Freunde fanden sich erst in der Schule. Der Schulweg war lang und weit, 30 Minuten an der befahrensten Straße der Stadt entlang, neben uns fuhr die Strassenbahn und wir mussten die Strasse ohne irgendeine Hilfe überqueren. Am Anfang waren wir so fünf Kinder, kurz vor der Schule zehn. Sieben Jungs und drei Mädchen. Die Jungs ärgerten uns oft aber ich glaube, dass wir Mädchen auch nicht besser waren.
Die Silvia, eine von uns dreien, war ein Schlüsselkind und hatte keinen Vater, das fand ich ganz toll.
Das war so ganz besonders.....wenn aber meine Mutter kam um mich und uns alle von der Schule abzuholen war ich allerdings froh, kein Schlüsselkind zu sein.
Nach der Grundschulzeit trennten sich unsere Wege. Den "Besten" habe ich mir allerdings behalten......er ist seit 33 Jahren mein Mann.
Für Ausflüge war das Geld knapp aber jeden Sommer machten wir einen Ausflug nach Essen in den Gruga Park. Wir hatten kein Auto, d.h. Proviant einpacken, 30 Min. zu Fuss zur Bushaltestelle an der B224 laufen,zur Gruga fahren, wenn wir drinnen waren einen Platz zum essen suchen, essen (Kartoffelsalat, Schnitzel, gekochte Eier, Äpfel). Jetzt hatten wir nicht mehr soviel zu tragen und schauten uns alles an, einen Höhepunkt gab es immer: Grugabahn fahren, Aussichtsturm besuchen o.ä.Zum Schluss gab´s noch ein Eis und dann ging´s wieder heim.
Dreckig war man im Pott besonders als Kind, auch als Mädchen, immer. Besonders an den Beinen, Unterarmen und im Gesicht. Aber das gehörte dazu und Ende der 60iger fing es ja auch g a n z
l a n g s a m an sich zu ändern. Mein Vater sammelte oft Bauholz von Abrisshäusern um es zu verheizen, ich half ihm dabei. Das machte viel Spaß auch wenn das klein machen ohne elektrische Hilfe anstrengend war.
Meine Mutter war den ganzen Sommer damit beschäftigt Marmelade, Kompott oder Saft für den Winter zu machen, auch ich half mit, habe tausende Kirschen entsteint, Stachelbeeren abgezuppelt und Birnen kleingeschnitten. Es gehörte dazu, doch heute mag ich weder Saft, Marmelade oder Kompott.
Der Luxus, den meine Familie sich gönnte, war Tchibo Kaffee, damals noch nicht in Geschäften erhältlich, sondern nur privat. Die Nachbarin im Nebenhaus verkaufte ihn und ich durfte ihn immer abholen und bezahlen.Ich bekam immer was zu naschen von ihr, darum ging ich gerne hin. Im einem Winter hatte ich dann DAS schreckliche Erlebnis.
Es war schon dämmrig als ich Kaffee holen sollte, Flurlicht gab es keins und ich mußte dort in den ersten Stock. Kein Problem......doch als ich wieder aus der Wohnung kam war es stockfinster, ich tastete mich vorsichtig runter, der Kaffee rutschte mir weg und an der Haustür fand ich die Klinke nicht, irgendwann heulte ich nur noch und rief nach meiner Mutter, plötzlich sprach mich jemand in einer fremden Sprache an und hielt mich fest....dann ging die Haustür auf und ich konnte nach Hause rennen........mei war ich froh!!!!! Des Rätsels Lösung: ich war voller Panik weil ich die Tür nicht öffnen konnte, heulte und wurde vom Mieter im Erdgeschoss gehört, ein italienischer Gastarbeiter. Er ließ mich raus. Gastarbeiter waren ja DIE Exoten damals....
.Er machte eine Pommesbude auf und wir waren oft Kunden bei ihm.
Ende der 60iger wurde bei uns in der Nähe das erste alte Kino zu "Aldi" umgebaut, das war toll, anders als die kleinen Lebensmittelgeschäfte....
Der Wunsch von mir und meiner Familie war immer eine größere Wohnung mit Bad und Heizung im Grünen. Dieser Wunsch ging 1972 in Erfüllung, eine Werkswohnung in einer Siedlung mit Wiesen zwischen den Häusern, Balkonen, Bad und Heizung. Leider starb mein Vater 1973. Meine Mutter sagte immer:"So hat der Vati auch über seinen Tod hinaus für uns gesorgt."
Es sind noch viele Geschichten aus meiner Kindheit in meinem Kopf, sie alle aufzuschreiben würde hier den Rahmen sprengen.
Meine Kindheit endete mit unserem Umzug 1972.... dann fing die Jugendzeit an.

1 Kommentar

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Eine schöne Geschichte. Ich glaube so oder ähnlich ist es bei vielen damals gewesen.Ich hatte beim Lesen viele Bilder aus meiner Kindheit im Kopf.
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