Sympathisch: Der Apostel Thomas (der "Ungläubige"?)

Ich bin richtig froh, dass es so einen Typ wie Thomas unter den Aposteln gab, ein echter Realist. Ihm waren die Berichte von Auferstehung der Frauen sicher zu emotional und Petrus war ihm womöglich suspekt wegen seiner großspurigen Begeisterungs­fähigkeit. Thomas wollte nicht nur nach dem Hörensagen glauben. Und überhaupt, warum sollte ihm Jesus nicht selbst sagen können, dass er auferstanden ist? Sein Glaube an Jesus war ihm so wichtig, dass er sich unmöglich auf vages Gerede einlassen konnte.

Ich finde Thomas richtig sympathisch und er könnte als Realist unserer Tage sich gut darstellen. Und ich halte die Reden vom ungläubigen Thomas für echt diffamierend und unangebracht.
Er hat nämlich an Jesus geglaubt, sowohl vor der Auferstehung als auch nachdem er ihn persönlich gesehen und die Wundmale berührt hat. Wem von uns würde es nicht genau so ergehen?
Außerdem sagt uns das Beispiel des Thomas, dass Jesus jedem von uns alles zeigen wird, was wir zum Glauben an Ihn nötig haben.

Ich bin dem Apostel Thomas auch noch für etwas anderes sehr dankbar. Denn seinetwegen hat sich der auferstandene Jesus mit seinen Wundmalen geoffenbart. Das hat für mich eine ganz tiefe Bedeutung, ja es lässt uns tief in unser eigenes Leben nach unserer Auferstehung blicken. So wie Jesus an seinem durch die Auferstehung verklärten Leib die Wundmale trug, so werden wahrscheinlich auch wir im Leben nach dem Tod uns gegenseitig wieder erkennen an unseren Wunden und Verletzungen, die wir uns gegenseitig zugefügt haben. Aber so wie Jesus die Wundmale nicht als ein Zeichen von Rache oder unverziehenen Verfehlungen präsentiert, sondern als Zeichen des in Liebe verwandelten Schmerzes und der Barmherzigkeit, so ähnlich könnte es auch bei uns sein.

Wir werden vielleicht unsere Wunden und Verletzungen wie Jesus als Siegeszeichen tragen. "Auch das habe ich in Liebe ertragen und überwunden; auch das habe ich mit Gottes Hilfe verziehen und steht nicht mehr trennend zwischen uns".
Das könnte vielleicht ein Wort der Begrüßung sein, das wir uns zurufen werden mit tief empfundener Erlösungsfreude.

Gleichzeitig lässt uns dieser Gedanke wahrscheinlich erschrecken, wenn alle Wunden und Verletzungen des Erdenlebens nicht einfach weg und verschwunden sind mit unserem Tod. Das heißt nämlich, dass alles, was wir hier auf Erden an Gutem und Bösem tun, einen ewigen Erinnerungswert behält.
Vielleicht ist das gemeint, wenn die Kirche so sehr daran festhält, dass wir wie Jesus mit Leib und Seele auferstehen werden. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns immer wieder darüber bewusst werden, wie wir miteinander umgehen, was wir einander sagen und welche Wertschätzung wir einander entgegen bringen. Und es lässt jetzt schon den unermesslichen Wert des Vergebens und Verzeihens erahnen, zu dem wir von Jesus so eindringlich aufgerufen sind.

„Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seitenwunde...“
Ich möchte diesen Aufruf Jesu noch etwas deutlicher sagen: „Streck Dich aus – zu mir hin...!“ Wir dürfen uns nie zurück ziehen auf unsere Logik, auf unsere Zuständigkeit, auf unser vernünftiges Maß usw. Die Begegnung mit Jesus ist immer ein „Über-sich-hinaus-wachsen“. Jesus ist in unser Erdenleben hinein gewachsen, damit wir aus uns heraus wachsen können, hinein in Sein Leben der Gnade und Einheit mit dem Vater.

„Streck Dich aus...“
Das ist der tägliche Auftrag an uns, an jeden Einzelnen von uns!
„Lege Deine Hand in meine Seitenwunde...!“
Was für ein tiefer Sinn in dieser Aufforderung!
Normalerweise bedeutet, „den Finger auf eine Wunde legen“ nichts Gutes. Da werden alte Verletzungen neu gerissen und offenbar gemacht.
Ich glaube, Jesus wollte mit dieser Geste nicht etwa „offene Rechnungen“ auf den Tisch legen.
Der Sinn seiner Worte liegt vielmehr darin, den Schmerz der Wunden Jesu nachzufühlen. Jesus wollte den Thomas teilhaben lassen an Seiner großen Liebe, die vor dem Tod nicht zurück geschreckt ist, sondern sich am Kreuz vollendet hat.

„Lege Deine Hand in meine Seitenwunde...!“
meint also „fühle mit mir den Schmerz meiner Liebe zu Euch!“
Es geht also bei dieser Begegnung mit dem Auferstandenen nicht um ein Glaubenswissen, das sich immer diskutieren lässt. Es geht um eine Glaubenserfahrung, mehr noch:
Um die gefühlsmäßige Wahrnehmung der Liebe Jesu!
Und das ist Gott sei Dank überhaupt nicht theologisch-wissenschaftlich und beweisbar. Das kann mit keinem Gebot oder Gesetz verordnet werden.

„Lege Deine Hand in meine Seitenwunde...“, das ist einfach „nur“ eine Einladung Jesu – an jeden von uns!
Die Mutter Teresa von Kalkutta, so scheint es, hat aus dieser Einladung ein Lebensprogramm für sich und ihre Schwestern gemacht. Sie sagte: „Man muss lieben, bis es weh tut...“
Vorher können wir nicht sicher sein, ob nicht auch ein großer Anteil Eigennutz in unserem Verhalten liegt.
Mit Jesus in „Berührung“ kommen, den Schmerz seiner Herzenswunde fühlen und aushalten,
lässt uns wie Thomas unweigerlich sagen: „Mein Herr und mein Gott“.
Besser als mit diesen 5 Worten konnte Thomas seinen Glauben nicht bekennen.
Mehr als durch das Fühlen und Nachfühlen der 5 Wundmahle können wir mit Jesus nicht in „Berührung“ kommen.

www.konrad-heil.de

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