Eine Kurzgeschichte "Essen gehen"

Meine Kurzgeschichte, die sich im Jahr 1957 so zugetragen haben könnte.


Meine Eltern wollen mit mir essen gehen. Schon Tage vorher wurde beim Essen darauf geachtet, dass ich mit Löffel, Messer und Gabel ordentlich umzugehen wusste. Als der große Tag kam, wurde ich ordentlich, aber mit viel zu viel Wasser und Seife, gewaschen und fein angezogen. Nachdem sich auch meine Eltern herausgeputzt, also landfein gemacht hatten, ging es los. Meine Eltern gingen mit mir in einen wunderschönen eingerichteten Raum mit Kronleuchtern an der Decke und mit weißen Tüchern bedeckten Tischen.

„Die Herrschaften wünschen einen Tisch für drei Personen?“
Oh, wir waren Herrschaften. Nachdem wir an unserem Tisch saßen, sagte mein Vater zu einem der im schwarzen Anzug dort herumlaufenden Männer:
„Herr Ober, bitte die Speisekarte!“
Ja mein Vater kannte jeden, er wusste sogar, wie der Herr mit Namen hieß. Es war der Herr Ober. Beim Essen war ich so aufgeregt, stieß mit der Hand das Glas um und verschüttete meine Limonade. Bevor die Eltern losschimpfen konnten, kam ein Fräulein und brachte alles wieder in Ordnung. Anschließend stellte sie mir noch eine neue Limonade hin. Mein Vater bedankte sich mit den Worten:
„Vielen Dank Fräulein.“
Mutter beugte sich nach rechts und flüsterte Vater ins Ohr:
„Du kannst doch nicht Fräulein sagen, sie hat doch schon ein Kind.“
Das leuchtete mir nicht ein und ich rief laut:
„Na und, dann ist das eben ein Fräulein mit Kind.“

10 Kommentare

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Ein "Fräulein mit Kind" ist die perfekte Kinderlogik, ohne die Verlogenheit der Erwachsenen die jede unverheiratete Frau als Frau bezeichnet, ob sie es möchte oder nicht. Nur weil es heute so modern ist.
Als ich das sagte und die Erwachsenen in schallendes Gelächter verfielen war ich noch ein Kind, das an den Klapperstorch glaubte.
Auch unverheiratete als Frau zu bezeichnen ist keine Verlogenheit sondern eher Unwissenheit über den Begriff "FRAU".
Frau bedeutete mal verheiratet und nicht mehr Jungfrau zu sein. Diese Zeiten sind vorbei. Die Bezeichnung Fräulein wäre heute als Anrede eine Frechheit.
Wir Männer werden unabhängig vom Ehestand oder der Knabenschaft als Herr angesprochen.
Zumindest im Schriftverkehr schreibe ich seit über 20 Jahren Dame und nicht Frau.
Ich weiß, Du hast da Deinen ganz eigenen Stil.
ich finde das Wort "Fräulein" immer schon antiquiert und überflüssig, sonst müsste man ja auch "Herrlein" zu unverheirateten Männern sagen...ich war ja auch ein "Fräulein mit Kind" und hab immer die Anrede "Frau" beansprucht....
Bei mir war es das Gegenteil. Ich war stolz darauf, noch keinem ins Netz gegangen zu sein. Frau ... war meine Mutter, und ich war ja schließlich nicht mit meinem Vater verheiratet. Als ich geheiratet hatte, war ich stolz auf den Namen meines Mannes und ihn tragen zu können.
Zwei Geschichten und zwei gegensätzliche Meinungen. Dabei schließen sich die Gegensätze nicht aus, weil sie auf ganz unterschiedlichen Lebenserfahrungen basieren.

Ich stehe heute auf dem Standpunkt, dass die weiblichen Wesen ihre Anrede selbst entscheiden können sollten.
Aber genau das ist vielfach eingeschränkt, weil die anzuklickenden Vorgaben nur Frau zulassen (auch bei Seniorbook).
Wie wäre es mit der Auswahl Fräulein / Frau / Dame?
Also Dame würde bestimmt keiner anklicken, denn so kann man sich ja nicht gut selbst bezeichnen. Ob man eine ist oder nicht, kann nur die Umwelt entscheiden.
Es würde bei SB schon viel bringen, wenn sich die Alleinstehenden präziser einkreisen ließen (Witwe oder Single = noch nie verheiratet gewesen, oder geschieden). Das müßte beim Profil berücksichtigt werden. Die Anrede bei Frauen über 40 ist mit Frau ... natürlich o.k.; da kann man wirklich nicht mehr Fräulein sagen!
Aber bei Männern ist es wirklich nicht optimal, wenn sie immer mit Herr ... angsprochen werden. So weiß man, wenn man noch auf der Jagd ist, nie, ob man ein verheiratetes oder ein noch freies Exemplar vor sich hat.
Meine Frau würde Dame anklicken. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich sie überzeugen konnte das die Anredeform Dame und Herr oder Frau und Mann zusammen gehören.
Ja, das hängt bestimmt damit zusammen.
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