Der Krieg in den Alpen (1. Teil)

Soldatenfriedhof in Südtirol
Soldatenfriedhof in Südtirol

Der "Erste Weltkrieg" wird immer wieder als "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Nur zu gerne wurde der Auslöser für diesen Weltkrieg im Attentat vom 28.6.1914 in Sarajewo in Serbien gesehen, ausgeführt durch den serbischen Studenten Gavrilo Prinzip, dem der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie von Hohenburg zum Opfer fiel. Heute, mit 100jährigem Abstand zur damaligen politischen Situation Europas weiß man bei der Erklärung der Gründe für den Beginn des Ersten Weltkrieges genauer zu differenzieren. Wissenschaftliche Studien und strategisch bauliche Vorhaben an der damaligen deutschen Westgrenze beweisen, dass dieser Krieg aus wirtschafts- machtpolitischen Gründen von langer Hand vorbereitet wurde und dass das Attentat von Sarajewo nur der willkommene "Auslöser" für diesen Weltenbrand gewesen ist. So wurde z.B. lange vor Kriegsbeginn das Eisenbahnnetz im Westen nahe der französischen und belgischen Grenze ausgebaut und an deutschen Bahnhöfen 700 m lange Bahnsteige gebaut, da die Militärtransportzüge so lange waren. Es gab jedoch keinen belgischen Bahnhof mit derart langen Bahnsteigen.
Durch die Bündnissituation der damaligen Zeit folgte in den Tagen nach dem Attentat eine Kriegserklärung der anderen, durch die sich letztlich nahezu der gesamte europäische Kontinent im Kriegszustand befand. Am Ende standen 29 (!) Mächte auf Seiten der Alliierten im Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn. Italien hatte, obwohl seit 1882 im "Dreibund" zwar mit Österreich-Ungarn und Deutschland verbündet, sich berufend auf diesen Vertrag als "Defensivbündnis" am 4.5.1915 seinen Austritt aus dem Dreibund erklärt. Mit einer Erklärung vom 30.6.1914 erklärte es sich für "neutral". Österreich-Ungarn war nicht bereit umfangreichen italienischen Gebietsansprüchen nachzukommen. Parallel zu seinen Bemühungen mit Österreich-Ungarn führte Italien schon im August 1914 geheime Verhandlungen mit den Vertretern der "Entente", also Großbritannien und Frankreich, um im Falle einer kriegerischen erfolgreichen Auseinandersetzung erreichte territoriale Gewinne vom Trentino und Südtirol bis zum Brenner zugesichert zu bekommen. Der Pakt zwischen der Entente und Italien wurde am 26.4.1915 geschlossen und bereits am 23.5.1915 erklärte Italien der Donaumonarchie Österreich-Ungarn den Krieg. Damit griff der Konflikt mit seinen Kampfhandlungen auf den Tiroler Raum über.
Mit einem Heer von 900.000 Mann griff Italien unter dem Oberbefehl des Generals Luigi Cadorna an mehreren Stellen die k.u.k-Monarchie an. Strategisch wichtige Orte wie Laibach, Villach und Toblach sollten erobert werden.
Infolge des Kriegsbeginns 1914 wurden aber von Österreich-Ungarn für die russische und serbische Front wehrfähige Tiroler eingezogen und somit die südliche Grenze in Tirol zum "Noch-Bündnispartner" Italien entblößt. Durch das Vorgehen der Italiener mit dem Austritt aus dem Dreibund sah sich Österreich-Ungarn zu einer nachträglichen Sicherung seiner südlichen ca. 250 Kilometer langen Grenze veranlaßt. Dazu standen neben dem Landsturm, bestehend aus Schützen zwischen dem 33. und 42. Lebensjahr, den Standschützen als das "letzte" Aufgebot, denen nur notdürftig ausgebildete und ausgerüstete Männer bereits ab dem 16. Lebensjahr sowie wehrdienstuntaugliche und nichtdienstpflichtige Freiwillige angehörten. Im späteren Verlauf wurden Spezialeinheiten wie die Sturmformationen und Streifkompanien eingesetzt, aus denen sich dann die späteren elitären Hochgebirgskompnien entwickelten.
Auf Grund dieser für Österreich-Ungarn prekären Lage an dieser nicht geplanten südlichen Front zu Italien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung am 18.5.1915 unter dem Befehl des bayerischen Generals Krafft von Dellmensingen eine etwa 12.000 Mann starke Division zur Sicherung der besonders gefährdeten Abschnitte Fleimstal und Pustertal zur Verfügung. Dies war die Geburtsstunde des Deutschen Alpenkorps, das dann im Mai 1915 an der Südwestfront eintraf. Ihm gehörte das Bayerische Infanterie-Leibregiment ("Leiber") und insgesamt drei Jägerregimenter aus Bayern, Preußen, Hannover und Württemberg an. Das Deutsche Alpenkorps durfte jedoch nicht auf italienischem Gebiet in Kampfhandlungen einbezogen werden, da Italien dem deutschen Reich erst am 27.8.1916 den Krieg erklärte.
Für die österreich-ungarischen und deutschen Truppen bedeutete dies über eine Länge von 350 Kilometern unter widrigsten Umständen in einem noch nie durchgeführten alpinen Gelände kampfmäßig eingesetzt zu werden. Die Strapazen im Gebirge bis in einer Höhe von über 3.500 m (Ortler) infolge nicht oder nur mangelhaft vorhandenen Unterkünften, die nur wenig vor Regen, Sturm, Eis und Schnee schützten und eigentlich einem Biwakieren im Freien entsprachen sowie unzulänglicher Versorgung mit Verpflegung, Kleidung, Waffen und Munition waren unübersehbar.
Dieser Gebirgseinsatz forderte von Anfang an viele Opfer. Selbst später, als in die Felsen Kavernen und Unterstände gebaut wurden, gab es infolge der langen Einsätze, die nur durch kurze Erholungsphasen unterbrochen wurden, auch ohne Feindeinwirkung durch Kälte, Schnee, Felsstürze und Lawinen viele Opfer. Erst nach und nach konnten die unzureichend ausgerüsteten und ausgebildeten Soldaten der Standschützeneinheiten durch gebirgserfahrene Kaiserjäger, die die Eliteeinheit der k.u.k.-Armee waren, ausgetauscht werden.
Die Südwestfront begann an der schweiz-österreichischen Grenze am Stilfserjoch, setzte sich dann über die Ortlerspitze fort, wo in ca. 3.500 m Höhe eine Stellung mit einem Artilleriegeschütz gebaut wurde. Sie verlief an der Grenze entlang in südlicher Richtung zum Tonale und Cima Presanelle und weiter zum Kampfraum von Valarsa bei Rovereto, dann wieder nach Norden bis zum Pasubio, Colbricon, Costabella und zum Marmolatamassiv. Dann weiter zum Col di Lana und zum Lagazuoi-Falzaregopass, Tofanen und zum Monte Piano. Sie setzte sich fort über die Karnischen und Julischen Alpen bis hinunter in den Süden bis zur Adriaküste bei Triest. Noch heute zeugen zahllose Spuren von diesen Kämpfen an der Gebirgsfront mit vielen Kilometern Saumpfaden und Schützengräben, Bollwerken und Festungen, Stellungen, Tunnels und Barackenlager in schwer zugänglichen Gebieten und Soldatenfriedhöfen. In vielen Museen sind die Exponate des Krieges in den Alpen zu sehen, die vom harten Kriegsalltag der Soldaten in Fels und Eis Zeugnis ablegen.
Während der Gebirgskrieg durch extreme topographische Bedingungen mit seinen Tälern und Bergen und seiner extremen Witterung und ihren Folgen mit Schnee, Eis, Kälte und Lawinen gekennzeichnet war, kann man die 12 Isonzoschlachten durchaus mit den Materialschlachten an der Westfront bei Verdun und an der Somme vergleichen.
In die Geschichte des 1. Weltkrieges gingen besonders die Kämpfe an der Südwest- und Südfront ein. Bis dahin unvorstellbar war es, dass in einer Höhe von bis zu 3.500 m und mehr Soldaten vordringen konnten, die noch unterstützt wurden durch mitgeführte Artilleriegeschütze. So wurden von ca. 50 Soldaten zwei Tage lang ein in seine Einzelteile zerlegtes Geschütz über die steilen Eiswände hochgezogen und unterhalb der Ortlerspitze auf ca. 3.900 m wieder zusammengebaut. Von dieser exponierten Stellung aus wurde es sehr wirkungsvoll gegen die Italiener eingesetzt. Sehr spektakulär war ein von den Kaiserjägern gebohrter steiler Tunnel durch das Eis der Trafojer Eiswand mit Stufen zur Überwindung von Steilstellen. (Fortsetzung Teil 2 folgt)

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