Der Krieg in den Alpen (3. Teil und Schluß)

Freilichtmuseum am Monte Piano
Freilichtmuseum am Monte Piano

Verfolgt man den Frontverlauf in nordöstliche Richtung, erreicht man vom Monte Sief über den Sett Saß, den Balparola-Paß, den Sasso di Stria, den Falzarego-Paß und den "Kleinen Lagazuoi". Auch dieser Berg befand sich in den Händen der beiden feindlichen Mächte, der westliche Teil in österreich-ungarischer, der östliche in italienischer Hand. Auch der Kleine Lagazuoi wurde von den Mineuren der Streitkräfte ausgehöhlt und so für den Minenkrieg vorbereitet. Insgesamt erfolgten fünf Minensprengungen. Die Österreicher zündeten vier Minen zur Vertreibung der Italiener. So versuchten sie am 20.6.1917 mit einer ersten kleinen Sprengung, die mit über 24.000 kg Sprengstoff vorbereitet wurde, den Italienern zuvorzukommen und hatten Glück, weil sie damit die bereits geladene Minenkammer der Italiener mit in die Luft jagten. Das gesprengte Gestein prasselte gegen die feindlichen Stellungen der Italiener am Falzaregopass den Berg hinunter. Die Folgen dieses gewaltigen Felssturzes sind heute noch deutlich zu sehen.
Die alpine Front verlief weiter vom Kleinen Lagazuoi, dem Großen Lagazuoi, der Fanisscharte und dem Fanisturm, dem Monte Cavallo, dem Monte Castello, den Furcia Rossa-Spitzen, den Monte Ballon Bianco und das Travenenzetal bis zu den Fanessperren. Die Italiener saßen auf den drei Tofanen, da die Österreicher diese im Oktober 1915 im Zuge einer strategischen Frontbegradigung geräumt hatten.
Ein weiterer heiß umkämpfter Berg mit zwei Spitzen, der Monte Piano ging ebenfalls in die Geschichte des Alpenkrieges ein. Während die Österreicher die Nordkuppe besetzt hielten, hatten die Italiener die Südkuppe in Besitz genommen. Der Besitz dieses Berges war aus strategischen Gründen (Beherrschung der Straße vom Misurina-See in das Pustertal) von höchster Bedeutung. Doch trotz heftigster Kämpfe konnte keine Seite die andere aus ihren Stellungen vertreiben. Heute können die damaligen österreich-ungarischen und die italienischen Stellungen und ein Freilichtmuseum besichtigt werden. In den österreichischen Tunnels sind noch die Reste einer aus versorgungstechnischen Gründen gebauten Feldbahn zu sehen, durch die die Soldaten versorgt wurden.
Vom Monte Piano verlief die Front weiter nach Osten unter Einbeziehung von Seikofl, Kreuzberg-Paß, Rotand-Spitze, Sentinella-Scharte, Toblinger Knoten, Paternkofel, Schwabenalpenkopf und Katzenleiterkopf. Besondere Erwähnung verdient der Paternkofel, ebenfalls durchlöchert wie ein Schweizer Käse, der zu Beginn des Alpenkrieges am 4.7.1915 zu trauriger Berühmtheit kam, weil auf ihm der international bekannte und sehr geachtete Bergführer Sepp Innerkofler durch immer noch nicht geklärte Umstände, man spricht sogar vom "friendly fire" gefallen ist, von den Italiener geborgen wurde und durch sie ein ehrenvolles Begräbnis erhielt. Steigt man durch den "ausgehöhlten" Paternkofel, nur empfehlenswert mit Lampe hinab zum Platteau zwischen Paternkofel, Drei-Zinnen-Hütte und den Drei-Zinnen, bemerkt man noch heute, dass auf diesem durch den damaligen intensiven Artilleriebeschuß immer noch kaum Pflanzen wachsen.
Ab September 1915 wurde das Deutsche Alpenkorps abgezogen und nach Verdun an die Westfront verlegt und im dortigen Stellungskrieg eingesetzt. Erst im Oktober 1917 wurden sieben gebirgserprobte Divisionen des Deutschen Alpenkorps an den Isonzo nach Italien verlegt. Die südliche Front verlief bis zu den Julischen Alpen und reichte bis in das Vorfeld von Triest. Im Unterschied zu den Kämpfen an der Südwestfront, die mehr oder weniger ein "Stellungskrieg" waren, fanden an der Südfront in den Julischen Alpen bis nach Triest Kämpfe "in Bewegung" statt. In elf Isonzo-Schlachten gelang es den Italienern nicht wie geplant bis Triest und in das Laibacher Becken vorzudringen. In der 12. Isonzo-Schlacht aber ab dem 24.10.1917 gelang den deutschen und österreich-ungarischen Truppen der Durchbruch von Flitsch-Tolmain bis zur Piave. In die Geschichte eingegangen ist dieser Durchbruch als "Schlacht bei Karfreit", dem heutigen Kobarid. Sie endete zwar am 27.10.1917 durch das Erreichen des militärischen Zieles, nämlich des Tagliamento, die Kämpfe jedoch tobten infolge des wenig geordneten Rückzuges der italienischen Truppen weiter, bis der Piave erreicht wurde. Auf Grund mangelhafter Unterstützung mit Personalersatz und militärischem Material kam die Offensive der deutschen und österreich-ungarischen Truppen zum Stillstand. Obwohl der größte Teil der italienischen Armee demoralisiert war konnte Italien die Front am Piave durch den Einsatz neuer frischer kampfbereiter Truppen halten. Langsam machte sich auch die Unterstützung der italienischen Truppen durch die einsetzende alliierte Verstärkung (Amerika, England und Frankreich) mit Soldaten und Material bemerkbar. Hinzu kam, dass immer mehr Soldaten der österreich-ungarischen Armee desertierten und zu den Alliierten überliefen, insbesondere aus den Balkanstaaten, denen ja durch den amerikanischen Präsideten Woodrow Wilson in seiner Rede vom 8.11.1918 ein eigenes unabhängiges Land versprochen worden war.
Einen besonderen Namen in der 12. Isonzo-Schlacht machte sich Erwin Rommel, der als Oberleutnant eine Kompanie des Württembergischen Gebirgsbataillons führte, das im Rahmen des Deutschen Alpenkoprs eingesetzt war. Er nahm teil als Führer einer Abteilung am Einbruch in die Kolovrat-Stellung, an der Schlacht bei Karfreit Ende Oktober 1917, bei der Verfolgung der italienischen Truppen über den Tagliamento und dem Piave und eroberte den strategisch wichtigen "Monte Matajur". Für diese militärischen Erfolge erhielt er den Orden "Pour le Mérite". Über seine Erfahrungen beim Einsatz in diesen Kämpfen hat er das Buch "Infanterie greift an" geschrieben, auf das auch heute noch bei der Ausbildung von Soldaten zurückgegriffen wird. Über die Kämpfe am Isonzo und dem Piave hat Ernest Hemingway das Buch "In einem anderen Land" geschrieben.
Insgesamt ließen im Alpenkrieg bis zu 180.000 Soldaten ihr Leben. Diese Opfer und auch die geringen Geländegewinne waren absolut sinnlos, da der Krieg an der Westfront verloren ging und Italien als Kriegsgewinnler Südtirol zugesprochen bekam. In diesem ersten Gebirgskrieg wurden erstmalig durch den Major der Reserve W. Paulcke gebirgstaktische und -strategische Grundsätze geschaffen, die noch bis in die heutige Zeit ihre Gültigkeit haben.
Heute zeugen noch Saumpfade, Schützengräben, Tunnels, Barackenlager, Soldatenfriedhöfe und Museen von diesem ersten Krieg in den Alpen. In Rovereto nördlich des Gardasees können, wie in manchem anderen Museum auch, Waffen, Uniformen, Fotografien, Dokumente u.v.a.m. besichtigt werden. Aus Kanonen des 1. Weltkrieges wurde die "Gefallenenglocke", auch Friedensglocke genannt gegossen, die größte freischwingend läutende Glocke der Welt, die allabendlich 100 Glockenschläge zum Gedenken an die Sinnlosigkeit des Krieges und zur Erinnerung an die Gefallenen der Krieg in aller Welt ertönen läßt. In einem temperierten Rundbau, dem "Sacrario dei Caduti de Castel Dante", einem sehr auffällig platzierten Beinhaus sind über 20.000 Gefallene des 1. Weltkrieges aufgebahrt.
Für jeden Bergfreund, der heute im Kampfgebiet des 1. Weltkrieges wandert, klettert oder Ski fährt ist es unvorstellbar, dass er auf blutgetränktem Boden seinen sportlichen Neigungen nachgeht. Ebenso ist es den wenigsten Menschen bekannt, dass sie heute Straßen, Wege, Saumpfade und Steige benutzen, die vor 100 Jahren zum Zwecke der Kriegsführung angelegt wurden. Auch das Bestehen mancher Seilbahnen und mancher Eisenbahnstrecken ist auf die damalige logistische Erfordernis der Kriegsführung zurückzuführen.
Was wie nach jedem Krieg übrig bleibt, sind die Relikte dieser menschenverachtenden sinnlosen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Völkern trotz gemeinsamen Ursprungs, gemeinsamer Religion und gemeinsamer Kultur. Was bleibt ist die Hoffnung, aus den kriegen der jüngeren Vergangenheit, besonders aber aus den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts gelernt zu haben und nicht, wie Carl von Clausewitz in seinem Buch "Vom Krieg" sagt, die Politik ist mit den Mitteln des Krieges fortzusetzen.
Luis Trenkers Roman "Berge in Flammen" endet mit dem Zitat "Die Menschen kommen und gehen, aber ewig stehen die Berge".

1 Kommentar

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Sehr lehrreich auch der dritte Teil des Beitrags. Ich erinnere mich,dass meine Mutter den Namen Isonzo erwähnt hat,als sie mir von meinem Vater erzählt hat. Ob die Menschen dazugelernt haben,was die Kriege anbelangt ? leider nicht !
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