Tiere auf der Wartesteppe

Tiere auf der Wartesteppe

„Du siehst ja lustig aus!“ Sagte der Tasmanische Beutelwolf und lächelte das Quagga freundlich an. Mit einem etwas überheblichen Gesichtsausdruck schaute die gestreifte Stute auf das viel kleinere Raubtier hinunter.
„Wie kommst du darauf, dass ich lustig aussehe? Schau dich doch einmal selbst an! Du trägst deine Streifen am falschen Ende.“
Konsterniert drehte der Beutelwolf seinen Kopf mit dem langen Maul und schaute auf sein eigenes Hinterteil.
Tatsächlich! Er hatte Streifen am Ende seines Rückens und am Schwanz, während das Quagga seine Streifen an Kopf, Hals und Brust trug.
Die Stute wollte weiter und nahm erneut ihren langsamen Schritt auf.
„Wie komme ich überhaupt hier her?“ Mit ein paar schnellen Sprüngen hatte er das Quagga eingeholt. Jetzt lief er an seiner Seite.
„Bist du gerade erst angekommen?“ Fragte das Quagga ohne stehen zu bleiben.
„Ja, eben lief ich noch durch meinen dunklen Wald in Tasmanien, als es plötzlich knallte…“
„Irgendetwas hat dich getroffen und dann wurde es dunkel.“ Ergänzte das Quagga seinen Satz und nickte wissend mit dem Kopf.
„Ja, genau! Und dann bin ich hier wieder aufgewacht und habe dein langes Gesicht gesehen.“
„Dann bist du der Letzte deiner Art gewesen und jetzt ausgestorben.“
„Wie meinst du das? Was willst du damit sagen, dass ich ausgestoben bin?“ Seine Nackenhaare sträubten sich. Er war erschrocken über diese schreckliche Neuigkeit und konnte nicht glauben was er da hörte. Wie selbstverständlich passte er sich dem langsamen Schritt der Stute an und reihte sich ein, in die lange Schlange der dahin trottenden Tiere.
Seufzend fand sich das Quagga mit seinem Schicksal ab und ließ den geschwätzigen Neuling an seiner Seite gehen.
Mit einer Kopfbewegung wies es auf die vielen anderen Tiere vor und hinter ihnen.
„Wir sind alle ausgestorben und müssen so lange in der Warteschlange über die Wartesteppe ziehen, bis wir endlich vollzählig sind.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen schluckte der Beutelwolf seine Angst hinunter.
„Wann sind wir denn vollzählig und was passiert dann?“
„Nun stell doch nicht so dumme Fragen!“ Polterte der Dodo und landete flatternd auf dem Rücken des Quaggas.
Vollkommen entnervt ließ die Stute die Ohren hängen. Dieser Dodo war eine furchtbare Nervensäge mit einer schrecklich knarzigen Stimme. Außerdem hatte er die schlechte Angewohnheit jedes Gespräch an sich zu reißen. Mit ein paar schnellen, wilden Sprüngen versuchte die Stute den Vogel abzuwerfen aber der Dodo war ein hervorragender Reiter. Er hielt sich locker auf ihrem Rücken, gab sich lässig und schien noch nicht einmal zu bemerken wie das Quagga sich gebärdete um ihn los zu werden. Seelenruhig nahm er den Beutelwolf in Augenschein, als das Pferdchen wieder ruhig in der Reihe ging.
„Jede Art stirbt eines Tages aus, wenn sie genug Zeit auf der Erde verbracht hat! Das ist nun einmal der Lauf der Natur, dagegen kann man überhaupt nichts tun. Oder siehst du das etwa anders?“ Der Beutelwolf wusste nicht genau wie er das sah und hielt lieber das Maul, bevor ihm etwas Dummes heraus rutschen konnte. Zum Glück bemerkte der Dodo seine Verwirrung nicht und redete auch schon weiter.
„Wie ich schon sagte, jede Art lebt nur eine gewisse Zeit. Dann muss sie abtreten und den Platz frei machen für eine neue Art.“
Für eine Weile trotteten Quagga und Beutelwolf nebeneinander her, während der Dodo auf dem Rücken der Stute sein Gefieder ordnete.
Angestrengt überlegte der Beutelwolf, dabei hing ihm die enorm lange Zunge aus dem Maul. Ungläubig schüttelte der Dodo den Kopf. Dieser Neuankömmling sah zu merkwürdig aus. Wie konnte man mit einer solch riesigen, empfindlichen Zunge in einem Maul voller spitzer Zähne herum laufen, ohne sich selbst zu verletzen?
„Bewegt dich irgendetwas?“ Fragte er den Beutelwolf nach einer Weile.
„Ich würde zu gern wissen, welche Art meinen Platz auf der Erde eingenommen hat.“
Mit einem Ruck blieb das Quagga stehen verdrehte sich den Hals und schaute dem Dodo neugierig ins Gesicht. Diese Frage brannte ihm schon lange auf der Seele.
Der runzelte die Stirn und überlegte eine Weile. Plötzlich hellten sich seine Gesichtszüge auf und er versuchte ein überlegenes Lächeln. Leider misslang es ihm, weil er einen viel zu großen Schnabel hatte.
„Die Menschen haben deinen Platz eingenommen!“
„Und meinen Platz? Wer hat meinen Platz eingenommen?“ Fragte das Quagga neugierig.
Jetzt lächelte der Dodo nicht mehr.
„Auch deinen Platz haben die Menschen eingenommen, genau wie meinen. Sie haben einfach jeden Platz auf der Erde eingenommen.“
„Wollt ihr noch lange hier herum stehen oder endlich weiter gehen?“ Fragte ein ungeduldiger riesiger Kurznasenbär hinter der kleinen Dreiergruppe.
„Deinen Platz haben übrigens auch die Menschen eingenommen.“ Scharf sah der Dodo den Bären an, um gleich darauf den Säbelzahntiger an seiner Seite zu mustern.
„Es scheint mir, als hätten die Menschen den Platz eines jeden Tieres in dieser langen Reihe eingenommen.“
Erstaunt sahen sich Säbelzahntiger und Kurznasenbär an.
„Wie kann es sein, dass die Menschen sich so sehr ausbreiten und den Platz eines jeden Tieres auf der Erde einnehmen?“ Fragte der Säbelzahntiger. „Sind sie so stark?“
Entschieden schüttelte der Dodo seinen Kopf.
„Sie sind überhaupt nicht stark! Aber wann immer sie vor einem Problem stehen oder es ihnen an Stärke fehlte, nutzen die Menschen ihr viel zu groß geratenes Gehirn und lassen sich etwas Kluges einfallen um ihr Problem zu lösen. Doch dieses riesige Gehirn macht sie auch hochmütig. Sie glauben, dass sie über uns stehen und jetzt keine Tiere mehr sind. Sie glauben sogar dass sie von einem Gott erschaffen wurden, der ihnen ähnlich sieht.“
Gelächter erschallte ringsum und einige Tiere sahen den Dodo ungläubig an.
„Eben hast du noch gesagt, die Menschen hätten ein großes Gehirn. Aber dieser Glaube erscheint mir sehr dumm!“ Sagte ein Mammut, das sich ihnen auf großen Füßen und leisen Sohlen genähert hatte. Es schüttelte skeptisch seinen Kopf mit den riesigen Stoßzähnen und den kleinen Ohren, während sein behaarter Rüssel hin und her schlenkerte.
„Du hast Recht! Sie sind hochmütig und dumm, trotz ihres großen Gehirns.“ Der Dodo war jetzt in seinem Element und freute sich über sein immer größer werdendes Publikum.
„Menschen sind nie zufrieden, sie wollen immer mehr besitzen. Sie glauben, dass sie die Herrscher der ganzen Welt sind und dass sie mit unserem Planeten machen können was immer sie wollen. So bald sie etwas Schönes in ihren gierigen Händen halten, beginnt es in ihren Augen an Wert zu verlieren. Irgendwann lassen sie es achtlos fallen und suchen sich etwas Neues, was die rastlose Gier in ihrem Herzen befriedigt. Sie sind in allen Dingen maßlos und sie stellen sich ihr Leben lang gegen den Tod.“
Erstauntes Gemurmel unterbrach den Dodo.
„Ja! Glaubt es nur! Es gibt sogar Menschen, die in weißen Kitteln durch große Häuser laufen und nichts anderes tun, als Kranken zu helfen! Dadurch haben sich die Menschen auf der ganzen Erde ausgebreitet, weil sie den unvermeidlichen Tod einfach nicht akzeptieren und so weit wie möglich vor sich her schieben.“
„Warum tun sie denn nur so etwas Dummes?“ Fragte der Säbelzahntiger und schaute ratlos in die Runde.
„Der Starke überlebt, der Schwache stirbt. So lautet das Gesetz der Natur! Es muss ihnen doch klar sein, dass sie ihrer eigenen Art damit großen Schaden zufügen, wenn sie die Schwachen und Kranken am Leben halten!“
Wieder versuchte der Dodo ein überlegenes Lächeln und wieder gelang es ihm nicht, weil er einen viel zu großen Schnabel hatte.
„Einigen Menschen sind sich ganz sicher darüber im Klaren, aber es ist ihnen egal. Sie denken nur an ihren eigenen Vorteil und sie wollen nichts anderes als ihre eigene lebenslange Gesundheit um so lange wie möglich ihre Sucht nach Genuss zu befriedigen. Sie nennen sich selbst Konsumenten und sie konsumieren alles! Aber die meisten dieser Konsumenten wissen nicht, dass alles was sie konsumieren entweder vom Acker oder aus der Mine kommt. Stattdessen glauben sie, dass auf ihren Wiesen lila Kühe leben, die Milch aus dem Supermarkt kommt und Fleisch geerntet wird, ohne dass Blut fließt.“
„Haben denn alle Menschen die Gesetze der Natur vergessen? Leben sie alle in dieser Scheinwelt?“ Fragte der Säbelzahntiger.
„Die meisten Menschen haben tatsächlich die Gesetze der Natur vergessen.
Doch an abgelegenen Orten im heißen Dschungel oder in der eisigen Landschaft des Nordens leben immer noch ein paar wenige Menschen in Harmonie mit der Natur. Sie werden “Wilde“ genannt, so lange sie in ihrer Abgeschiedenheit leben. Doch so bald sie auf die anderen Menschen treffen, wollen auch sie ein Auto fahren, mit dem Smartphon telefonieren, im Internet surfen und süße, dunkle Brause aus Plastikflaschen trinken.“
„Also zu meiner Zeit hat es so etwas nicht gegeben!“ Polterte ein alter weißhaariger Neandertaler und der Dodo nickte ihm zu.
„Dieses Begehren nach Konsum ist hochgradig ansteckend und nur die wenigsten Menschen schaffen es, sich dagegen zu wehren. Es ist wie ein Zwang! Menschen müssen immer zu konsumieren und dabei erschaffen sie ganze Berge aus Müll, die bis in alle Ewigkeit auf der Erde verbleiben. Sie haben die Luft, das Wasser und die Erde mit ihren Abfällen verseucht.“
Fassungslos sahen sich die Tiere an und konnten nicht glauben was sie hier hörten.
„Es ist noch viel schlimmer als ihr glaubt!“ Rief der Dodo.
„Wenn die Menschen in Zorn geraten, ist nichts und niemand vor ihnen sicher. Sie überziehen sie Welt mit Krieg und dabei ist es ihnen egal, wie sehr die Natur zu schaden kommt.“
Immer ungläubiger schauten die Tiere den Dodo an. Doch der sah nur dem Beutelwolf traurig in die Augen.
„Vorhin hast du uns gefragt, worauf wir hier warten.“
Sein Publikum hielt den Atem an.
„Wenn alle anderen Tiere ausgestorben sind, dann wird es nicht mehr lange dauern. Dann wird irgendwann auch das letzte Tier, der Mensch hier eintreffen. Wenn wir vollzählig sind, wird dieses Tier in unserer Mitte stehen und wir werden aus der langen Warteschlange einen großen Kreis um ihn bilden. Dann darf endlich jeder Einzelne von uns diesem letzten Menschen sagen wie sehr es ihn schmerzt, dass unsere schöne Erde von ihm vollständig KONSUMIERT wurde.“
Zustimmend nickten die Tiere und ein Jedes reihte sich traurig wieder ein in die Warteschlange auf der Wartesteppe.

2 Kommentare

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Du hast mich zu Tränen gerührt Manfred, weil deine Geschichte leider SO wahr ist.
Manchmal kribbelt es in meinen Fingern. Dann weiß ich, dass ich mich hinsetzen und etwas schreiben muss. Oft weiß ich vorher nicht, was dabei heraus kommt. Manchmal breche ich bei der Hälfte ab, weil es nicht gut ist oder weil mir die Pointe fehlt. Doch diese kleine Geschichte war nach wenigen Minuten fertig. Deine Worte freuen mich sehr!
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