Soziale Netzwerke - Kulturgut oder Zeitgeistwahn?

Soziale Netzwerke - Kulturgut oder Zeitgeistwahn?
Soziale Netzwerke - Kulturgut oder Zeitgeistwahn?

Mein gemeinsames Leben mit Computern reicht zurück bis in die Zeit eines Betriebssystems namens MS-DOS 3.0, als ein merkwürdiger, neuer Systemzusatz namens „Windows“ von allen Computerkennern als nutzlose Spinnerei abgetan wurde, das spätere Internet noch eine Insiderinformation unter Kennern war und in Interviews mit dem amerikanischen Außenminister „Datenautobahn“ genannt wurde.

Inzwischen ist viel passiert. Wir haben den Aufstieg von Windows erlebt - von einer geschickt aufgehübschten Nachahmung eines revolutionären Betriebssystems namens "GEM", das den Betrieb mehrerer Programme gleichzeitig und die Interaktion zwischen ihnen erlaubte, bis zu dem bekannten, überzüchteten Datenmonster, das auch heute noch nicht richtig funktioniert. Ein Betriebssystem, das durch seine Anwendung nach und nach kaputt geht, gehört eigentlich in die Mülltonne und nicht auf unsere Computer. (Dummerweise ist auch der große Konkurrent nicht frei von Nachteilen, die meiner Meinung nach in der Summe die von Windows überwiegen, so dass ich widerwillig das kleinere Übel wählen musste.) Wir haben den Siegeszug des Internetprotokolls World Wide Web gesehen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen. Wir haben die Mobilisierung des Telefons und der Datenkommunikation gesehen und die Auswirkungen, die das auf unser berufliches und privates Leben hat.

All das macht Sinn und hat meine Entwicklung als nebenberuflicher Programmierer und Anwendungsentwickler maßgeblich beeinflusst, wenn auch oft zu früh. Ich erinnere mich, im Februar 1992 den beiden damals führenden Onlineportalen AOL und CompuServe die Idee eines Internet-basierten Musikdienstes vorgeschlagen zu haben - drei Jahre vor Standardisierung des mp3-Formats, wohlgemerkt. Die Idee: Musik ist ein immaterielles Gut, wozu teure Datenträger mitkaufen? Musikstücke könnte man doch auch ganz einfach als Dateien aus dem Internet herunterladen. Das System nannte ich auch noch - ob ihr es glaubt oder nicht - iMusic - sechs Jahre vor dem ersten iMac und neun Jahre vor iTunes. Die Reaktion der beiden Onlineportale ist schnell beschrieben: nichts. Nicht einmal eine Antwort. Ein inoffizielles Telefongespräch mit einem befreundeten AOL-Mitarbeiter ergab diese Insiderinformation: Quatsch wie diesen erhalten die Produktmanager täglich stapelweise. Wenn die Unternehmen jede derartige Spinnerei beachten würden, wären sie längst pleite.

Auch jetzt erlebe ich ähnliches bei meinen Bemühungen, mein Konzept des drahtlosen, voll mobilen DJs als nächste Evolutionsstufe durchzusetzen. Was in spätestens zehn Jahren allgemeine Praxis sein wird, erscheint den meisten Veranstaltern heute als - was wohl? - Quatsch, Spinnerei, ein Hirngespinst, das sich nie durchsetzen wird.

Warum erwähne ich das alles? Aus zwei Gründen: Zum einen, um zu beschreiben, wie frustrierend das Dasein als Visionär sein kann. Zum anderen, um durch diese Analogien zu verdeutlichen, wie schmerzhaft Vision und Wirklichkeit bei den sozialen Netzwerken auseinanderklaffen.

Das erste soziale Netzwerk, das mir unterkam, war StudiVZ, die geistige Vorlage zu Facebook, wie verbissen Ideenklauspezialist Mark Zuckerberg das auch abstreiten mag. Von meinen ersten Gehversuchen in StudiVZ bis zu meinem heutigen Umgang mit Facebook, seniorbook und Konsorten ist meine Grundhaltung im Grunde gleich geblieben: Was soll das eigentlich?

Die Leser der Buchreihe "Per Anhalter durch die Galaxis" kennen natürlich die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, des Universums und dem ganzen Rest - sie lautet: 42. Aber wie steht es mit der Frage nach dem Sinn sozialer Netzwerke? Damit will ich nicht sagen, das soziale Netzwerke nutzlos sind. In ihrer heutigen Ausprägung leiden sie allerdings unter ebenso schwerwiegenden systemischen Defekten wie das Elektroauto. Das wird sich in seiner heutigen Ausprägung niemals durchsetzen können, wie dicht das Netz an Ladestationen auch sein mag, und zwar aus einem einfachen Grund: Ein Elektroauto ist kein wirkliches Automobil. Das Produktversprechen des Automobils lautet: „Ich fahre dich überall hin, wann immer du willst.“ Das hat den globalen Siegeszug des Automobils begründet. So lange man aber beim Elektroauto zum Tanken einen mehrstündigen Termin einplanen muss (oder im kommenden PowerCharge-System eine halbe Stunde), selbst wenn man das Glück hat, dies über Nacht tun zu können, ist dieses Produktversprechen nicht haltbar. Man kann das Elektroauto nicht uneingeschränkt wie ein Automobil nutzen, es ist und bleibt ein überteuertes Spielzeug.

Ähnlich sieht es mit heutigen sozialen Netzwerken aus. Theoretisch könnten sie dazu beitragen, das Leben ihrer Mitglieder zu bereichern und zu verbessern, und das auf eine Weise, wie es so vor dem Internet nicht möglich gewesen wäre. In der gelebten Wirklichkeit sind soziale Netzwerke aber nur oberflächliche Spielwiesen, Beschäftigungstherapie für Menschen, die nicht finden, was sie suchen.

Ich habe interessehalber einmal 100 aufeinander folgende Einträge in meiner seniorbook-Chronik analysiert. Was mir zu allererst aufgefallen ist: Es ist keine einzige selbst verfasste Statusmeldung dabei, also ein Text, den man über das Feld „Halten Sie Eindrücke und Erlebnisse fest“ veröffentlichen kann. Wenn ich es mir recht überlege: Einen solchen selbst verfassten Beitrag habe ich bei seniorbook noch nicht entdeckt, seit ich Mitglied bin, und das ist schon eine Weile. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch ich selbst nutze das Feld nicht für Statusmeldungen, das Umfeld ist einfach nicht danach. Ich würde mich fühlen wie ein Mensch unter Robotern.

Bislang wird das Statusfeld wohl ausschließlich zum Veröffentlichen von Bildern verwendet. Hat denn niemand etwas zu sagen? Will denn niemand mitteilen, wie es ihm/ihr im Augenblick geht, was er/sie fühlt, was er/sie sich wünscht, wie ihm/ihr das heutige Wetter bekommt, was er/sie über aktuellen Ereignisse denkt? Wäre das nicht die eigentliche Aufgabe eines sozialen Netzwerks?

Alles, was ich finde, sind automatisch erzeugte Einträge. Der hat eine Notiz hinterlassen. Die hat eine Notiz kommentiert, oder findet sie lesenswert. Der hat an einer Umfrage teilgenommen. Die hat einen Beitrag kommentiert. Der hat ein Foto veröffentlicht, das sie sehenswert findet. Und dann auch noch das hier: Der hat sein Profilfoto aktualisiert. Aha. Soso. Hmm. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

Und selbst verfasste Statusmeldungen - gibt es die wirklich nicht? Doch, es gibt sie, aber fast ausschließlich als Notiz am Schwarzen Brett. Sicher, dort kann sie von jedem wahrgenommen werden, aber wozu dann mühsam einen Kontaktkreis aufbauen und vielleicht auch noch gegen Einsicht von außen schützen? Welchen Sinn hat ein solcher Kontaktkreis (von Freundeskreis will ich gar nicht erst reden), wenn alles Persönliche am Schwarzen Brett landet?

Natürlich, automatische Einträge fördern die Kommunikation, laden zur Aktivität ein. Wenn allerdings die so veranlassten Aktivitäten auch wieder nur zu Handlungen führen, die weitere automatische Einträge in den Chroniken auslösen, was soll das Ganze dann? Bereichert das wirklich unser aller Leben?

Ich war vor vielen Jahren Bürger einer grafischen Onlinewelt namens WorldsAway, entwickelt in den Studios von Star Wars-Macher George Lucas, später bekannt unter VZones. Dort traf man sich in Gestalt von im Comicstil gehaltenen Avataren in einer malerischen Phantasiewelt, um miteinander zu reden und zu spielen. Die sozialen Kontakte, die sich dort entwickelten, waren oft intensiv und wertvoll. Eine Zeit lang war meine beste Freundin eine Frau aus Arizona, die ich in der materiellen Welt nie getroffen habe. Mit ihr besprach ich Dinge, die ich mit meinen Freunden aus der materiellen Welt niemals besprochen hätte. VZones ist mittlerweile untergegangen, verdrängt von den heutigen sozialen Netzwerken und ihren automatisierten Statusmeldungen. Schöne neue Welt?

Wenn ich in meiner Chronik entdecke, dass jemand eine Notiz lesenswert findet, kann das ja dazu führen, dass ich die Notiz auch lese, aber was bringt das wirklich? Viel interessanter fände ich, zu erfahren, warum der- oder diejenige die Notiz lesenswert findet, inwieweit das auf eigene Erfahrungen zurück geht und was daraus folgt. Natürlich kann ich den- oder diejenige darauf ansprechen, habe das auch hin und wieder getan, aber meist verursache ich damit nur Irritation. So sozial soll das soziale Netzwerk nun auch wieder nicht sein.

In einem sozialen Netzwerk meiner Vorstellung möchte ich mich in eine Gemeinschaft von Menschen eingebettet sehen, die sich für mich interessieren und für die ich mich interessiere. Menschen, mit denen ich auch einmal über Probleme reden kann und denen ich bei deren Problemen helfen kann. Das verstehe ich unter Bereicherung meines Lebens.

11 Kommentare

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Hallo Emil, GEM war eine graphische Benutzeroberfläche von Digital Research für Atari und Commodore PCs. Sie war sehr angelehnt an die Benutzeroberfläche des MACs von Apple.
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Was hat Dein Bestreben oder Deine Werbung, sich als drahtloser mobiler DJ zu etablieren, mit der zuletzt genannten Frage zu tun ?

Junge Leute benötigen keinesfalls einen solchen, das sie auf ihren Smartphones sämtliche, die für sie interessanten Songs mit den dazugehörigen Filmen abgespeichert haben. Sie können dies in eigener Funktion als DJ ständig abrufen und an Freunde weiterleiten.

In der Plattform YouTube ist ebenfalls alles vorhanden, was das Herz begehrt - professionell aufbereitet....

Wenn ich mich in den Sozialen Netzwerken persönlich unterhalten möchte, bleibt doch die PN, die persönllche Nachricht, bzw. ein eingeschränkter Chat von Gleichgesinnten.

Die Sozialen Netzwerke sind auch kein Kulturgut, sondern sie werden sich in kürzester Zeit ständig weiter entwickeln und noch mehr Möglichkeiten schaffen. Sie wurden auch nicht von Usern erfunden - sie werden durch Werbung finanziert, um somit gezielt dieselbe an Zielgruppen weiterzuleiten.
Ich weiß ja nicht, was genau du unter einem DJ verstehst. Ich jedenfalls meine einen Menschen, der in Clubs oderbei Events Musik auflegt und mixt.
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Das ,was du dir hier wünschst,ist wohl fder Wunsch fast aller Mitglieder.Aber es ist natürlich problematisch.mit Menschen,die man kaum jemals treffen wird ,eine enge Beziehung aufzubauen,wo man sich über alles austauschen kann.Da müßte auch eine Vertrauensbasis Geschaffen werden,und da ist das Problem.Wenn man Menschen im realen Leben kennt,kann man sie einordnen anhand von Gestik und Mimik-da merkt man schon,mit Menschenkenntnis,wie der Gegenüber so ist---das kann man in sozialen Netzwerken leider nicht einschätzen,vor allem bin ich derMeinung,daß die Menschen in den Netzwerken nicht immer ihr wahres Gesicht zeigen,sondern in einer Scheinwelt leben--ich selbst habe unter meinen Kontakten zwei oder drei Personen,mit denen ich mich ehrlich über alles austauschen kann.bei den Anderen bin ich mir nicht so sicher,da wird nur alltägliches geschrieben...aber als netter Zeitvertreib sind die Netzwerke schon eine Beschäftigung in der Freizeit.
Ich hatte in früheren Online-Welten wie dem genannten WorlsAway die genau entgegen gesetzte Erfahrung gemacht. Die Freundschaften, die sich dort bildeten, waren frei von der Irritation des äußeren Eindrucks, weil man ja den Avatar und nicht den ihn steuernden Menschen sah. Der Mensch offenbarte sich daher ausschließlich über das, was er sagte und wie er sich verhielt, und nicht über sein Aussehen. Das machte die Beziehungen tiefer und wertvoller. Daher gab es dort sogar häufig virtuelle Eheschließungen zwischen Menschen, die sich nur online kannten, oftmals auch zwischen Leuten, die in der materiellen Welt anderweitig verheiratet waren, oft sogar mit ausdrücklicher Duldung der materiellen Ehepartner.
Sowas kenne ich leider nicht,man lernt nie aus
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Hallo Emil,

habe auch meine EDV-Laufbahn mit MS-DOS und das Internet mit AOL begonnen.

Gegenüber sozialen Netzwerken bin ich skeptisch und habe mich ursprünglich nur wegen meinen Internetkursen angemeldet. Was Sie über das Schwarze Brett und "Mein seniorbook" schreiben, trifft im Allgemeinen zu. Leider vermisse ich Ihre Eindrücke aus den Nachrichten, aus den Kommentaren zu Fotos oder Notizen am Schwarzen Brett. Hier habe ich schon lange intensive und sehr persönliche schriftliche Unterhaltungen gelesen und selbst geführt.

Auch die Statusmeldung habe ich schon einmal benutzt, um meinen Gefühlen nach einem schönen Tag Ausdruck zu geben. Warum machen sie das nicht?
Ich betrachte nach meiner Sicht auf soziale Netzwerke die Kontaktgruppe als eigentliche Kommunikationsplattform, daher würde ich persönlichere Mitteilungen nicht am schwarzen Brett posten, wo sie auch von denen gelesen werden können, die ich nicht zu meinem Kontaktkreis zähle. Allgemeine Hinweise, wie Ankündigungen eigener Beiträge sind hier gut untergebracht, aber über meine Stimmungslage würde ich dann doch liebere in meiner Kontaktgruppe reden.

Wie ich schon geschrieben habe, hatte ich auch hin und wieder die Statusmeldung innerhalb der Kontaktgruppe genutzt, das aber mit einigem Unbehagen, da ich meine Texte nur in einem Umfeld automatisch erzeugter Nachrichten wiederfand. Das scheint das systemische Manko bei seniorbook zu sein.
Auf dem schwarzen Brett halte ich mich auch bedeckt, Der Eintrag im Buch wird leider allen zugänglich gemacht. deshalb bin ich auch hier sehr zurückhaltend. Persönliches beschränke ich auf meine Kontakte. Bei den Kommis zu Fotos und Notizen kann es manchmal schon zu einem persönlichen Smalltalk geben.

Ansonsten finde ich SB recht unterhaltsam.
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Ich sehe es als eine Bereicherung. Man kann ja jederzeit entscheiden, ob und wie man da teilnimmt.
Es überwindet räumliche Grenzen und schafft Möglichkeiten, Menschen zu begegnen, die man real oft kaum getroffen hätte
Das macht mir Mut. Je mehr Menschen ihre Teilnahme an sozialen Netzwerken als Bereicherung empfinden, desto besser werden die Netzwerke.
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