Schloss Schleißheim - Hohe Pläne und hohe Kunst

Schleißheim von Schloss Lustheim aus gesehen
Schleißheim von Schloss Lustheim aus gesehenFoto-Quelle: DEF
Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern

Einige Damen der Münchner Gruppe des Deutschen Evangelischen Frauenbunds machten sich trotz unsicheren Wetteraussichten auf zu einem Besuch der Schleißheimer Schlösser und der dortigen Porzellansammlung und wurden belohnt. Hier der Bericht.

Naht man sich den Schleißheimer Schlössern von der S-Bahn Oberschleißheim, taucht man zur Zeit ein in ein Meer von lila Fliederblüten, denn die hochgewachsenen alten Büsche stehen in voller Blüte. Dann öffnet sich der Blick rechts auf das Alte Schloß Schleißheim, ein an sich auch bereits repräsentatives Rennaissance-Jagdschloß, von mehreren Wittelsbachern ausgebaut. Zuletzt diente es als Sommerresidenz für Kurfürst Ferdinand Maria, den Vater Max Emanuels.

Ländlich in den Wiesen gelegen, mit einem kleinen Brunnen inmitten einiger geschwungener barocker Beete, mit Türmen rundgeschnittener Buchenhecken markiert, hat es sich trotz aller fürstlichen Ansprüche auf Repräsentanz den sommerfrischen Charakter eines Landhauses bewahrt. Umso mehr, wenn der Blick nach links geht und an der gewaltigen Front des Neuen Schlosses Schleißheim entlang gelenkt wird. Kurfürst Max Emanuel hatte einiges mehr vor als ein ländliches Idyll: Er wollte Kaiser werden und brauchte dazu eine geeignete großartige Residenz!

Schleißheim sollte alle bayrischen Schlösser toppen, woran seine unmittelbaren Vorfahren gebaut hatten, die Eltern und der Großvater, der im Kampf um die katholische Sache dem alten Herzogtum Bayern erst die Kurwürde erstritten hatte, die Residenz im Stadtinneren Münchens mit ihren Höfen und Brunnen, und die mit der Mutter verbundene barocke Schlossanlage Nymphenburg, die freilich die deutlich erkennbare Vorlage für die Schleißheimer Anlage gewesen ist. Schleißheim hat eine europäische, ja damals welthistorische Dimension, sollte ebenbürtig und womöglich mehr sein als Paris und Versailles und als das kaiserliche Wien, wo man am Nachfolger des Alten Schlosses von Schönbrunn in ähnlicher Weise gerade baute.

Am besten zeigt sich der imperiale Anspruch des Projektes Schleißheim also tatsächlich an dieser Auffahrtsseite mit ihrer gut gegliederten weiß-gelben Front. Dort findet sich auch die Türkenpforte, Reminiszenz an Max Emanuels glorreiche Jugend als Türkenbezwinger und erfolgreicher Feldherr. Ein Türke, der aus einem Schlangenleib herauswächst, muss als ein Atlant des reich geschnitzte Türgiebelfeld tragen; einen Löwenkopf, darüber das Wappen Bayerns und Sachsens, einen schwertführenden bayrischen Löwen, Kanonen und erbeutete Fahnen zur Linken, sowie rechts einen Engel, der triumphierend den Sieg des rechten Glaubens wie auch des Herrschers Max Emanuel hinausposaunt. Die Tür gehört, einem Frauenverband sei die Bemerkung gestattet, auch einmal gereinigt und neu eingelassen. Wirkung und Aussage werden durch das Vergrauen der kunstvollen Schnitzerei nämlich erheblich gemindert.

Das Innere ist ein Schatzhaus und in gleichem repräsentativen Geist. Gewaltiger Prunk, der den Ruhm des Fürsten mehrt und seine Bedeutung unterstreicht. Max Emanuel hatte hier auch seine prächtige Gemäldesammlung, die heute den Grundstock der weltberühmten Alten Pinakothek in München darstellt.

Aufgelockerter, aber nicht minder repräsentativ ist die Gartenseite. Die höfische Gesellschaft konnte aus dem Mittelteil des Schlosses auf das Plateau des barocken Gartens hinaustreten und sich da ergehen. Das Bundesland Bayern und vermögende Firmen können hier repräsentative Empfänge abhalten und ihren Gästen bieten, sich genauso zu fühlen. Aber da Schlösser und Park allen Bürgerinnen und Bürgern Bayerns gehören und offen sind, können alle die gepflegten Blumenbeete und großen Springbrunnen, die Kaskaden und den sich hinziehenden Park genießen.

Diesen durchschritten die Teilnehmerinnen zügig, denn Mittagessen und Besuch der Porzellansammlung standen auf der Seite des Lustheim am anderen Ende der Schlossanlage auf dem Programm.

Lustheim ist tatsächlich eine Insel, und mehr noch als aus dem Wasser ragt es aus den Sommerwiesen auf. Ein runder Kanal lässt das Schloss wie auf einem grünen Teller garniert erscheinen. Und es ist seinerseits, ein Glücksfall für München und Bayern, nun die Herberge für die Sammlung Ernst Schneider, eine hervorragende Sammlung frühen Meißner Porzellans. Was gibt es nicht alles für hervorragende Stücke zu bewundern, untergebracht in der Zimmerflucht des Erdgeschosses und im Keller von Lustheim!

Es beginnt mit dem kostspieligen Importgut chinesisches Porzellan und den Versuchen Friedrich August Böttgers in Sachsen, für seinen König Porzellan zu schaffen. Zunächst gelang das rote Böttger-Steinzeug, das schon zu einigen Hoffnungen Anlass gab. Dann der Meißner Durchbruch: der vollkommene Ausdruck des gehobenen Stils am sächsischen Königshof. Kaffee- und Jagdservice, mit jeweils nicht nur feinst gemalten, sondern auch figürlich gestalteten Tieren, Pflanzen, menschlichen Szenen. Sehr variantenreich auch die Gestaltung, die verwendeten Muster und Farben. Die Tierfiguren, seien es Hühner oder Affen, Eberköpfe, Vögel oder Schmetterlinge, sind so fein ausgeführt, dass sie Bewunderung erregen. Am meisten vielleicht sogar das berühmte Orchester der Affen, das dort Aufstellung gefunden hat.

Fein und bunt, weinlaubumrankt, girlandenverziert und blütenbestreut ist die Welt des Rokoko, die auf diesen kunstvollen Porzellanstücken verewigt ist, in Darstellungen, die vom ganz einfachen Burlesken über die ironische Verzerrung bis hin zum mythisch Durchdeklinierten reichen. Sie alle umspielen das Königtum und die höfische Gesellschaft, die diese Kunst bezahlt hat. So kostbar, ist sie stets phantasievoller und einfallsreicher als die Wirklichkeit.

Diese Sammlung höchster europäischer Porzellankunst, passt, wenn auch erst vor wenigen Jahrzehnten in das Schleißheimer Ensemble eingefügt, ausgezeichnet zu Idee und Anspruch des Kurfürsten Max Emanuel, der sich und seinem Staat in Schleißheim den passenden Rahmen geben wollte. Seine hochfliegenden Pläne sind bei Weitem nicht zum Tragen gekommen. Aber Schleißheims Schlösser, die Gärten und der Kanal, auf dem eine venezianische Gondel träumt, erinnern auf das Eindrücklichste an Max Emanuel und seine Zeit.

Und schon musste die Gruppe den Park ein zweites Mal durcheilen: Im Süden zog das vorhergesagte Unwetter heran!

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