Krankheitsbewältigung - Wie gehe ich mit meiner Krankheit um?

Krankheitsbewältigung - Wie gehe ich mit meiner Krankheit um?
Krankheitsbewältigung - Wie gehe ich mit meiner Krankheit um?Foto-Quelle: ©Stefan Bayer / www.pixelio.de

Der Text ist zwar in der Ich-Perspektive geschrieben, doch ist er fiktiv.

Chronische Erkrankungen haben einen langwierigen Verlauf und sind in der Regel mit Komplikationen verbunden. Nicht selten geht eine geringere Lebenserwartung einher, oft bestehen auch mehrere Krankheiten nebeneinander. An uns selbst werden große Herausforderungen gestellt.

Wir erfahren die Diagnose von einem Arzt und begreifen im ersten Moment gar nicht, was er sagt. Es dauert, bis wir realisiert haben, dass unser Leben auf einem Schlag in eine andere Richtung treibt, von der wir niemals etwas wissen wollten. Ich bin doch erst 52 oder 60 und lebe mit dem Gedanken, es wird so weitergehen wie bis her. Noch viel zu früh um an den Tod zu denken. Und dann das: Krebs, Parkinson, COPD (Chronisch obstruktive Lungenerkrankung) - verflixt, hätte ich doch mit dem Rauchen aufgehört, Herz, Niere und so weiter – kein Organ hält ewig. Irgendwann werden wir wirklich alt und dann kommen die kleinen Zipperlein.

Aber dann heute in der Arztpraxis. Ein schwarzer Tag, der mich aus der Bahn warf. Die Krankheit katapultierte mich aus meiner gewohnten Wirklichkeit hinaus. Ich stand vor dem schwarzen Loch. Der Tod war in greifbare Nähe gerückt und ich konnte mein bisheriges Leben zu Grabe tragen. Allein diese Vorstellung - wie grausam und dann: Ausgerechnet ich. Warum muss ich an dieser verfluchten Krankheit leiden? Also suchte ich nach dem Sinn meiner Krankheit. Mir stürzten Buchtitel in den Kopf: Krankheit als Weg, Krankheit als Symbol oder als Sprache der Seele. Wenn ich den Sinn meiner Krankheit verstand, so stellte ich mir vor, dann könnte ich mit meiner Krankheit leben. Vielleicht bin ich selber Schuld. Karma!!!!!!!!!!! Ich habe mir die Krankheit selber eingebrockt. Was für ein furchtbarer Gedanke. Nun ja, Geraucht habe ich genug und sehr viel Schnitzel gegessen. Ich hätte Vegetarier werden sollen. Die Krankheit ist womöglich mein Schicksal, eine Prüfung, die mir auferlegt wurde. Von Gott oder einfach nur so. Aber dass die Krankheit mich einfach grundlos erwischt hatte, daran mochte ich nicht glauben. Wenn das Leben einen Sinn hat, dann musste die Krankheit ebenfalls einen Sinn haben.

Die Sinnsuche ist eine Form der Krankheitsbewältigung. Wir suchen nach Strategien, wie wir mit der Krankheit fertig werden sollen. Zu Beginn haben wir vielleicht die Krankheit verleugnet und leben wie bisher, oder wir waren wütend auf die Krankheiten und projizieren unsere Wut auf unsere nächsten Angehörigen oder auf die Krankenschwester. Wir machen ihnen Vorwürfen und meinen aber die böse Krankheit. Jugendliche, die mit dem Bewusstsein leben, ihr ganzen Leben liege noch vor ihnen, ist eine Krankheit ziemlich das Letzte und völlig uncool. Darum verdrängen sie gerne ihre Krankheit. Und wieder schwirrte ein Buchtitel durch meinen Schädel: Die Krebslüge. Ich pfiff auf meine Krankheit und versuchte zu leben wie bisher. Doch Schmerzen und andere Symptome erinnerten mich aber an mein Leiden. Darum studierte ich medizinische Fachbücher und bildete mich zum Medizinexperten aus.Schließlich wollte ich wissen, was für dämliche Krebszellen für meinen Untergang verantwortlich waren oder wie viel Jahre es dauern wird, bis ich Rüdiger Dahlkes Bücher beim Lesen verkehrt herum halte und die Toilette nicht mehr finde. Schließlich hielt ich in meiner Selbsthilfegruppe einen Vortrag und fiel unangenehm auf, weil ich mich im Mittelpunkt stellte und andere nicht zu Wort kommen ließ, die sich nicht so auskannten. Inzwischen hatte ich auch einen Heilpraktiker konsultiert und belegte einen Lehrgang in Reiki, schließlich heilte Jesus auch durch Handauflegen. Ein wenig universelle Lebensenergie konnte sicher nicht schaden.Doch immer wieder quälten mich Gedanken. Ich springe aus dem Fenster oder mich überrollt ein Auto. Das Leben war echt Scheiße. Immer öfter bohrte sich dieser Gedanke durch meine Schädeldecke. Natürlich musste ich irgendwann sterben, aber bevor ich mich entgültig von der Welt verabschiedete, ging ich zum Psychotherapeuten. Vielleicht sterbe ich wenigstens mit einem Lächeln. Reden soll angeblich helfen. Natürlich sagte ich nicht meiner Frau, ich habe was in der Stadt zu erledigen, mein Weg aber ins Büro des Sozialpsychiatrischen Dienstes führte. Ich wollte es unter keinen Umständen riskieren, dass sie mich für verrückt hielt. Wenn ich sterben musste, dann nicht als Verrückter.

Auf Grund meiner Recherchen über alternativer Heilmethoden stieß ich auf den Zenmeister Shunryu Suzuki, dem eine Hepatitis diagnostiziert wurde. Das war sehr traurig, denn er war es gewohnt mit einer seiner Schülerinnen Eis essen zu gehen, was ihm der Arzt aber verbot. Schließlich sollte er sie nicht anstecken. Suzuki war aber froh, weil es sich als Fehldiagnose herausstellte und der Arzt ihm Krebs im Endstadium diagnostizierte. Jetzt durfte er mit seiner Schülerin wieder zum Eis essen gehen.

Diese Story, fand ich toll und ich bereute, dass ich kein Zenmeister bin. Also ging ich ins Zen-Dojo und unterhielt mich mit einem Zenmeister. »Ich möchte erleuchtet sein und meine Krankheit besiegen«, hechelte ich übereifrig. Der Zenmeister hielt mir die Gießkanne hin und sagte: »Begieße die Blumen«.

Inzwischen bin ich gelassener geworden, schließlich bin ich kein jugendlicher Frosch mehr und habe einige Jahre auf dem Buckel. Sonst wäre ich nicht bei seniorbook.de. Habe sogar meine geliebte Morgenzigarette aufgegeben, was mir sehr schwer gefallen war, und bringe ein paar Kilo weniger auf die Waage. Zum Veganer hat es nicht gereicht und auf Lichtnahrung verzichte ich auch, aber immerhin, meine Blutzuckerwerte jumpen nicht wie auf einer Achterbahn.

In Wirklichkeit warf mich meine Krankheit nicht aus der Wirklichkeit, sondern die Krankheit ist ein Teil der Wirklichkeit, die ich in allen Momenten erlebe. Ja, gut, sie warf mich aus der Wirklichkeit heraus, die ich vor der Krankheit erlebte, aber jetzt mit der Krankheit, liegt meine Wirklichkeit ebenfalls in jedem erlebten Augenblick. Daran hat sich doch nichts geändert. Aus der Wirklichkeit zu entfliehen macht wenig Sinn. Wir müssen lernen mit unserer Krankheit zu leben, unsere Krankheit annehmen, denn sie ist ein Teil von uns. Die Krankheit zu akzeptieren wie sie ist, ist sicher eine große Herausforderung, dieser Herausforderung wir uns stellen müssen. Ich stelle mir vor, ich male eine Aquarell mit bunten Farben. Dann lasse ich schwarze Farbe über das bunte Blatt fließen. Die schwarze Farbe ist meine Krankheit. Kreativität kann eine Form der Krankheitsbewältigung sein. Ein Tagebuch schreiben, Gedichte schreiben. Vom Schreiben zum Reden. Schweigen ist in dieser Situation sicher nicht goldwert.

Als der Zenmeister zu mir sagte, ich solle die Blumen begießen, wollte er mir vielleicht nur sagen, tue das, was im Moment gerade notwendig ist.

Aufgrund des postitiven Echos des gestrigen Chat-Themenabends zu genau diesem Thema, hat das Community Team dankenswerterweise die Themengruppe "Krankheit" eingerichtet.

2 Kommentare

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Ein wunderbarer Beitrag, sensibel und eindrucksvoll geschrieben. Er zeigt auf, wie Menschen von einem Tag zum anderen aus ihrem Lebenstrott gerissen werden, und nichts mehr wie früher ist. Und wie jetzt ein Umdenken stattfindet. Alles was man zuvor als Unsinn abgetan hat, an Bedeutung gewinnt.

Ich wünsche Dir jedenfalls, Martin, dass Deine "Blümchen" durch Deine Pflege die Blüten und Blätter gesund in den Himmel strecken.

Rosa
Danke, liebe Rosa
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