Ein spätes Geständnis

Ratsstraße, hinter dem Tor
Ratsstraße, hinter dem TorFoto-Quelle: Gisela Pieler

Samstag war und ich würde tanzen gehen. Im Jugendclubhaus wollte ich meinen Schwarm Norbert wieder sehen. Ich ging sonst nie allein, immer kam eine Freundin mit, aber an diesem Tag war alles anders. Als ich zu meiner Freundin Tini kam, um sie abzuholen, empfing mich ihre Mutter schon und teilte mir mit, daß Tini mit Fieber im Bett läge und sie keinesfalls mitkommen würde. Was nun? Wieder nach Hause gehen? Nein, ich hatte mich so darauf gefreut, schließlich würden auch noch andere Bekannte dort zu finden sein. Also machte ich mich in meinem Minirock, der weißen Bluse und den hohen Absatzschuhen allein auf den Weg, von einer Ecke der Stadt in die andere.

Die ersten Klänge der PI-Combo hörte ich schon von Weitem und sicher würden sich die Bandmitglieder wieder nicht an die vorgegebenen Richtlinien halten und auch ihre neu geübten englischen Lieder spielen, die meine englische Briefpartnerin ihnen Wochen vorher bei ihrem letzten Besuch in den Pausen vorgesungen und die Texte aufgeschrieben hatte. Da ging die Post ab. Anne hatte in unserer Stadt für Aufsehen gesorgt. Fast drei Wochen war sie bei uns zu Gast, obwohl sie sogar vor ihrem ersten Besuch von ihrer Deutschlehrerin angefleht wurde, sich die Reise in die damalige DDR nicht anzutun. In Ruinen würden wir, halb verhungert, hausen und mit Messern bewaffnete Soldaten würden alles abschlachten, was sich nicht an die Normen hält. Vorstellungen hatten diese Menschen von unserem Leben, es schauderte mich.

Mit ihren Minikleidchen hatte sie die Männerwelt schon 2 Jahre vorher aus dem Trab gebracht und meist fuhren die Autos im Schritttempo neben uns her, nur, um dieses blonde, engelartige Wesen zu bestaunen. Die Minimode kam erst später über den eisernen Vorhang zu uns, das ließ wohl die Jugendlichen ausflippen und als wir zusammen vor einigen Wochen zum Tanzen waren, hatten wir wieder Spaß ohne Ende. Sie tanzte barfuß, ließ die Jungen einfach stehen, wenn sie ihr nicht in den Kram passten und sagte auf alle Fragen meist nur: "yes", egal, was sie ihr bei der lauten Musik ins Ohr säuselten. So kam es denn auch, dass am Schluss eine Traube junger Männer darauf wartete, sie nach Hause begleiten zu können, was ich vehement abwehrte.

Daran musste ich wieder denken, als ich die sich schon fleißig auf dem Parkett bewegenden Jugendlichen sah. Noch stand ich unschlüssig am Eingang, als Norberts Freund Axel (Name geändert), auf mich zukam. Er wohnte in einer Nebenstraße meines Elternhauses und leistete gerade seinen Wehrdienst ab. "Komm mit an unseren Tisch", meinte er, "Norbert konnte allerdings nicht kommen, er muss in der Gaststätte seiner Eltern helfen." Schade, fuhr es mir durch den Kopf, denn Norbert war mein Schwarm, er konnte so gut tanzen. Ich setzte mich dann doch lieber zu einigen Mädels, die ich kannte und es war ein lustiger Abend. Ich hatte getanzt, viele Bekannte waren ja da und es verlief alles harmonisch. Langsam jedoch musste ich an den langen Heimweg denken. Quer durch die Stadt und meine Eltern hatten mir aber immer wieder eingebleut, genau dieses in der Nacht nicht zu tun. Die vielen engen Gäßchen, die als Abkürzung möglich waren, waren einfach abends nix für junge Mädchen und ehrlich, mir war auch nicht wohl dabei, wenn man da einem Betrunkenen, der aus einer Kneipe kam, nicht weitläufig ausweichen konnte.

Axel , Norberts Freund, musste auch um 24 Uhr wieder in der Kaserne sein und wollte von der Stadtmitte mit der Straßenbahn bis zu seiner Kaserne fahren. Leider gab es nur einen Bus in meine Richtung und der Letzte fuhr schon um 22 Uhr. Also laufen, aber das machte mir noch nie was aus, denn ich war es gewohnt und machte meinem Spitznamen "Sausewind" alle Ehre.
"Kommst du ein Stück mit bis zur Straßenbahn?" frug mich Axel, als ich mich gerade von den anderen verabschieden wollte. "Dann kannst du mit mir die Abkürzung nehmen. Bin doch dabei", waren seine Worte. Verlockend war das Angebot, denn es sparte etwa 10 Minuten Umweg. Ich kannte Axel seit meinem 10. Lebensjahr. Keinerlei Argwohn hegte ich, denn außerdem war er ja ein guter Freund von Norbert und wollte wohl auch nicht alleine lostrotteln.

Wir unterhielten uns angeregt und so schien der Weg nicht so lang zu sein. Er führte uns durch die Ratsstraße, die zum Obermarkt führte. Plötzlich, aus heiterem Himmel, rappte er mich mit beiden Armen und ehe ich überhaupt reagieren konnte, drückte er mich in die Ecke eines Tores, das sich zwischen dicken Mauern befand. Mit seinem Körper presste er mich so in die Ecke und hielt meine Arme fest, dass ich mich nicht wehren konnte. Er bedeckte mein Gesicht und meinen Hals mit Küssen und ich konnte nur mit dem Kopf ausweichen und ihn hin und her drehen. "Was soll das? Lass mich in Ruhe! ", schrie ich ihn an, aber es nutzte nichts. Niemand hörte es wohl in der kleinen, engen Gasse. Seinen ganzen Körper drückte er mir entgegen und mir war klar, dass ich nicht so einfach hier aus der Ecke kam. Zu viel Kraft hatte er. Mit einem Ratsch waren die Knöpfe der Bluse weg. Ich kam einfach nicht dagegen an und ich sah seine Wut in seinen Augen, dass ich mich wehrte und nicht still hielt. Umso fester wurden seine Griffe und ich bekam kaum noch Luft, als ich seinen Ellenbogen an meinem Hals und die Hand an der Brust spürte. Irgendwie konnte er mit einer Hand seine Hose öffnen und schon zerrte er mir am Slip, denn der kurze Rock stellte kein großes Hindernis dar. Um besser Luft zu bekommen, blieb mir nur eine Möglichkeit ... aufgeben, machen und gewähren lassen. Das schoss mir in Bruchteilen einer Sekunde durch den Kopf und merklich für ihn gab ich meinen Widerstand auf. Aber erst, als er sicher war, dass ich mich in mein Schicksal ergeben hatte, ließ er lockerer und ich spielte ihm die Willenlose vor. Brechreiz stieg in mir hoch, der pure Ekel. Bloß das nicht! Ich musste klare Gedanken haben. Seine Hose war mittlerweile auf die Schuhe gerutscht, eine gute Gelegenheit. Und jetzt musste ich handeln, solange er das Gefühl hatte, freie Bahn zu haben und ... bevor es zu spät war. Mit der rechten Faust versetzte ich ihm einen Schlag ins Gesicht und mit der Linken packte ich ihn an seiner Männlichkeit, so derb ich konnte. Mein Knie setzte ich nach, stieß ihn mit aller Kraft zurück und dann rannte ich, so schnell ich konnte, aus der Gasse den kürzesten Weg auf die angrenzende Straße. So blöd es klingt, aber ich konnte mit hochgezogenem Rock wirklich schneller laufen als er mit runter gelassener Hose, obwohl ich Absatzschuhe trug.

Weg, nur weit weg und sehen, ob jemand auf der Straße ist, der mir notfalls helfen konnte. Die Knöpfe meiner Bluse gab es nicht mehr und mühsam versuchte ich, in sicherer Entfernung meine Bekleidung so herzurichten, dass ich noch die ca 4 km bis nach Hause gehen konnte, ohne besonders aufzufallen. So wechselte ich mehrfach die Straßenseite, um nicht von Passanten aus der Nähe gesehen zu werden. Ich schämte mich so.

Hoffentlich waren meine Eltern schon im Bett und lauschten nur, wie ich auf mein Zimmer ging. So durften sie mich nicht sehen. Niemals! Es ging alles gut. Sachen verstecken, bis ich neue Knöpfe gefunden und angenäht hatte, ins Bad, gründlich diesen ganzen gefühlten Schmutz abwaschen und dann fiel ich ins Bett und weinte leise in die Kissen bis zum frühen Morgengrauen.

Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Sollte ich es meinen Eltern sagen? Was würden sie unternehmen? Was sagen seine Eltern, wenn sie es erfahren?? Sie würden es nicht glauben. Ich würde als Lügnerin dastehen, nicht wieder zum Tanzen gehen dürfen. Es käme raus, dass ich nicht mit Tini dort war ... Aber wie sollte ich mich verhalten? Axel würde mir immer wieder über den Weg laufen. Und das war Norberts Freund? Musste ich nicht wenigstens ihn warnen? Oder war er vielleicht genauso? Nein, schweigen würde ich. IHM aus dem Weg gehen, wann immer es möglich war. Die Stirn werde ich ihm bieten. er wird mich nie wieder anfassen, das schwor ich mir. Gleich am Montag wollte ich mich darum kümmern, wo die Möglichkeit bestand, einen Selbstverteidigungskurs zu belegen. Judo wäre auch nicht schlecht, da kannte ich jemanden. Mich fasst niemand noch einmal an, ohne dass ich es möchte, das hämmerte in meinem Kopf.

Genauso tat ich es dann auch. Judo und Karate waren meine Favoriten. In beiden ließ ich mich ausbilden und seitdem fühlte ich mich nie wieder so hilflos, wie an diesem Abend. Es hat mir später doch einige Male geholfen, mich meiner Haut zu wehren und vor allem, ich wurde dadurch selbstsicherer.

Meine Mutter hat wohl gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war, niemandem habe ich jemals davon erzählt. Axel ging mir zum Glück aus dem Weg und mit Norbert hatte es sich - bestimmt durch diesen Vorfall - auch schnell erledigt. Meine Tochter schickte ich mit 13 Jahren zu einem Selbstverteidigungskurs und 2 meiner 3 Enkelsöhne trainieren Karate. Der 3. kommt erst in die Schule und auch bei ihm werde ich erst beruhigt sein, wenn er auch einen solchen Kurs belegt.

Das war mein spätes Geständnis an mich selbst. Nichts habe ich damals dazu getan, dass es passierte, aber lange hatte ich Schuldgefühle, bevor ich es so einordnen konnte, wie es war. Axel war der Schuldige, nicht ich. Das habe ich in den Jahren meiner Tätigkeit in der Berufsausbildung den jungen Mädchen auch immer wieder vermittelt, wenn sie sich mir anvertrauten. So konnte ich vielleicht einigen noch helfen, sich nicht lange bei der "Schuldfrage" aufzuhalten. Eine Jugendliche habe ich auf ihrem Weg durch den Gerichtsprozess gegen ihren Vergewaltiger begleitet. Sie gewann, obwohl es anfänglich fast aussichtslos erschien. Viel zu oft werden diese Vorkommnisse einfach totgeschwiegen und Eltern und Großeltern sollten die Möglichkeit nutzen, frühzeitig aufzuklären und einen Raum des Vertrauens zu schaffen.

26 Kommentare

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ich kann deine Gedanken nachvollziehen. Damals waren unsere Eltern und die anderen Erwachsenen doch schnell dabei, dich selber zu verurteilen. Ich hätte wohl auch geschwiegen. Aber gut, dass du den Karatekurs gemacht hast und deiner Tochter und den Enkeln das auch ermöglicht hast. Aber so kenne ich dich. Nicht jammern, anpacken ist deine Devise.
Jammern hilft nicht weiter und macht nichts ungeschehen, liebe Gitte. Noch viel schlimmer trifft es die, die von ihren eigenen Vätern, Brüdern vergewaltigt und missbraucht werden. Wie oft kann man "Hilfeschreie" von Betroffenen hören und es wird von Pädagogen einfach nicht genug beachtet, weil es zusätzliche Probleme bringen könnte. Das ist traurige Wahrheit. Ich habe in der sozialpädagogischen Arbeit anonyme Umfragen gemacht und bin so auf viele Mädchen gestoßen, die selbst betroffen waren. Habe danach die Möglichkeit geschaffen, mit mir zu reden und viele haben es genutzt.
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Liebe Gisela, toll geschrieben und vor allen Dingen hast Du nach solch einem Erlebnis etwas für Dich getan. Und das finde ich super.
Ja, liebe Helge, jede schlechte Sache ist auch für was gut. Aber für mich war es die einzige Möglichkeit, in Zukunft dem aus dem Weg gehen zu können.
Ich bewundere Dich.
Das brauchst du nicht. Jede andere Frau, der so etwas passiert, muss auch ihre Konsequenzen ziehen, allerdings behalten manche einen Knacks fürs Leben. Das sollte man sich selbst ersparen, denn nichts kann es ungeschehen machen, aber das Leben muss weiter gehen.
du bist einfach von Geburt an eine starke Frau
Auch das hat mich stark werden lassen.
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Gila , dieser junge Mann hat deine Arglosigkeit total ausgenutzt .
Ob es richtig war über diesen für dich sehr gefährlichen Vorfall , den du Gott sei Dank beherzt gemeistert hast , zu schweigen sei dahingestellt .
Aber ich finde es gut , daß du für dich daraus gelernt hast , daß man durch Selbstverteidigung seinem Angreifer die Stirn bieten kann . Und daß du es deinen Kindern und Enkeln und jungen Mädchen in der von dir betreuten Berufsausbildung auch vermittelt hast . Auch daß die betroffenen Mädchen und Frauen keine Schuld trifft , denn nichts rechtfertigt einen solchen Angriff und eine Vergewaltigung .
Meinen Kindern habe ich auch immer gesagt , es gibt nichts , worüber sie mit mir nicht reden können , ich bin da egal was ihnen widerfährt und stehe ihnen bei .
Sicher hat dich dieser Vorfall verändert und lange dein Inneres beherrscht . Daß du es dir von der Seele schreibst ist für dich gut und wichtig .
Liebe Gila , ich glaube du bist daran auch gewachsen , hast dein Leben nicht zerstören lassen . Dafür hast du meine Hochachtung .
Gute Nacht und ich drück dich . LG Uschi
Liebe Uschi, danke für deine so innigen Worte. Du hast völlig Recht, ich bin auch durch diesen Vorfall ein anderer Mensch geworden, stärker, als ich vorher war. Alles ist auch irgendwie für etwas gut im Leben und macht Sinn. So hab ich auch versucht, es später immer zu sehen.
Gute Nacht, liebe Uschi und einen guten Wochenstart wünsche ich dir von Herzen, Gila
Wünsche ich dir auch meine liebe Gila . Vielen Dank
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Gisela ich kann nicht mehr dazu schreiben.... tut mir leid
Das ist doch kein Problem, Rika. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich fühle mich jetzt irgendwie befreit.
Es geht Gisela, mir ist bald schlecht geworden, wie ich das gelesen habe.. tut mir leid, dass Du so etwas erleiden mußtest..
Ja, es ist Dir jetzt vielleicht etwas leichter, vergessen wirst Du es nie.
Gute Nacht Gisela
Man kann verzeihen, aber nicht vergessen, das stimmt. Schlaf auch gut, Rika,
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Unseren zwei Töchtern haben wir auch immer gesagt:
"Wehrt euch, so gut ihr könnt"
Wer zeigt, das er es nicht mit sich machen läßt, hat gute Chancen.
Denn: "Vergewaltiger sind immer feige kleine Würstchen!!!!"
Danke, Karl, aber ich hatte keine Chance, gegen ihn anzukommen, er hätte mir sonst die Luft abgedrückt, nur, um mich zur Ruhe zu zwingen. Für mich war es der einzige Weg, der Situation zu entrinnen. Später dann bin ich anders aufgetreten, das hat geholfen.
Es muss nicht immer gut gehen........leider
Aber ich habe nie wieder Angst gezeigt, das hilft.
Genau das meine ich
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