Die Mutprobe

Die Mutprobe
Die MutprobeFoto-Quelle: indigolt - www.Fotolia.com

Es war ein herrlicher Sommer. Blauer Himmel, wohin man sah. Noch 14 Tage bis zu den Sommerferien. Für heute war die Schule aber erledigt. Die Klassenarbeiten waren alle geschrieben und die Notenkonferenz hatte auch schon stattgefunden. Der Nachmittag war also frei und konnte zum Spielen in den Feldern, die unmittelbar an unser Grundstück angrenzten, genutzt werden. Ich war 7 Jahre alt und stand vor der sicheren Versetzung von der zweiten in die dritte Klasse.

Heute Nachmittag traf ich mich, wie so oft, mit drei meiner Freunde und wir zogen durch das hohe Gras der Wiesen. Es waren Streuobstwiesen, die überwiegend von Apfelbäumen besiedelt waren. Das Gras war fast höher gewachsen als wir. Sicher sollte es auch bald gemäht werden. Mal rannten wir ein Stück durchs Gras, mal spielten wir Dampfwalze und rollten das Gras platt; natürlich in der Hoffnung, dass uns der Bauer nicht sehen konnte.

Ein Apfelbaum hatte zwei Stämme, die sich etwa 50 cm über dem Boden aus einem heraus teilten. Auf diesem Baum,kletterten wir herum, was dank des geteilten Stammes sehr einfach war. Zu einfach, wie wir fanden. Micha hatte dann die Idee: „Wir machen eine Mutprobe.“ Diese Mutprobe sollte darin bestehen, dass wir auf den Baum bis zu den ersten Dicken Ästen kletterten, um dann von dort aus in das weiche Gras der Wiese zu springen.

Die Höhe betrug etwa 1,5 m, was uns Knirpsen damals schon als sehr hoch erschien. Aber wer hätte sich schon gerne einen Feigling nennen lassen? Noch dazu von seinen Freunden. Also wurde einstimmig beschlossen, diese Mutprobe – wie viele andere davor – in Angriff zu nehmen. Mit drei verschieden langen Grashalmen wurde die Reihenfolge ausgelost.

Ich zog den dritten Platz. Der erste war Tommy. Er erklomm den Baum, sprang herunter und rollte in Fallschirmspringermanier einige Meter durch die Wiese. Micha, der den zweiten Platz gezogen hatte, tat es ihm gleich. Dann war ich an der Reihe.

Das hochklettern war keine besondere Kunst. Der kurze Blick nach unten, lies Zweifel aufkommen, die jedoch schnell verdrängt wurden. Allen Mut zusammen nehmen und Absprung! Der Absprung klappte jedoch nicht ganz, weil ich ein wenig ausrutschte und damit nicht weit genug vom Stamm weg kam.

Mein linker Fuß verhakte sich in dem V, das die beiden Stämme des Baumes bildeten und blieb darin hängen. Mein Fuß zeigte am Ende des Sprungs in Richtung Boden, während der Rest meines Körpers auf dem Rücken liegend gen Himmel schaute. Dieser verdrehte Fuß tat schon ziemlich weh, war aber nichts gegen den kleinen Ast, den ich abbrach und dessen Rest sich in mein Schienbein gebohrt hatte.

So hing ich denn bewegungsunfähig an diesem Apfelbaum.

Sicher versuchten meine Freunde mich aus der misslichen Lage zu befreien. Jeder Hilfeversuch war aber zum scheitern verurteilt. Die Kraft reichte einfach nicht aus. Nach und nach verabschiedeten sie sich, sie müssten zu hause erscheinen. So blieb ich hier im Baum hängen.

Vermutlich würde ich da heute noch hängen, hätte der Besitzer des Ackers nicht gerade heute einen Rundgang gemacht. Vielleicht hätte er mich gar nicht gefunden, wenn ich nicht meinen gaanzen Mut zusammen genommen hätte, meine Scham, aus eigener Dummheit erwachsen, überwunden hätte und ihn auf mich und meine missliche Lage aufmerksam gemacht hätte.

Er verlor zunächst kein Wort sondern Griff beherzt nach meinem Fuß um ihn noch ein wenig mehr zu verdrehen, als er es ohnehin schon war. So brachte er aber mein Bein in eine Lage, die es ihm erlaubte es aus der Stammgabel zu ziehen. Das Loch im Schienbein blutete sehr stark. So sparte er sich Fragen zum Hergang und schickte mich nach hause, damit meine Mutter die Wunde versorgen könne.

Welche Mutproben gab es in Eurer Kindheit? Meine Erfahrung zeigte, dass es solche Mutproben nicht nur bei Jungens gab.

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