Sprache – Klare Worte oder Nebelkerzen?

Sprache – Klare Worte oder Nebelkerzen?
Sprache – Klare Worte oder Nebelkerzen?

Sprache ist das Medium der Kommunikation, dient dem Austausch oder der Übertragung von Information, Gedanken, Vorstellungen, Meinungen, etc. Im normalen Alltag erfüllt sie diese Aufgabe hinreichend gut, vorausgesetzt Sprecher und Zuhörer sprechen die gleiche Sprache. Aber selbst wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, kommt es vor, dass der Sprecher etwas anderes meint als der Zuhörer vernommen hat. So entstehen Missverständnisse.

Die Ursache dafür kann sein, dass der Sprecher sich nicht klar genug ausgedrückt hat. Kommunikation beruht auf dem Austausch von Informationen, die vom Sender nach einem bestimmten Code erzeugt werden und die der Empfänger gemäß demselben Code interpretiert. Verwendet der Sender einen anderen Code als der Empfänger, ist der Empfang gestört.

Man sollte meinen, im normalen Alltagsleben wären Sender und Empfänger daran interessiert, Störungen möglichst auszuschließen. Es gibt jedoch Bereiche, in denen es üblicher Brauch geworden ist, Sachverhalte bewusst sprachlich zu verschleiern, unklar, verkürzt, umschrieben, völlig entstellt wiederzugeben. Beispiele dafür findet man zuhauf, vor allem im Geschäfts- und Bürojargon, aber auch in Politikerstatements und in den Medien. Vielfach wird also so eine Art Geheimcode benutzt, um unangenehme Wahrheiten, eigene Fehler und Versäumnisse zu kaschieren. Peinliches zu verklausulieren, kurz: Unsagbares sagbar zu machen.

Beispiele dafür aus den verschiedenen Bereichen, zunächst aus der Büro- und Arbeitswelt:
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Wenn der Chef sagt „Ich finde den Vorschlag interessant“, kann das heißen, dass er die Idee langweilig findet oder für Quatsch hält
„Wir haben das auf dem Schirm“ kann heißen: Wir haben das zwar auch schon gemerkt, ändern aber trotzdem nichts.
„Da haben wir Optimierungsbedarf“ bedeutet: Das Ergebnis war völlig unbefriedigend.

„Das steht schon auf meiner To-Do-Liste „ - Vielleicht kümmere ich mich mal darum – oder auch nicht.
„Das Potenzial sollten wir noch nutzen“ - Aufforderung an alle Mitarbeiter, mehr und länger zu arbeiten.
„Das werden wir zeitnah in Angriff nehmen“ - Vielleicht kümmern wir uns irgendwann darum.
„Wir müssen ergebnisorientierter arbeiten“ - Bisher haben wir kaum Erfolg gehabt.
„Es bleibt uns nur noch ein kleines Zeitfenster“ - Wir müssen Überstunden einlegen.

Sehr beliebt sind Anglizismen, um zu zeigen, dass man „up-to-date“ ist.
Beispiele:
Human Capital Resource = Arbeistkräfte
Outplacement = Entlassung
Sales Manager = Verkaufsleiter
das operative Geschäft = der Bereich, in dem Geld verdient wird
Consulter = Berater
Top-Performance = Spitzenergebnis
Outsourcing = Verlegung von Arbeitsplätzen, um Kosten zu sparen

Die Liste könnte man seitenlang erweitern. Da werden Mitarbeiter „gebrieft“, wobei das „Briefing“ nicht etwa – dem ursprünglichen Wortsinne entsprechend – kurz und knapp gehalten wird, sondern sich endlos ausdehnen kann. Ein riskantes Unternehmen wird zum „Cjhallenge“, Überstunden werden durch „Afterwork“ nicht schmackhafter, aber vielleicht wichtiger gemacht.

Wichtigtuerei, so scheint es, ist ein Hauptmotiv für kreative Sprache. So trifft man sich zu einem krtisch-konstruktiven Get-Together, was aber auch heißen kann, dass man am Stammtisch nach der Arbeit Smalltalk betreibt. Und wenn man kein High-Performer ist, kann man unter Umständen ein Topprojekt an die Wand fahren,obwohl man zur Zeit noch im grünen Bereich liegt. Natürlich muss man innovativ sein und alle Resourcen nützen, um neue Marktsegmente zu penetireren. Ein Kündigungsgespräch kann schnell mal zu einer Outplacement-Beratung werden mit dem Ziel einer Personalstandsbereinigung unter Verwendung eines Instrumentes der sozialen Verantwortung. Wenn die Geschäfte nicht optimal performen, kann es daran liegen, dass man versäumt hat, eine zielgruppengerechte Produktstrategie proaktiv zu implementieren – auf Deutsch: man hat sich nicht rechtzeitig auf Kundenwünsche eingestellt.

Die letzten Beispiele zeigen, dass man eine Aussage sprachlich so verunstalten kann, dass sie für den Normalbürger nicht mehr verständlich isst. Politiker beherrschen diese Kunst bis zur Perfektion. Sie sind Meister darin, Wahrheiten zu verstecken oder so zu verklausulieren, dass sie alles, aber auch das Gegenteil davon, bedeuten können. Beliebte Mittel sind Euphemismen, also Verschleierung, Verbrämung, was dann zur „political correctness“ wird. So heißt „Maut“ nun „Infrastrukturabgabe“, und das No-Go-Wort „Krieg“ wird verharmlost zu „Einsatz“. Wenn Deutschland oder unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt werden muss, klingt das weniger schlimm als wenn man verkündet, dass ab sofort auch deutsche Soldaten in Gefahr geraten, bei Kampfeinsätzen zu sterben. Und noch harmloser hört es sich an, wenn daraus ein „Stabilisierungseinsatz“ wird.

Es gab mal einen Kanzlerkandidaten, der versprach „Klartext“ zu reden. Erfolg hat er damit nicht einheimsen können. Im Umlauf ist bereits ein Wort, das das Gegenteil von „Klartext“ zu werden verspricht: „Bullshit“, Es bedeutet offenbar nicht etwa „Lüge“, sondern lediglich, dass es dem Bullshitredner egal ist, ob seine Aussage wahr ist oder nicht. Ein Bullshiter lügt nicht, er will nur beeindrucken. Und wer etwas „Bullshit“ nennt, drückt damit nur aus, dass er eine andere „Wahrheit“ kennt, die aber auch nicht glaubwürdiger sein muss.

Politikersprache folgt nicht der alttestamentlichen Forderung "Deine Worte seien Ja-Ja oder Nein-Nein" , sondern eher der Devise des „Sowohl-als-auch“, was heißt, dass man z.B. vor der Wahl Versprochenes so formulieren sollte, dass man immer noch das Gegenteil davon tun kann, ohne als Lügner entlarvt zu werden.

Negativbeispiele der Politikersprache sind Worthülsen, also sinnentleerte Begriffe. Manchmal mutieren Wörter auch dazu, indem sie permanent genutzt werden, ohne dass dafür eine Berechtigung oder Notwendigkeit besteht. Sie werden zu Lieblingswörtern bestimmter Politiker oder Gruppierungen. Ein aktuelles Beispiel ist das Wort „alternativlos“. Es ist zu einem beliebten Totschlagsargument geworden, was keine Gegenrede mehr zulässt.

Ich kann mir hier das weitere Aufzählen von Beispielen sparen. Ich empfehle allen interessierten Lesern die Recherche im Internet. Sie brauchen nurSchlagwörter wie „Politikersprache“, „Bürofloskeln“ und Ähnliches als Suchbegriff eingeben, und sie werden fündig werden.

Besonders aufschlussreich ist folgender Link (nicht alles, was man auf dieser Website lesen kann, ist vorbehaltlos richtig und wahr. Einiges ist eindeutig tendenziös Man sollte vieles mit Vorsicht und kritischem Verstand lesen. Dennoch informativ und interessant !)
http://www.gavagai.de/deutsch/HHD44.htm

Vor allem der Politikus
Gönnt sich der Rede Vollgenuss;
Und wenn er von was sagt, so sei's,
Ist man auch sicher, dass er's weiß.
Wilhelm Busch: Maler Klecksel.

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