Wir wollen alle in Frieden leben

Wir wollen alle in Frieden leben
Wir wollen alle in Frieden lebenFoto-Quelle: ©MartinStauder

Vorgetragen auf der Lesung für Frieden und Menschlichkeit im Salzstadel in Landshut am 27. Juni 2015

Krieg hatte mich nie interessiert. Ich hatte ihn nie kennengelernt. Dreizehn Jahre nach Hitler kam ich auf die Welt und Der Tod im Reisfeld war ganz woanders. In den Siebzigern wurde gegen Atombomben demonstriert und Günter Grass warnte am Ende seines Lebens vor dem dritten Weltkrieg. Die RAF brachte Menschen um und am 11. September hielt die Welt den Atem an. Aber Krieg? Wenn Sirenen heulten, war es immer ein Probealarm. Wenn es einmal kein Probealarm wäre, würde ich trotzdem denken, es wäre ein Probealarm.

Hinter Duderstadt riss die Grenze durch Deutschland. Mir ist das nie aufgefallen. Es ist mir erst so richtig bewusst geworden, als die Grenze gefallen war und wir in einem Auto nach Heiligenstadt fuhren, nur aus Neugier. Willy Brandt besuchte Willi Stoph in Erfurt und ich hatte keine Ahnung, wie die Menschen in der DDR lebten, hatte keine Ahnung, dass Menschen dort nicht reden durften, was sie wollten, hatte keine Ahnung, dass Regimekritiker in psychiatrischen Kliniken verschwanden. Aber jetzt, da ich das weiß, bin ich besonders froh in einer Demokratie zu leben.

Im kalten Krieg war die Bundeswehr Pflichtprogramm. Ich jedenfalls war zu bequem der Kommission zu erläutern, wie entsetzlich ein Krieg ist und dass ich niemals auf einen Menschen schießen werde. Außerdem hatte ich keinen blassen Schimmer, wie es ist auf dem Schlachtfeld zu sterben. Also ging ich zur Bundeswehr. Allerdings umsonst, denn niemals gab es Krieg, nur den Kalten und schnell vergaß ich, wie ich im Ernstfall mit dem Gewehr umzugehen hätte. Es gab zwar keinen Friedensvertrag und der Russe war unser Feind, aber was konnten die Menschen dafür, die im Osten von Deutschland lebten? Es waren Deutsche wie du und ich und niemals hätte ich ein Gewehr gegen sie erhoben. Aus Verzweiflung hätte ich in die Luft geschossen, nur damit es ein wenig knallte und hätte gehofft, ich träfe nicht den Deutschlandadler, der über mir seine Kreise zog. Die Grenze zog wie ein Riss durch die Erde und versuchte zu trennen, was nicht zu trennen ist. Dieser Riss durch Deutschland forderte viele Menschenleben, obwohl der Krieg doch längst vorbei war. Wäre die Grenze bei Duderstadt nur ein wenige Kilometer weiter westlich verlaufen, dann wäre ich in der DDR aufgewachsen, wäre nie in die Bundeswehr geraten und hätte vielleicht Karriere bei der DDR-Grenztruppe gemacht, den sogenannten antifaschistischen Schutzwall verteidigt und eigene Leute erschossen, Freunde oder harmlose Verliebte, die zu ihrem Mädchen in den Westen wollten.

sechster februar neundundachtzig

er wollte frei sein
wie jeder andere auch
doch starb er am zaun
zwei schüsse ins bein
ein schuss in die brust
sein herz schrie auf und verstummte
unter freiheit hatte er etwas anderes verstanden

Ich hatte Glück. Göttingen gehörte zum Westen, wo Meinungsfreiheit noch geschätzt wurde und heute bin ich froh in einer Demokratie zu leben.

Wir leben in Friedenszeiten und wissen nicht, was ein Krieg wirklich ist. Wir können nur dafür sorgen, dass die Erinnerungen an den Zweiten und den Ersten Weltkrieg in Erinnerung bleiben. Dann wissen wir, so etwas darf sich nicht wiederholen, denn im Krieg ist die Lebensvernichtung Programm. Das Sterben auf den Feldern der Ehre war von vielen sogar gewollt. Tatsächlich gab es immer Menschen, die freiwillig in den Krieg zogen. Es ziehen auch manche freiwillig nach Syrien, um für einen Irrsinn zu sterben. Ich nehme an, das sind Menschen, die zumindest eines mit mir gemeinsam haben. Sie wissen eigentlich nicht, worauf sie sich einlassen, weil sie den Krieg nicht kennen. Ob zweiundundsiebzig Jungfrauen im Paradies auf Selbstmordattentäter warten, ist auch in der islamischen Welt heftig umstritten. Meine Meinung dazu: Erstens, die Zahl zweiundsiebzig steht nicht im Koran, zweitens, der Koran lehrt, Allah sei barmherzig, drittens, Selbstmord zählt im Koran zu den schweren Sünden, viertens, der sog. Dschihad ist kein militärischer Heiliger Krieg, sondern nach islamischer Gelehrtenmeinung einfach nur ein Sich-abmühen und zwar in dem Sinne, dass sich ein Muslim abmüht Allah zu gefallen. Schlussfolgerung: Wenn Mohammed Atta, einer der Terroristen vom 11. September, seinen Mitattentätern zurief: »Die Jungfrauen rufen nach euch«, dann hatte er sie bestimmt nicht rufen gehört.

Krieg ist ein riesiges Wundmal auf unserer Erde. Wir brauchen ihn nicht. Menschen, die freiwillig in den Krieg ziehen, wissen nicht, wie es wirklich ist, wenn ihr Leib zerfetzt. Die Pflicht eines Soldaten andere zu erschießen ist unerträglich, aber wer nicht zuerst schießt, wird selbst erschossen. Das ist das Motto jedes Krieges. Was der Krieg ist, wollte ich von Ernst Jünger lernen, was der Holocaust ist, wollte ich von Imre Kértesz und Primo Levi lernen. Ich habe gelernt: Grausamkeiten sind nicht vorstellbar. Vorstellungen davon versuchen nur annähernd die Wirklichkeit zu spiegeln, aber sie lehren uns, dass wir Menschen nur eines wollen: den Frieden. Wir wollen auch weiterhin im Frieden leben.

Niemals war ich dabei, wenn jemand starb. Meine Großmutter starb und ich war zu klein, mein Vater starb und ich war zu weit weg und ein Bombenanschlag ist immer woanders. Auch wenn Großmächte wie die USA gegen den Terrorismus Krieg führen, spielt das für mein praktisches Leben kaum eine Rolle. Mir erscheint das jedenfalls so. Ich kann mich weiterhin ärgern, wenn sich eine Internetseite zu langsam aufbaut. Ich kann mich weiterhin ärgern, wenn im Zeitschriftenladen die Briefmarken ausgegangen sind. Ich kann heiraten und muss mir nicht wie damals in der Bundeswehr anhören, dass das Gewehr die Frau des Soldaten ist. Wie pervers ist das denn? Niemals konnte ich mein Gewehr lieben und beim Anblick eines Maschinengewehrs hatte ich nie eine Erektion. Als Gefreiter verließ ich die Bundeswehr und vergaß das Gewehr. Stattdessen verliebte ich mich in eine wirkliche Frau, Williy Brandt war Bundeskanzler und ich glaubte, es werde niemals Krieg geben.

Ich lebe in einer Zeit, in der der Krieg immer woanders ist. Ebola ist auch woanders. Und der sog. Islamische Staat? Der Krieg ist woanders, aber Flüchtlinge kommen zu uns und werden unsere Nachbarn. Sie erzählen uns, wie viele Tote sie gesehen haben, sie erzählen uns, wie sie geflohen sind. Sie können es mir besser erzählen als Ernst Jünger, denn die Flüchtlinge kann ich ausfragen und sie erzählen mir von der scheußlichsten Erfindung des Menschen, aber ich verschweige, dass die deutsche Schwerindustrie sich mit der Rüstungsindustrie eine goldene Nase verdient! Nein, freiwillig gebe ich das nicht zu. Ich würde mich vor diesen Menschen, die mir vom Krieg und vom Hunger erzählen, zu Tode schämen. Ich könnte ihnen nie mehr ins Gesicht sehen. Die Flüchtlinge sind gekommen, um in Deutschland ein sicheres Leben zu haben und erzählen mir vom Krieg. Ja, der Krieg, nichts ist widerlicher als der Krieg und wir in Deutschland kennen ihn nicht. Nur deutsche Soldaten, die in Afghanistan oder bei anderen Auslandseinsätzen mit dabei waren, könnten berichten, wie sie heute noch darunter leiden.

Die Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind, können mir nichts erzählen. Ihr Leid wurde ins Reich des ewigen Schweigens verbannt. Menschen, die einfach nur leben wollten: verschluckt vom salzigen Meer - und Europa schaut zu.

voyeurismus

zuschauen
uns fallen vor entsetzen die augen heraus
zuschauen
verhandeln, diskutieren, sonderkommissionen
zuschauen
ich kann die talkshows nicht mehr ertragen
zuschauen
gerede, gerede, gerede
zuschauen
versunken im salz
zuschauen
nichts mehr zu sehen
zuschauen
nur das stille meer am morgen
und die schreie
verstummt

Ich möchte keine Friedensnobelpreise sehen, die stinken, als sei über die Lorbeerkränze Urin hinübergeflossen. Wir werden auf diesem Planeten auf lange Sicht nur überleben, wenn wir uns als eine Weltgemeinschaft erkennen und uns nicht fragen müssen, ob wir jenen helfen sollten und den anderen nicht und ich frage mich, ob es wirklich hilfreich ist, wenn wir Panzer in die arabische Welt liefern. Ich habe den Eindruck, trotz des Ersten und Zweiten Weltkrieges wissen die Deutschen immer noch nicht, wie widerlich ein Panzer ist, denn wir leben in einer Welt des Friedens und haben keine Ahnung, was ein Krieg wirklich ist.

Meine Nachbarn kommen aus Syrien. Hasim fragte mich, wie viele Brötchensorten mein Bäcker hat und erzählte von den vielen Todesarten, die er gesehen hatte. Ich ging mit ihm zum Bäcker und schenkte ihm zwei Stück von jeder Sorte, damit er am eigenem Leib den Reichtum Deutschlands erlebte. Hasim freute sich Gast in unserem Land zu sein. »Wenn Deutschland nicht wäre, wäre ich tot.« Traurig senkte er seinen Blick. Vielleicht dachte er gerade an seine Verwandten, die er zurückgelassen hatte. Vielleicht lag einer von ihnen bereits tot im Kugelhagel, nur wusste er nichts davon. Wie schlimm mag diese Ungewissheit sein?

Ich dagegen habe nichts Besseres zu tun, als mich über die Stromrechnung zu ärgern und über Lebensmittelpreise. Wie lächerlich das ist im Angesicht des Krieges!

heimat

es war einmal
und jetzt?
als ob aus den löchern der schutt kotzt
liegt er unten zwischen den fassadengerippen
nur der wind könnte noch heulen
es war einmal -
homs

Hasim sagte: »Wären Eure Städte zerstört und Syrien ein reiches Land, wir würden
euch so lange auf den Wecker gehen, bis ihr endlich zu uns kämt. Unsere Häuser sind auch eure Häuser.«

Über arabische Mentalität hatte ich einiges gelesen, trotzdem verunsicherten mich diese Worte, denn gerade erst war eine Flüchtlingsunterkunft in Flammen aufgegangen. »Wir wollen doch, egal wo, alle in Frieden leben«, fügte Hasim hinzu und plötzlich stiegen Bilder vom zerstörten Dresden in mir auf.

©MartinStauder

8 Kommentare

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Martin, ich danke dir für deine Erzählung, die Worte, die unter die Haut gehen, die das Herz berühren.
"Unsere Häuser sind auch eure Häuser", ja so kenne ich viele Muslime und habe sie erlebt. So ist es manchmal sehr schwer für mich, all das schlimme Geschreibsel hier im Forum zu ertragen, es beschämt mich.
Dein Beitrag gibt Hoffnung. Danke.
Mir geht es da so wie dir, Margret. Ich danke auch dir.
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Ein herausragender Beitrag, der einen gleichzeitig mitreißt und schaudernd verstummen lässt.
Es ist wohltuend, solche Sätze zu lesen als Kontrastprogramm zu manchen gleichermaßen wortgewandten, aber unsäglichen Hetztiraden gegen diejenigen, über deren schweres Schicksal Du hier in klaren, unverschnörkelten und verständigen, aber auch verständnisvollen, Sätzen geschrieben hast.
Obwohl ich zu denen gehöre, die den letzten Krieg auf deutschem Boden noch aus eigenem Erleben erinnern können, hätte ich den Unsinn und das Grauen eines Krieges nicht besser als Du es getan hast beschreiben können. Danke dafür.
Hallo Friedhelm, ich danke auch dir und herzlichen Dank für deinen lieben Kommentar.
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Guter Beitrag, Martin! Ich habe zum Glück niemals einen Krieg direkt erlebt. Hoffentlich bleibt das so.
Und hoffentlich lesen das hier noch viele. Es macht uns deutlich, welche banalen Dinge uns manchmal aufregen.
Vielen Dank Cornelia, Ja ich freue mich, wenn es viele lesen
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sehr schön geschrieben
wunderbar!
Auch ein Statement gegen Krieg und für Frieden und gegen Wegsehen und für Engagement
Dankeschön Edelgard.
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