Schule ohne Hausaufgaben - wo gibt's denn sowas?

Schule ohne Hausaufgaben - wo gibt's denn sowas?
Schule ohne Hausaufgaben - wo gibt's denn sowas?

Wir Senioren sind ja längst jenen Zeiten entwachsen, wo uns diese Frage interessierte. Aber viele von uns haben Enkel, und die können meistens noch ein Lied davon singen.
Ich habe auch Enkel, von denen einer noch im schulpflichtigen Alter ist. Jedes Mal, wenn ich den besuche, erlebe ich das gleiche Theater: der Enkel würde seinem Opa liebend gern – wenn es das Wetter erlaubt – sein neues Modellflugzeug vorführen. Er ist nämlich ein hochmotivierter und geschickter Flugmodellpilot. Seine neueste Errungenschaft, die im Hobbyraum des Kellers steht, führt er mir vor und erklärt mit begeisterten Worten, wozu das Gerät fähig ist. Das Modell ist kunstflugtauglich, extrem wendig und schnell, hat einen besonders starken Motor......und...und...und … Der Enkel steigert sich geradezu in eine Orgie der Begeisterung. Sein Bericht ist gespickt mit Fachbegriffen aus der Luftfahrt, von denen ich nicht die Hälfte je gehört habe: da ist vom Elevator die Rede, vom Dsscent und vom Precision Approach, von Fly-by-Wire und Strömungsabriss bzw. Stall, von Flaps und Go-arounds. Ich höre ihm geduldig zu und gebe mir den Anschein, ihm folgen zu können, denn schließlich soll doch der Enkel nicht meinen, er habe eine „Dumpfbacke“ als Opa. In Wirklichkeit verstehe ich....... Bahnhof.
Dann höre ich: „Das Wetter ist gut, und ich würde ja so gern, Opa, aber.....ich habe keine Zeit, muss noch Hausaufgaben erledigen..... Sch..ß Vokabeln pauken, französische, das stinkt mir schon lange, wie kann man nur eine solche Sprache lernen müssen....das grenzt an Folter....mit Englissch habe ich kein Problem, das brauche ich für mein Hobby. Mathe habe ich schon fertig, damit kann man wenigstens was anfangen, aber...“ – und schon höre ich auch die Mama: „Komm bitte sofort hoch, jetzt habe ich einen Moment Zeit zum Vokabeln abhören. Hoffentlich hast du auch fleißig geübt!“

Damit will ich zum eigentlichen Thema kommen: Sind Hausaufgaben noch zeitgemäß? Nach meinem Kenntnisstand haben (zu) viele Schulkinder heute einen längeren Arbeitstag als ihre berufstätigen Eltern. Immer mehr Schulen werden zu Ganztagsschulen „reformiert“. Was es mit dieser „Reform“ auf sich hat, bedarf einer näheren Untersuchung.

Seit den Zeiten des deutsche Kaiserreiches sollen Hausaufgaben Gelerntes vertiefen, Gelegenheit zum Üben bieten und zum selbstständigen Lernen anregen – und Disziplin und Pflichtbewusstsein schärfen sie angeblich auch. Hausaufgaben sind in Deutschland regelrecht ein Kulturgut. Fast unvorstellbar, dass Lernen auch ohne die nachmittägliche Sitzung am heimischen Schreibtisch funktionieren kann.

In jener Zeit war Kinderarbeit, vor allem in der Landwirtschaft, alltäglich, außerdem mussten viele Schulen nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Schichtbetrieb arbeiten, um allen Schülern einen Unterrichtsbesuch zu ermöglichen. Als Anpassung an diese Bedingungen wurde die zuvor übliche Ganztagsschule abgeschafft und durch die Halbtagsschule ersetzt. Um den Lernstoff nicht ebenfalls zu halbieren, mussten die Schüler zu Hause weiterlernen – die klassischen Hausaufgaben waren geboren.

Nun ist aber heute Kinderarbeit abgeschafft und die Anzahl der Schulen mehr als ausreichend, der Hausaufgaben-Ritus ist trotzdem ungebrochen. Wie fest er verwurzelt ist, zeigt sich zum Beispiel daran, dass sich die pädagogische Forschung jahrzehntelang nur wenig mit dem Thema beschäftigt hat. Auch in der Lehrerausbildung wurde der Sinn der Hausaufgaben kaum in Frage gestellt. Eine kritische Überprüfung von Art, Inhalt und Umfang der Nachmittagsarbeit fand höchstens in den Seminarräumen der Universitäten statt, führte aber kaum zu Änderungen in der Schulpraxis. .

Inzwischen ist durch wissenschaftliche Studien belegt, dass Hausaufgaben kaum Auswirkungen auf die Leistung der Schüler haben. "Gute Schüler werden durch Hausaufgaben nicht unbedingt noch besser", fasste schon 2008 der Erziehungswissenschaftler Hans Gängler von der TU Dresden zusammen, "und schlechte Schüler begreifen durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden haben".

Eigentlich ist doch die logische Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis, dass Schüler, die erst um 16 Uhr aus der Schule kommen, keine Aufgaben mehr mit nach Hause nehmen sollten. Offenbar aber fällt es vielen Schulen noch schwer, sich von der gewohnten Hausaufgaben-Praxis zu verabschieden Ilse Kamski vom Institut für Schulentwicklungsforschung an der Technischen Universität Dresden sagt dazu: „Das Fernziel besteht darin, die Hausaufgaben wieder in den Unterricht zurückzuholen. Viele Schulen entscheiden sich aber zunächst dafür, feste ‚Lernzeiten’ mit einer Art der Hausaufgabenbetreuung anzubieten. Meist stellen sie dann fest, dass das mit viel Aufwand verbunden ist, aber immer noch wenig mit dem Unterricht zu tun hat.“

Offenbar ist es also nicht mit kleinen Reformschritten getan. Abgesehen von der schon an anderer Stelle diskutierten dringenden Notwendigkeit, den Lernstoff der Schule an die veränderten Bedingungen und Entwicklungen unserer Zeit anzupassen, ist hier ein weiteres Feld, in dem der Ruf nach einer „Revolution“ immer lauter wird. Erst wenn ein solcher Umbau erfolgreich vollzogen ist, werden bei uns Schulkinder und ihre Eltern von unnötigem Ballast befreit sein. Und das dürfte vielleicht auch das Ende des heute überall beklagten „Burnout-Syndroms“ bei Schülern, Eltern und Lehrern zur Folge haben.

© FK

Wie kontrovers das Thema „Hausaufgaben“ bei uns noch diskutiert wird, zeigen zahlreiche Beiträge in den Medien. Hier zwei davon als Beispiel

http://www.welt.de/politik/deutschla...-Unfug.html

http://www.spiegel.de/schulspiegel/w...919842.html

Zum Schüler-Burnout hier noch ein interessantes Youtube-Video:

1 Kommentar

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Lieber Friedhelm, ich weiß nicht, ob ich dieselbe Untersuchung gelesen, bzw. gesehen habe wie Du, aber auch ich habe darüber gelesen, dass Hausaufgaben nichts bringen (zu meiner Zeit wurden diese dann am selben Tag, wo sie vorgelegt werden sollten, in Stunden davor im Unterricht gemacht oder abgeschrieben...wer sie nicht hatte, bekam eine schlechte Note dafür).
Da ich die Notwendigkeit für Hausaufgaben nicht einsehe und gleichzeitig mit meinem Wissen auf dem Laufenden bleiben möchte, kommt es gelegentlich schon mal vor, dass ich schon mal die Hausaufgaben mache.
Ich habe nicht das Gefühl, damit Schaden anzurichten (es sind jeweils Sachen, die meine Tochter kann und nur keine Lust dazu hat und/oder keine Zeit, weil sie für ein anderes Fach noch lernen muss).
Leider kann ich als Elternteil die Hausaufgaben nicht abschaffen...alles, was ich machen kann, ist, wenn es eng wird, zu helfen....(bei mir hält sich das sehr in Grenzen, aber es gibt sicherlich Kinder, die mehr der Hilfe bedürfen...wer dann mehrere davon hat, hat dann auch die A.....karte!).
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren