Der Baum bleibt!

Schneesturm
SchneesturmFoto-Quelle: Inga S.-R. privat

Fritzi war gerade mal 13 Jahre alt und wieder stand eine Kriegsweihnacht bevor.
Es sollte die letzte sein, doch Fritzi wusste das ebenso wenig wie alle anderen kriegsgebeutelten, kriegsmüden, hungernden Menschen Anfang Dezember 1944.

Fritzi war mit ihrer Mutter zum “Hamstern” unterwegs, um die letzten Habseligkeiten für etwas Essbares zu tauschen. Die Bäuerin, zu der sie immer gingen, hatte Fritzi eine kleine, krumme Fichte mit spärlichem Geäst geschenkt.
“Sollst einen Weihnachtsbaum haben, Mädel” hatte sie dazu gesagt, ohne sie dabei anzusehen. Fritzi freute sich sehr darüber. Vorsichtig, damit ja keiner der wenigen, dünnen Zweige brechen konnte, legte sie ihren Weihnachtsbaum auf den kleinen Leiterwagen.

Fast zwei Stunden lang mussten sie und ihre Mutter nun durch die Eiseskälte zu fuß zurück in die Stadt. Die Mutter zog den Wagen, Fritzi schob. Mühsam ging es voran. Nicht, dass sie eine besonders große Ausbeute gehabt hätten, nein, das war es nicht. Der eiskalte Nordostwind machte ihnen zu schaffen. Er blies fast waagerecht von vorne und schnitt schmerzhaft in ihre Gesichter. Der Wind hatte den Schnee über die Straße geweht und trieb ihn weiter vor sich her. Der Weg war nur mehr zu ahnen, nicht mehr zu sehen. Fritzi hatte nasse Füße und sie spürte ihre Zehen bei jedem Schritt als schmerzende Anhängsel. Ihre Finger waren trotz der selber gestrickten Handschuhe eiskalt und steif gefroren. Sie und ihre Mutter hatten die Kopftücher tief ins Gesicht gezogen, um sich wenigstens etwas von den wie Nadeln pieksenden Eiskristallen zu schützen. So stolperten sie mehr vorwärts als sie gingen. Beide waren hungrig, müde und kraftlos, doch es musste weitergehen. Bald würde die Dämmerung hereinbrechen und damit würde es noch kälter werden und vor allem unsicher. Vor Anstrengung keuchend, malte die Mutter Fritzi mit blumigen Worten aus, wie sie es sich gleich gemütlich machen würden, denn sie hatten Holz bekommen. Brennholz, Scheite! Endlich würden sie sich wieder einmal ein kleines Feuer im Herd machen können und einen Tee aus im Sommer gesammelten Kräutern. So motivierte die Mutter Fritzi, damit diese nicht aufgab. Vielleicht war es auch mehr eine Selbstmotivation?

Fritzi dachte gar nicht ans Aufgeben!
Sie war in Gedanken damit beschäftigt, wie sie ihren Weihnachtsbaum schmücken würde. Der Karton mit dem Christbaumschmuck musste noch irgendwo im Kellerverschlag sein. Sie wollte den Baum so schön wie nur irgend möglich heraus putzen, denn er sollte ihrem Vater gefallen. Ihr Vater war, wie die Väter ihrer Klassenkameradinnen und -Kameraden, im Krieg. Wo genau er sich jetzt befand, wusste niemand. Seit Wochen hatten sie nichts mehr von ihm gehört. Die Mutter versuchte, Fritzi ihre Angst nicht spüren zu lassen. Doch Fritzi hatte feine Antennen und kannte ihre Mutter. “Papa kommt Weihnachten aus dem Krieg zurück, dann bleibt er hier”, wiederholte sie gebetsmühlenhaft immer wieder. Etwas anderes ließ sie nicht gelten. Ihr geliebter Papa, der immer fröhlich war und der seine Tochter abgöttisch liebte, er würde Weihnachten hier sein und darum musste der Baum wunderschön werden, basta.

Am Nachmittag des 24. Dezember 1944 sah Fritzi immer wieder sehnsuchtsvoll aus dem Eisblumen verzierten Fenster. Nichts tat sich auf der von Trümmern gesäumten Straße. Bisher war immer noch keine Nachricht von ihrem Vater eingetroffen... “Er überrascht uns, ganz sicher”! Gab Fritzi zur Antwort, wenn ihre Mutter sie darauf vorbereiten wollte, dass er sicher nicht käme.

Die kleine, krumme Fichte hatte Fritzi liebevoll mit allem geschmückt, was sie finden konnte. Eigentlich war es viel zu viel Weihnachtsschmuck für diesen kleinen Baum. Doch Fritzi wollte einen prächtigen Christbaum für ihren Vater. Vor lauter Lametta und Kugeln, Glasvögelchen und Engeln sah man gar nicht mehr, wie mickrig der Baum eigentlich war. Er strahlte in weihnachtlichem Glanz. Der Heilige Abend verging, ohne dass eine Nachricht von Fritzis Vater gekommen war...

Kurz nach Heilig Drei König meinte die Mutter, dass der Baum jetzt weg müsse, er nadele doch schon sehr. Fritzi weigerte sich. “Der Baum bleibt, bis Papa wieder da ist. Er soll doch sehen, wie schön ich ihn gemacht habe”. Fritzi ließ sich nicht umstimmen und die Mutter brachte es nicht übers Herz, der Tochter diesen Wunsch abzuschlagen.

Endlich nahte der Frühling. Die große Kälte war vorbei, erste Blumen blühten auf den Wiesen in den Anlagen und die Vögel sangen, dass man fast vergessen konnte, dass Krieg und Not herrschten.
Noch immer keine Nachricht von Papa. Doch der Baum blieb.

Kurz vor Ostern machte die Mutter einen neuen Vorstoß. “Der Baum muss jetzt endlich weg, Fritzi. Wir haben schon gleich Ostern”! “Der Baum bleibt. Er bleibt, bis Papa wieder da ist!” Seufzend fügte sich die Mutter.

Die Tage vergingen. Es war immer dasselbe: Suche nach Eßbarem, Suche nach Brennbarem, Suche nach Stoff, Wolle, Schuhen - nach irgend etwas, aus dem man Bekleidung machen konnte. Fritzi wuchs wie verrückt, trotz der Mangelernährung. Aber sie war ebenso dünn wie alle in diesem unseligen Krieg.

An einem Sonntag Nachmittag kurz nach Ostern saßen Fritzi und ihre Mutter über Flickarbeiten gebeugt am hölzernen Küchentisch. Da klopfte es an der Türe. Die beiden sahen sich überrascht an, denn sie erwateten keinen Besuch. Fritzi öffnete und jubelte laut los: “Papa, Papa, endlich bist du wieder daheim!” Hohlwangig und grau stand die ausgemergelte Gestalt des Vaters in der Türe, doch Fritzi hatte ihn sofort erkannt und zerrte ihn in die Wohnung.

Später, nachdem der Vater sich rasiert und gegessen hatte, sagte er zu seiner Tochter:
“Das ist das schönste Weihnachtsfest meines Lebens und dieser Baum ist der schönste Weihnachtsbaum, den ich je gesehen habe”.

Das ist eine wahre Begebenheit, keine erfundene Geschichte. Eine mütterliche Freundin - Fritzi - hat sie mir erzählt und ich wollte sie Euch nicht vorenthalten.

Copyright Inga Scheer-Ruhland, 19. 07. 2015

Danke für viele Kommentare, Kritik sehr erwünscht!

9 Kommentare

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Hallo Inga, eine Geschichte, die uns in diese traurige Zeit zurück versetzt hat und doch aufzeigt, dass es selbst da Hoffnung, Zuversicht und Glück geben konnte. Sehr schön!
Lieben Gruß u. schönes Wochenende!
Ursula
Hallo Ursula,
vielen Dank für Dein Lob!
Die Hoffnung darf man nie aufgeben...
Dir auch ein schönes Wochenende und liebe Grüße, Inga
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Liebe Inga,
Deine wahre Geschichte hat mich sehr gerührt. Ich finde es immer sehr schön, wenn Menschen wahre Geschichten erzählen und man darf sie in Erzählform bringen . Liebe Grüße Eva
Danke, liebe Eva!
Ich mag die Erzählungen älterer Menschen von früher auch sehr. Man relativiert vieles, wenn man hört, was die Menschen oft durchgemacht haben.
Einen schönen Tag und liebe Grüße, Inga
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Hallo Inga, in der Schreibwerkstatt hast du kürzlich geschrieben: "ich warte noch auf eine Geschichte über einen Weihnachtsbaum." Nun hast du das selbst in die Hand genommen. Sehr schön, gut dass unsere Kinder im Frieden aufgewachsen sind und diese böse Zeit nicht erleben mussten. Liebe Grüße
Hallo Marga,

ich musste dieser Tage mal wieder an Fritzi denken.
Sie war vor vielen Jahren eine sehr geschätzte Kollegin von mir und wir wurden - trotz des Altersunterschiedes - Freundinnen und Vertraute. Wie es so ist, man denkt lange nicht mehr an jemanden und plötzlich sind die Erinnerungen wieder da.
Sie hatte mir diese Geschichte erzählt, sie hat mich damals sehr berührt. Da sie tatsächlich zu unserem derzeitigen Thema passt, habe ich sie veröffentlicht.
Als ich geschrieben habe: "ich warte auf eine Geschichte über einen Weihnachtsbaum" habe ich nicht daran gedacht. So ist es manchmal!

Dass unsere Kinder in Frieden aufwachsen durften, ist wirklich
wunderbar. Hoffen wir, dass auch unsere Enkel und Urenkel dieses Glück zuteil wird!

Liebe Grüße, Inga
man kann nur hoffen und wünschen und beten
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Liebe Inga,
herzlichen Dank, für diese berührende Geschichte. Wenn ich Kurzgeschichten intensiv lese, habe ich stet's den Wunsch, mich mit den genannten Personen und Dingen zu identifizieren. Deine Geschichte ist wunderbar, fühlbar und sanft im Lesefluß. Faszination und Schönheit von Texten entstehen nicht durch Wörter. Sie entstehen durch Übereinstimmung von Wörtern mit Dingen, welche Dir sehr gut gelungen ist. Beim lesen Deiner Geschichte, hatte ich ein gutes Gefühl.
Liebe Grüße, Peter
Ganz herzlichen Dank, lieber Peter!
Gerade von Dir als Profi freue ich mich sehr über Deine Beurteilung.
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