Die Flucht

Oktober 1967. Die jugoslawisch-österreichische Grenze

(Auszug einer Flucht zum allgemeinen Thema: Das Flüchtlingsproblem)

... Unterdessen lagen die drei (Joachim, Piotr und Stasia) Stunde um Stunde durchnässt oberhalb des Grenzüberganges. Zwei Wochen durchlebte Angst und das Bangen, dass ihre Absicht aufgedeckt würde, erfuhren hier ihren Höhepunkt. Kurz nach Mitternacht hörte der Regen endlich auf. Etwa sechzig Meter links von ihnen, stand im Scheinwerferlicht die hölzerne Wachbaracke. Sie sahen die beiden jugoslawischen Grenzer, die auf ihre Wachablösung warteten. Lautstark unterhielten sie sich voller Übermut. Dicker Rauch quoll aus dem Schornstein, der innen Wärme vermuten ließ. Sie selbst rochen nach Angstschweiß und sie froren. Hunger nagte am Selbstbewusstsein.
Stillschweigend betete Joachim: »Herr, lass es bald vorbei sein«.
Der Jüngling (Piotr) wurde nervös.
»Klappt es? «, hörte er ihn flüstern. Mein Gott, hoffentlich dreht er jetzt nicht durch!
»Ja! Bleib nur ruhig! «, knurrte er verhalten zurück. Ein Stein drückte genau dort, wo sein Magengeschwür war. Es musste bald vorbei sein. Lange hielte er diese Qual nicht mehr aus. Der plötzliche Schrei eines aufgescheuchten Vogels, irgendwo in den Baumwipfeln, durchbrach seine Gedanken. Sein Atem stockte.
»Die Wachablösung? Leute, sie kommen! «
Joachim wusste, dass das ihre einzige Chance war, den Fluss zu durchqueren. Die drei zu allem entschlossenen Menschen machten sich bereit. Da vernahmen sie noch ein anderes Geräusch, das ihnen augenblicklich Schrecken einflößte. Es war ein Hundehecheln! Gedämpft, dann anschwellend, schlussendlich zu einem tosenden Lärm geworden. Unwillkürlich zitterte auch sein ganzer Körper: »Ein Hund! Das hat noch gefehlt. «
»Der Hund wird uns riechen? «, sagte der Jüngling. – Er hat genauso die Hosen voll, wie ich!
»Piotr, dann wären wir eben im Dups! Aber es wird gut gehen. Behalte nur die Nerven. In wenigen Augenblicken sind wir drüben«, erwiderte er barsch.
Der Pilger (Joachim) schaute zur Baracke. Sah die Vorbereitung. Inzwischen ging die Wachablösung unter ihnen vorbei und sie wurden nicht wahrgenommen. Er wusste: Jetzt ist der Augenblick. Er holte tief Luft, um das Kommando zu geben, als Piotr ihm zuvorkam. Dieser spurtete urplötzlich in Richtung Brücke.
»Piotr, halte dich rechts! «
Stasia und er rannten zum Fluss. An der Brücke war der reinste Thriller losgebrochen.
»Stoi, bo strelaiju! « Stehen bleiben oder ich schieße, hörte er noch. Jetzt lief er um sein Leben. Im Dickicht traf unerwartet ein Ast sein Gesicht. Voller Pein schrie er auf. Mein Gott, sie müssen es gehört haben und wissen jetzt, dass wir mehrere sind. Unvermittelt peitschten Schüsse auf: einmal, zweimal, dann in ganzen Serien. Er sah das Aufblitzen der Mündungsfeuer. Geschosshornissen brummten dicht vorbei und schlugen in die Baumstämme ein. Seine Beine drohten zu versagen, als endlich der rettende Fluss dar war. Das Wasser reichte ihm bis zur Hüfte. Es war eisig, und seine Kräfte schwanden. Mit letzter Kraft erreichte er das gegenliegende Ufer, das er atemlos empor kletterte. Er riss seine Arme hoch. »Hurra, wir haben es geschafft, liebe Freiheit, ich bin da ...! «
Den Einschlag vernahm er nicht bewusst, nur den unbeschreiblichen Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete: Es hat dich erwischt! Er stolperte, fiel vornüber und schlug hart mit seinem Kopf auf. Die Hölle um sich herum bemerkte Joachim nicht mehr. Die Welt vor seinen Augen wurde schwarz. Der Nebel mit seinen rauchigen Fingern umschloss ihn. Nichts anderes als bodenlose Dunkelheit bettete seinen Fall.
Joachim, wisperte es leise in seinem Innern. Und diesmal war der Lockruf des Bösen deutlicher zu hören, der ihn in diesen Sturm hineingezogen hatte - komm, folge mir nach!

3 Kommentare

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Solche Fluchtbeschreibungen , habe ich auch von vielen Landsleuten gehört,die von Rumänien über die Donau geschwommen sind, und wenn sie nicht im Gefängnis in Serbien landeten, kamen sie über Ungarn und Österreich in die BRD. Die berechtigte Angst, dass es nicht klappt, ist in Deiner Geschichte förmlich zu spüren. ich habe mit meiner Familie viele Jahre gewartet, bis wir unsere Pässe bekamen und legal ausreisen durften.
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Ich auch, Helm Ar! Ist das Deine Geschichte Joachim? Wenn ja, dann lass es uns wissen! Auch wie Dein weiteres Leben verlief und wie es heute ist! Ich bin gespannt! Renate
Ja... Lg Joachim
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